von Claire 9Kommentare

Schön wie eine Kräuterhexe

Wie üblich ist es dem amerikanischen Großmeister der Mode, Marc Jacobs, wieder einmal gelungen, mit seiner jüngst auf der New York Fashion Week vorgestellten Kollektion die geballte Aufmerksamkeit der Modewelt auf sich zu ziehen. Was wir dort auf dem Laufsteg von hochkarätigen Models vorgeführt bekommen haben, lässt sich wohl mit nichts zuvor Gekanntem vergleichen, es ist ein wildes farben-, muster- und formenreiches Potpourri aus verschiedensten Stilen, in die man sich, sofern ausreichend modemutig, im kommenden Winter wird hüllen dürfen.

Überdimensionale, pelzige Riesenschlapphüte, üppig ausgestellte Wollmäntel in knalligem Violett und Tannengrün, kugelige, knöchellange Röcke und Kleider aus glänzend gemusterten Brokatstoffen oder glitzernden Plüschpelzen, mit großen Sicherheitsnadeln zusammengesteckte Häkeldeckchen als Schulterüberwurf, grelle Farbkombinationen aus Giftgrün, Lila, Knallgelb, Himbeerpink und Bonbonrosa, Patchwork, Hahnentritt und zu guter Letzt noch die mit reichlich Perlen oder Blütenapplikationen geschmückten Schnallenschuhe - allein dieses Chaos in Worte zu fassen ist anstrengend und außerordentlich ermüdend, und der Anblick erst - nun ja. Persönlich bin ich zum Einen begeistert von so viel unerschöpflicher Kreativität, und zum Anderen entsetzt angesichts eines so offensichtlichen Modewahnsinns. Wer zum Teufel, lieber Herr Jacobs, möchte denn so gekleidet herumlaufen?

Ich bin eine große Anhängerin avantgardistischer Schneiderkunst und bewundere mit voller Inbrunst all jene Damen und Herren, die mit viel Talent für Farb- und Formkombinationen immer wieder die erstaunlichsten Kleidungskunstwerke hervorbringen - denn als Kunst wird man Marc Jacobs' aktuelle Kreationen ja schon bezeichnen dürfen. Es ist schön zu sehen, dass in einer von Finanzkrisen und Staatsbankrotten geplagten Welt noch ein so großer Raum für kreativ-künstlerische Entfaltung besteht. Doch in Anbetracht einer so offensichtlich chaotischen Modekollektion, die mich, so ganz konnte ich mich noch nicht entscheiden, an Alice im Wunderland oder Grimms Märchen erinnert, frage ich mich: wo geht es mit der Mode und dem Bedürfnis der Konsumenten danach hin? Wollen wir heute wirklich so aussehen wie eine durchgeknallte Kräuterhexe?

Wer ein Modeblog schreibt und die Modewelt also so gut wie möglich zu beobachten versucht, der sieht sich dabei regelmäßig mit verschiedensten Meinungsbildern zu den aktuellen Entwicklungen dieses gesellschaftlichen Zweigs konfrontiert. In den Kommentarbeiträgen zu positiven Artikeln über große Bekleidungsketten wie H&M oder ZARA wird häufig der Unmut vieler Leser über diese Massenmodegiganten laut - Diskussionen über die miserablen Produktionsmethoden gab und gibt es hier und auf anderen Modeblogs zur Genüge. Vor allem aber wird alles, was mainstream ist, verpönt, wohingegen man andererseits auch wieder schnell als chronisch widerspenstig und krampfhaft individuell gelten kann, sobald man sich als allzu großer Feind des Trendstroms offenbart. Hat man sich dann aber für des Modehipsters Lieblingsmarke Acne/Wood Wood/Stine Goya entschieden, so ist man schlicht eine geistlose Modebloggerin von vielen, Opfer der Trendindustrie.

So kommt es mir zumindest manchmal vor, und hin und wieder habe ich selbst solch pauschalisierende Schubladengedanken. Dann frage ich mich aber: Wie kann es uns heute gelingen, neuartig und innovativ gekleidet herumzulaufen, ohne dabei wie eine wildgewordene, erzwungen originelle Furie auszuschauen? Wer sich morgens vor den Kleiderschrank stellt und die Outfitwahl für den anstehenden Tag trifft, der hat dabei doch - und das ist sehr verständlich - den Vorsatz vor Augen: ich möchte gut aussehen und mich wohl in meiner Haut fühlen. Jedenfalls sei an dieser Stelle einfach mal frei die These aufgestellt, dass sich kein Mensch, auch wenn er noch so wenig für Mode übrig hat, absichtlich hässlich machen möchte. Oberstes Ziel bleibt: die Mode soll uns kleiden, nicht entstellen. Können wir uns aber in solch unerhörten Marc-Jacobs-Entwürfen schön und wohl fühlen?

Bis ins 20. Jahrhundert hinein kreierten die Modeschöpfer wahrlich ästhetische Kleidung, dabei ging es, entsprechend dem gerade vorherrschenden Schönheitsideal, doch eigentlich immer primär darum, die äußerlichen Schokoladenseiten des Menschen mit schöner Kleidung herauszuarbeiten. Vergleiche ich beispielsweise die herrlich elegant-androgynen Abendkleider der 20er Jahre, den femininen New Look der 50er oder Coco Chanels unsterblich schönes Tweedkostüm mit Marc Jacobs heutigen verrückten Ideen, so denke ich persönlich zumindest sofort: wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber Cocos Kostüm nehmen als Marcs Plüschhut. Und das, obwohl ich doch avantgardistische Kleidung so sehr liebe, den Modemut verehren und die künstlerischen Ambitionen der Modeschöpfer hochachtungsvoll respektieren möchte. Trotzdem will ich wie wir alle auch - schön gekleidet sein. Gut aussehen, dabei nicht langweilig, trotzdem irgendwie seriös, ernsthaft, intelligent.

Ist Marc Jacobs aktuell gezeigte Kollektion vielleicht aber ein Symbol für ein sich anhaltend gewandeltes Schönheitsideal? Bedeutet schön heute nicht mehr: hübsch, ästhetisch, chic, elegant - so wie Audrey Hepburn in Givenchy oder Grace Kelly in Hermès; sondern: anders, verrückt, innovativ, besonders - so wie Roisin Murphy in Viktor&Rolf oder Tilda Swinton in Christian Lacroix? Ist es das, wozu uns Marc Jacobs mit dieser Mode animieren möchte - auch andersartige, zunächst verrückt erscheinende Kleidung als schön, ästhetisch und damit letztlich tragbar zu betrachten?

Weitere Bilder der Kollektion:

Und hier sehen wir eine Ästhetik aus vergangenen Zeiten: die elegante Bérénice Bejo als Peppy Miller in dem Film "The Artist"

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Tags: marc jacobs, mode, trendwatch

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9 Kommentare

  • mia

    ein spannender artikel, den du da geschrieben hast. mit fragen, die ich mir selbst auch schon oft gestellt habe...

  • Katha

    Du hast ja wieder mal so recht.
    Na ja aber ich weiss nicht, ob Marc J irgendetwas weiss, er hat bei LV auch schon so manchen Mist verzapft, den dann aber trotzdem alle kaufen, ist ja klar.
    Ich finde ich hab Glück, dass ich schon so "alt" bin u einfach "nur" versuche chic u stilvoll auszusehen, alles andere würde peinlich wirken :) so a la Ines de la Fressange, aber die ist nun wirklich schon alt. LG

  • Jana Goldberg

    Hallo Claire,

    es ist ein interessantes Thema, das Du da ansprichts. Bei Mode gibt es nur zwei Richtungen: Entweder schaut der Designer nach hinten und lässt sich vom Glanze der vergangenen Jahrzehnte inspirieren, oder er schaut nach vorn und versucht innovativ zu sein. Du magst zwar avantgardistische Mode, findest aber gleichzeitig die Ästhetik der vergangenen Jahrzehnte schön. Ich persönlich stöbere viel lieber in der Vergangenheit, mische und interpretiere. Mit der Wahl der M.Jacobs Kollektion zur Illustration des Themas tust ihm unrecht. Ich gebe zu, die Komplettlooks sind untragbar und auf die Hütte würde wohl nur Jamiroquai stehen, aber einzeln gesehen, sind v.a die Jacken und Mäntel ganz wunderbar. Ich schätze, genau darum geht es in der Zukunft, um deine Frage zu beantworten, wie sich man sich avantgardistisch kleidet ohne verrückt auszuschauen: Das richtige Verhältnis aus Zukunft und Vergangenheit, um eine Mischung aus unterschiedlichen Stilrichtungen und Designern, kurz - um Pluralität und die Freiheit jeden Tag etwas anderes sein zu können. Immer Chanel ist langweilig. Immer Acne noch langweiliger.
    Übrigens, würde ich tippen, dass die Marc by Marc Jacobs Kollektion für den kommenden Herbst, Dir sehr gut gefällt.
    P.S. Was hältst Du eigentlich von Sumo-Ringer-Dutts (nicht Ballett-Knoten!!), Kassengestellen und ausgebleichten Karottenjeans - allesamt öfter hier bei Streetstyle Strecken zu sehen. Hässlichkeit beginnt für mich genau da.
    Danke für den Artikel.
    Jana

  • Uta

    Ein sehr schöner Artikel... Ich glaube, dass sich natürlich unsere Sehgewohnheiten ändern werden und natürlich werden sie sich mit der Fülle der Angeote auch auseinander bewegen. Neben sehr schlicht muss sehr üppig einen Platz haben usw.. Ich glaube, früher waren es verschiedene Modestile ünd -richtungen, die nacheinander folgten, jetzt beansprucht vieles nebeneinander seinen Platz. Dass alles immer extremer wird ist sicher der Angst geschuldet in der Masse unterzugehen (sowohl der Angst jedes normalen Modekonsumenten wie auch der Angst der Modedesigner).

  • Jana

    Ich sehe die großen Schauen in New York als eine Art Konzentration von Ideen an, von denen man sich inspirieren lassen kann oder einzelne Kleidungsstücke herausnimmt, wie zB einige der Mäntel oder einen Hut, der einen ähnlichen Stil hat, aber wesentlich kleiner ist.
    Man könnte das mit einer Vanilleessence vergleichen. Pur kann man die nicht essen, aber ein bisschen davon ist super!
    Bei ihm geht es auch mehr um Kunst. Er hat da eigentlich ein sehr ungewöhnliches Thema genommen, für Mode vielleicht nicht so naheliegend die böse Hexe aus dem Zauberwald zu wählen. Aber genau deswegen zieht die Kollektion so viel Aufmerksamkeit an.

  • Ila

    Interessanter Artikel. Allerdings ist das sicher nicht die erste seltsame Kollektion auf irgendwelchen Laufstegen. Schon seit mindestens zwei Jahrzehnten sieht Laufsteg-Mode oft einfach nur abgefahren aus, tragbar ist sie nur selten. Besonders schlimm ist es, wenn es uninspirierte Phasen gibt, wie in den frühen 2000ern, wenn niemand wirklich weiß, was nun dran sein soll und dann macht man eben irgendwelchen abgedrehten Firlefanz, um die Saison abzufrühstücken. So sieht es meiner Meinung nach zumindest oft aus. Warum? Offensichtlich damit der Name in der Presse bleibt.
    Das hübsche, das tragbare, das ist dann eben doch oft die Konfektionsmode. Es kommt ja bekanntermaßen nicht selten vor, dass irgendein Saisonteil von zum Beispiel H&M wirklich von allem und jedem getragen wird, egal ob stilbewusst oder nicht. Einfach weil es zum meinetwegen sehr gut sitzt oder eine schöne Silhouette macht oder einen Nerv trifft. Das bleiben uns die "großen Designer" schon seit einiger Zeit schuldig. Sie sehen sich aber scheinbar auch nicht in der Verantwortung dazu. Zu brav soll es ja auch nicht sein, zu massentauglich, das seh ich auch so. Aber so kommt es eben, dass schon seit vielen Jahren kein Klassiker mehr entstanden ist, der wirklich etwas zeitloses hat. Weil es nicht um den Träger oder die Mode, sondern nur um den Effekt geht. Und das hat mit Kunst dann auch nichts mehr zu tun, dafür ist es meistens nicht komplex genug.

  • Ila

    Diese Kollektion finde ich übrigens überhaupt nicht so außergewöhnlich. Bin ich die einzige, die die Kollektion an den Ökostyle der typisch deutschen Waldorf-Klientel erinnert, die mit den bunten Filzhüten, den asymmetrischen Flachsteilen, Krinkelschals und Wollstulpen? Marc Jacobs scheint sich das abgeschaut zu haben.
    Die runten Hüftsilhouetten könnten für ältere Damen mit nur noch wenig Kurven unter Umständen sehr figurschmeichelnd sein...

  • Eveline

    @Ila Ja, an den Öko Style musste ich auch denken. Unter anderem auch an "crazy cat ladies".
    Mir war im übrigen gar nicht so bewusst, dass in den letzten Jahren kein wirklicher Klassiker entstanden ist. Finde ich interessant, aber vielleicht wird sich doch noch einer herauskristallisieren? Vielleicht sind die Zeiten auch einfach vorbei?


    @Claire Toller Artikel und ob du's glaubst oder nicht: Einige deiner Leser interessieren sich wirklich für das was du schreibst. Also warum verbirgt ich hinter einem Link "Tilda Swinton in Christian Lacroix" nicht ein Bild von eben dieser? Ist das eine Vorgabe des Verlags? Ich verstehe das nicht.

  • Nonna

    Eine Modeschau ist ein Statement. Designer zeigen hier neue Silhouetten, neue Texturen, neue Farbkombinationen. Kreativität eben. Coco Chanels formlose Linie, Christian Diors New Look, galten in ihrer Zeit als skandalös, durchgesetzt haben sie sich trotzdem. Duchrschnittliche Modejournalistinnen fragten auch damals sich ihren Leserinnen anbiedernd: "Frauen, wollt ihr so verrückt aussehen?" Die Looks haben sich durchgesetzt, gingen in die Modegeschichte ein, die Labels leben noch heute, nur von den Schreib-Mamsellen spricht keiner mehr.

    "Grace Kelly in Hermès" zu schreiben ist seltsam, sie mit "Audrey Hepburn in Givenchy" zu vergleichen absurd. Hermès produzierte zu der Zeit keine nennenswerte Modekollektion. Grace Kelly trug eine Handtasche und ein Kopftuch von Hermès, weitere Outfits sind nicht bekannt. Für Grace Kellys "Stil" waren in erster Linie Hollywoods Kostümbildner verantwortlich - bis hin zum Brautkleid.

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