von Claire 9Kommentare

Was trägt Anna dello Russo eigentlich auf der Couch?

Kaum sind die Weihnachtsferien vorbei, habe ich schon wieder eine Woche schulfrei, allerdings deshalb, weil ich mich nun auf die schriftlichen Abiturprüfungen vorbereiten darf. Ich werde mich also sieben Tage lang in mein Zimmer einschließen, ordentlich Koffein konsumieren und Analytische Geometrie, Schiller und Kleist sowie weiteres Bildungsmaterial studieren. Oder so ähnlich.

Die Berlin Fashion Week wird demnach bedauerlicherweise ohne mich stattfinden, aber modisch soll es bei mir trotzdem nicht langweilig werden - keinesfalls werde ich im schlabbrigen Gammeloutfit am Schreibtisch sitzen! Pfui! Für die richtige Lernatmosphäre benötige ich nämlich durchaus die entsprechende Garderobe, sonst werde ich niemals produktiv. So verrückt das auch klingen mag - aber ist es denn nicht viel motivierender, im feinen Zwirn Matheaufgaben zu rechnen als im muffigen Wollpullover? Den hebe ich mir für andere Anlässe auf, zum Beispiel für wirklich und vorsätzlich gammlige Fernsehabende ohne Gesellschaft oder fürs Rasenmähen.

Was aber trägt eigentlich eine wahre Fashionista (als die ich mich nicht bezeichnen würde) zuhause, dort, wo keine Streetstylefotografen und Modejournalistinnen und Stylisten kritisch zuschauen? Hat auch eine Anna dello Russo einen zerschlissenen Wollpulli für gemütliche DVD-Soirées im Schrank liegen?

Für jeden möglichen Anlass, in jeder Alltagssituation und zu jeder gesellschaftlichen Veranstaltung diktiert uns die Modewelt die passenden Trends; welche Farben uns in dieser Saison stehen, welche Hosenform wir wählen, welche Cocktailkleider wir kaufen und auf welchen Absätzen wir laufen sollen. Überall wird man beäugt und gemustert, und gerade die Fashion Week ist, egal ob in Berlin, New York oder Paris, sowohl auf als auch neben dem Laufsteg ein Spektakel der Superlative: da übertrumpfen sich die Bloggerinnen und Journalistinnen gegenseitig mit den gewagtesten und unbequemsten Outfits.

Aber wie sieht es in den eigenen vier Wänden aus? Blättert man durch einschlägige, hochglänzende Modezeitschriften, so gibt es äußerst selten mal ein hochkarätiges Editorial mit Outfits für daheim zu begutachten. Ist unser Zuhause womöglich der letzte Ort, an dem wir uns noch getrost vor den Krallen der Modewelt verstecken können? Der einzige Ort, an dem wir es uns, nach einem anstrengenden Tag auf Stöckelschuhen endlich in Wollsocken und unförmigen Strickjacken gemütlich machen dürfen, an dem wir uns von der ständigen Reizüberflutung Mode erholen dürfen?

Jedenfalls wäre es doch in diesem Zusammenhang einmal interessant zu erfahren, was denn die scheinbar modeabhängige Vogue-Elite, was eingefleischte fashionvictims zuhause auf der Couch tragen. Vielleicht ein altes Prada-Bananenhemd aus der vergangenen Saison, in dem man sich keinesfalls mehr auf die Straße wagen darf? Oder Kenzos komische Plateauschuhe, die sich doch eigentlich wunderbar als adäquate Alternative zu biederen Pantoffeln eignen? Die Frage ist: gönnt sich auch eine Anna dello Russo mal eine Modepause?

Oder kann sie es auch nicht lassen, läuft daheim ebenso wie auf der Straße in knallengen Paillettenkleidchen und mit überdimensionalem Haarschmuck herum? Man könnte es ihr nicht verübeln, denn in den Kollektionen der Luxuslabels, die offenbar ausschließlicher Bestandteil ihres Kleiderschranks sind, taucht kein einziger Morgenmantel, nicht die leiseste Andeutung einer bequemen Wollpantoffel auf; da gibt es eben nur Kroko-Highheels und Abendkleider aus crepe de chine. Und selbst in den feinen Dessousgeschäften wie zum Beispiel La Perla oder Princesse tam tam sehen die Morgenmäntel alle gleich aus. Irgendwie öde. Vielleicht wird von alteingesessenen Fashionexperten wie Signora dello Russo oder Miss Tomasi ja auch erwartet, zuhause ausschließlich in edelster Lingerie dieser Häuser herumzulaufen. Ein wenig frisch ist das vielleicht, aber zu irgendwas müssen die sündhaft teuren Edelschlüpfer ja da sein.

Ich habe sogar beim feinen Onlineshop net-a-porter.com unter der Kategorie Loungewear nachgesehen, was es denn da so an Sachen für entspannte Tage zuhause zu kaufen gibt. Fast ausschließliche grelle Frotteejacken von Juicy Couture! Wie schrecklich! Es ist eindeutig: wir sehen hier eine, vielleicht die letzte Marktlücke in der Modewelt! Vielleicht sollte ich doch Modedesign studieren und eine Art "Home Couture" erfinden, Kleider, die wahnsinnig bequem und daher wunderbar für den Hausgebrauch sind, in denen man aber trotzdem so ausschaut, als wäre man gerade auf dem Weg zur Oscarverleihung. Der Vorteil wäre: wir Modepüppchen könnten uns so von diesem furchtbar anstrengenden, Fußschmerzen verursachenden Modezirkus ganz gemütlich daheim auf dem Sofa erholen, und würden dabei, ganz nebenher, auch noch wahnsinnig gut aussehen! Wäre das nicht toll?

Nun ja. Das wäre es sicherlich. Dass ein wirklich entspanntes, gar nicht oscarreifes Homeoutfit aber keinesfalls eine Schande ist, beweist Fashionistas ewiger Lieblingsfilm: in "Breakfast at Tiffany's" rekelt sich eine der berühmtesten Stilikonen aller Zeiten, nämlich Audrey Hepburn, als Holly Golightly im schlichten grauen Pulli und schwarzen Hosen auf der genialen Badewannencouch und beweist uns damit: auch gammlig kann's mal schön sein.

Tags: anna dello russo, homewear, la perla, mode, princesse tam tam

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9 Kommentare

  • Antonia*

    Viel Glück beim Abi!

    http://xoxohugkiss.blogspot.com/

  • Kira

    Wirklich gut geschriebener lustiger Artikel! Macht Spaß zu lesen. Wenn das mit der Marktlücke nicht klappen sollte wäre etwas das in irgendeiner Weise mit Journalismus zu tun hat sicherlich auch keine schlechte Wahl ;)

  • Hans

    Labels wie Iris von Arnim machen wunderschöne Sachen, die genau auf diese weiblichen Bedürfnisse ausgerichtet sind und trotzdem nicht wie diese Frottee-Jogginganzüge aussehen.

  • Alma

    Hihi lustige Gedanken - aber wahr!
    Ich habe auch keine Lust mich im Gammellock an den Schreibtisch zu setzten...aber gemütlich darf es schon sein.

  • Alma

    der Gammellook war gemeint.

  • Jana

    Sehr guter Einfall mit der Home Couture. Das würde ziemlich boomen. Dann würde man die wahnsinnig bequemen und gleichzeitig hinreißend schönen Kleider wahrscheinlich nicht nur zuhause, sondern auch auswärts tragen und sich einen Keks freuen, dass nichts zwickt und kneift.

    Viel Erfolg bei den Vorbereitungen für's Abi!

  • Charlotte

    Ich persoenlich finde es fuerchterlich wenn man draussen super angezogen rumlaeuft und sich dann zu hause umzieht, sobald man zur Tuer rein ist... Sorry, aber Klamotten sollen auch funktionell und bequem sein. Ich verschmaehe deswegen Trends und halte mich lieber an Klassiker.

    Grundsaetzlich bin aber auch dafuer, dass es mehr Homewear geben sollte (u bei net-a-porter gibt's tolle Sachen, nur nicht in der Sale-Zeit ;)). Ich vermisse so etwas va fuer Putztage und Fernsehabende, wenn man die schmutzigen Klamotten nicht mehr tragen moechte, aber im Schlafanzug moechte man nicht rumlaufen.

    Ideal finde ich Leggings in einer neutralen Farbe und gerade geschnittene Oberteile (schlichte Tanktops, Kaschmirpullover im Winter, Hemden).

  • Janice

    "Zum Interview erscheint sie (Anna dello Russo) allerdings in Abercrombie & Fitch"
    http://www.sueddeutsche.de/leben/im-interview-anna-dello-russo-die-mode-jaegerin-1.981638

  • Julia

    Ich finde - manchmal braucht man einfach einen Hoodie zum reinkuscheln auf der Couch und entspannen, nicht grad in Spitzenunterwäsche (wenn dann drunter). Aber selbst da gibt es schön und "knallpink" wie du so schön sagst....
    An manchen Tagen zieh ich zu Hause auch einfach lange schöne kleider an, weil mir danach ist. Ich denke egal ob drinnen oder draußen - man sollte sich vor allem wohlfühlen, sonst bringen die schönsten Kleider nichts...

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