von Claire 4Kommentare

Limettengrün, das neue Schwarz

Vollkommen entzückt habe ich in der vergangenen Woche die Präsentation der exklusiven Haute Couture Kollektionen in Paris verfolgt. Angesichts dieser geballten Raffinesse, der unübertrefflichen handwerklichen Qualität, diesem einzigartigen Inbegriff von Schönheit und Ästhetik drängt sich bei mir immer wieder das wütende Unverständnis über all jene Menschen auf, die Mode als überflüssigen und dämlichen Schnickschnack abtun. Liebe Leute, bitte, werft einen einzigen Blick auf die Pariser Haute Couture - diese hohe Schneiderkunst leistet einen wertvollen Beitrag zu unserem kulturellen Leben, ebenso wie feinste Kunst, Architektur oder Musik. Wer für all diese Kulturbereiche keinen Sinn hat, den halte ich für außerordentlich bemitleidenswert. Punkt.

In der kommenden Haute Couture Saison spielen die Farben eine wichtige Rolle. Alexis Mabille bediente sich an den herrlichsten Couleurs des Regenbogens, und entwarf angenehm unifarbene, paradiesische Kleider in Pink, Orange, Lachsrosa, Smaragdgrün, Zitronengelb, und eleganten Blautönen von Zarthell- über Preußisch- bis Nachtblau. Dem jeweiligen Look entsprechend trugen die Models farbig geschminkte Gesichter und opulenten Rosenkopfputz. Fantastique!

Auch bei Jean Paul Gaultier ging es wie üblich üppig, knallig, fröhlich und dennoch unvergleichlich elegant zu, Hauptinspirationsquelle bot zwar die eher farblose, verstorbene Sängerin Amy Winehouse, doch auch die bunten Haarschöpfe in Violett, Orange und Limettengrün sorgten für außerordentlich viel Furore. Limettengrün? Bei Alexis Mabille gab es ebenfalls einen Look in dieser Farbe zu sehen, auch Donatella Versace schickte ein Model in limettengrüner Couture auf den Laufsteg, und Giorgio Armani integrierte den Farbton sowohl unifarben als auch im wilden Print in seine Kollektion - nun fragt man sich: ist Limettengrün das neue Schwarz?

Es ist schon immer wieder erstaunlich, diese minimalen, aber dennoch auffälligen Übereinstimmungen in den Kollektionen der Modeschöpfer zu entdecken. Plötzlich ist da ein Schnitt, eine Farbe, ein Accessoire, ein Style, der uns redundant auf den Laufstegen begegnet - lässt sich daraus eine Trendentwicklung für die nahe Zukunft erschließen? Ich frage mich das deshalb, weil mir die Farbe Limettengrün, die im Übrigen eher selten in der Modewelt aufzutauchen scheint, eigentlich gar nicht behagt, jedenfalls habe ich kein einziges limettengrünes Kleidungsstück im Schrank hängen. Doch sogar im aktuellen Lookbook der H&M Trend-Kollektion für den Sommer 2012 entdeckte ich Kleider und Badeanzüge in besagtem Farbton, Karla Spetic hat derzeit einen herrlichen limettenfarbenen Hosenanzug im Angebot - ja, so schnell geht das, von einer Sekunde auf die andere finde ich diese Farbe herrlich! Eben erschien sie mir noch schrecklich giftig und höchstens für schlabbrige Esprit-Pullover geeignet, die sowieso keiner kaufen will - nun plötzlich ist das Limettengrün colour of the moment.

Wie aber entstehen solche Farbtrends? Wie kommt es, dass in diesem Winter alle Welt Dunkelrot tragen wollte, wo zuvor doch noch so viele Leute der Meinung waren, Dunkelrot sei etwas für alte Jungfern oder ländliche Balldebütantinnen? Ist denn auf diesem Planeten kein Mensch zu einem eigenen Meinungsbild fähig? Wie gelingt es der Modewelt, uns Saison für Saison plötzlich für bestimmte Farben, Schnitte und Stilrichtungen zu begeistern, die wir im Vorjahr noch als unansehnlich abgestempelt hätten?

Einen entscheidenden Einfluss auf das Trendgeschehen in der Konsumwelt sollen ja angeblich die Trendforscher haben, wachsame Menschen wie beispielsweise Lidewij Edelkoort, eine der berühmtesten Trendforscherinnen überhaupt. Die Arbeitsweise dieser Dame wurde in einem kürzlich auf ZEIT-Online erschienenen Artikel aber folgendermaßen beschrieben:

Ich erfinde nichts Neues", sagt Lidewij Edelkoort, "Ich beobachte einfach, was um mich herum passiert. Was die Menschen anhaben, welche Farben, Frisuren, Stoffe sie tragen und was sie machen." Sie notiere sich ihre Eindrücke und sortiere diese nach Themen. Irgendwann werde etwas so evident, dass sich daraus ein neuer Trend ableiten ließe.

Soll das also bedeuten, dass wir selbst für die kommenden Trends der Modewelt verantwortlich sind? Wie kann das sein? Das Interesse der Konsumenten für einen bestimmten Trend wächst doch erst dann, wenn dieser bereits auf mehreren wichtigen Laufstegen erspäht wurde, lange nachdem die Designer in einem der sündhaft teuren Trend Books, die von Firmen wie Trend Union herausgegeben werden, die neuesten Ergebnisse der Trendforschung studiert haben. Woran erkannte Madame Edelkoort bereits vor Monaten, dass wir Konsumenten im kommenden Frühling, egal ob wir uns als trendunabhängig-individuell oder mainstreamorientiert sehen, Limettengrün tragen wollen? Denn eines steht fest: egal wie sehr man sich auch anstrengt, anders als das Massenmodepublikum gekleidet herumzulaufen - letztlich werden wir doch alle vom alljährlichen Trendtsunami erfasst und können uns nur in bewundernswerten Einzelfällen von der Masse absetzen und einen wirklich gänzlich eigenen Kleidungsstil entwickeln und auftragen.

Ich persönlich habe die Ansicht, dass man Trends nicht von vornherein grund- und vorsätzlich ablehnen muss, sie jedoch kritisch hinterfragen sollte. Denn ist es nicht etwas gruselig, dass wir in jeder Saison plötzlich kollektiv eine neue Lieblingsfarbe haben? Also, liebe Leute, wer hat eine Idee: warum Limettengrün? Hat in den vergangenen Monaten vielleicht eine besonders einflussreiche Modebloggerin oder Schauspielerin oder ein sonstiges It-Girl aus heiterem Himmel zum limettengrünen Cardigan gegriffen? Fühlt sich unsere Gesellschaft von herannahenden Katastrophen bedroht, und wünscht sich daher limettengrüne Kleider als Ausdruck der Hoffnung auf bessere Zeiten? Sind vielleicht kürzlich auf dem Kunstmarkt die Preise für limettengrüne Klecksbilder und Aluminiumskulpturen gestiegen?

Oder ist die Sache viel simpler, als man meinen mag: kommt in jeder Saison einfach rein zufällig eine neue Farbe, schlicht und ergreifend deshalb, weil man ja nicht dieselben Farbtöne wie im Vorjahr präsentieren kann? Ist dieses saftige Limettengrün also einfach nur ein Produkt des rasant rotierenden Modekarussells, das in der Pflicht steht, uns Saison für Saison irgendwelche neue Farben und Schnitte zu präsentieren, bloß deshalb, weil das Alte langweilig geworden ist? Ist Lidewij Edelkoort also eigentlich gar keine so wahnsinnig wachsame Lady, sondern wählt einfach nach dem Zufallsprinzip die neue Farbe der Saison aus, der wir so beeinflussbaren Konsumenten dann blitzschnell verfallen?

Ach ja. Die Modewelt steckt voller Rätsel.

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Tags: alexis mabille, armani privé, jean paul gaultier, karla spetic, mode, trendwatch

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4 Kommentare

  • Delia

    jetzt weiß ich auf jeden Fall ganz genau was du über die Farbe denkst ;) Ich habe mir letztes Jahr limettengrüne, offene High Heels gekauft mit Korkabsatz und bin total in love und freu mich sie im Sommer wieder ausführen zu können! Eine wirklich schöne Gutelaunefarbe, die allerdings wirklich nicht jeder großflächig tragen kann. Aber Accessoires und Akzente gehen immer!

  • carolina

    interessanter artikel, aber limettengrün geht gar nicht ;)

  • Binta

    Toller Artikel!. So geht es mir auch oft, ich finde etwas einfach schrecklich und am anderen Tag liebe ich es. Tja, wie jetzt auch Limettengrün.

  • Nada

    Der letzte Absatz in deinem Artikel erinnert mich sehr an eine Szene in "Funny Face" (ein toller Audrey Hepburn-Film), in der die Chefredakteurin des Modemagazins Pink als die neue Farbe der Saison erklärt, und plötzlich alle nur noch pink tragen:
    http://www.youtube.com/watch?v=aNyu9jOR3KU&feature=related

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