von Claire 3Kommentare

Von Sport-BHs und Pelzmänteln

In verlässlichen Abständen tauchen in Modemagazinen jeglichen Niveaus immer wieder Editorials auf, in denen uns die zuständigen Models Sportswear präsentieren - eifrig posierend, perfekt geschminkt, mit Hochsteckfrisur. Dass die abgebildeten Damen darin allerdings keinesfalls Sport machen, ist hierbei nebensächlich, natürlich, denn das Ganze soll ja nach Glanz und Glamour aussehen, und nicht nach einer schweißtreibenden Bauch-Beine-Po-Einheit. Der ästhetisch-modische Wert von Cargohosen und Croptops steht also im Vordergrund, und das bevorzugt in Kombination mit Pelzstolen, Lederstiefeln oder üppigem Goldschmuck.

Diese Form der modischen Kreuzung scheint beliebter als man glauben mag. Jüngst erschien in der australischen Harper's Bazaar das Editorial "Rush Hour", in dem Bette Franke, fotografiert von Benny Horne, glamourös gestylte Sportswear aufträgt - da hätten wir einen athletischen Badeanzug zum gold-glänzenden Parka, Plastikkäppi und Pythonlederclutch, außerdem den lässig-luxuriösen Lederjogginganzug von Louis Vuitton, fusionierend mit High Heels und klimpernden Armreifen. Überaus exzentrisch, muss ich sagen, doch ganz so neu ist diese Idee nicht, denn bereits im letzten Jahr erschien unter der Regie von Fotograf Greg Kadel die Bildstrecke "Winterspiele" in der deutschen Vogue: hier durfte man smoky eyes zu Skistiefeln sowie Sport-Bh und Pelzjacke bewundern. Der dazugehörige Untertitel lautete: "Unschlagbar extravagant: Sportswear in Verbindung mit Pelz und Leder".

Unschlagbar extravagant? Nun ja. Der Betrachter mag sich fragen, für welchen Anlass Stylisten und Fotografen derartige Modestrecken erdacht haben. Natürlich steht hinter einem aufwendig produzierten Editorial immer primär die künstlerische Idee; ob die dargestellten Kleidungskombinationen tatsächlich so tragbar sind, ist meist fraglich. Dennoch soll eine Modestrecke doch immer auch als adäquate Stilinspiration dienen, als Wegweiser für Outfitfragen bei verschiedenen Anlässen. Nun also: wo bitte soll ich in Sport-Bh und Pelzmantel auftauchen? Wo in Skistiefeln und Cocktailkleid?

Oder sind diese gewollt lässig-glamourösen Ensembles gar für die sportliche Ertüchtigung selbst gedacht? Sollen wir nun mit der Pythonleder-Clutch unterm Arm übers Laufband hetzen und in High Heels Tennis spielen? Apropos Tennis: in diesem Kontext sei die Bildstrecke "Strong is beautiful" des Fotografen Dewey Nicks erwähnt, auf die ich durch einen Artikel im ZEITMagazin aufmerksam wurde. Der Künstler lichtete dafür professionelle Tennisspielerinnen ab - darunter Serena Williams, Victoria Azarenka, Samantha Stosur oder Kim Clijsters - und zwar ausschließlich in tatsächlicher Aktion, nicht in gekünstelter Pose. Dies ist und bleibt im Bereich der Sportswear-Mode-Fotografie jedoch eine Ausnahme. Denn wie Elisabeth Raether in besagtem Artikel des ZEITMagazins so schön schrieb:

Nicht dass wir ein weiteres weibliches Schönheitsideal brauchten (...) Die Bilder, die wir hier sehen, sagen etwas anderes: Auf den Fotos posieren die Frauen nicht. Es sind keine Inszenierungen - kein Lächeln, kein Schmollmund -, stattdessen stehen ihnen Anstrengung und Konzentration ins Gesicht geschrieben. Die Bewegungen folgen nicht den Anweisungen des Fotografen, sie sind funktional, sie sind das Spiel. Wir sehen auf den Bildern Frauen, die nicht herumstehen, herumliegen, herumhüpfen und dabei aussehen oder darstellen, sondern Frauen, die etwas tun, und das ist in der Flut der Bilder von Frauen, die wir heute zu Gesicht bekommen, nicht so selbstverständlich, wie es sich anhört.

In der Tat muss ich Frau Raether hier eindeutig zustimmen. Es ist oftmals ein Vergnügen, die herrlich aufgemachten Editorials der Modemagazine zu bewundern - doch zunehmend kann ich persönlich immer weniger mit jener Fotografie etwas anfangen, die ausschließlich auf oberflächliche, gestellte Inszenierung und optimale Perfektion abzielt. Viel interessanter und auch tiefsinniger, viel realitätsnäher, persönlicher, authentischer und dabei weitaus zauberhafter sind doch gerade Bilder, die wie rein zufällig entstandene Schnappschüsse aussehen. So originell sportliche Elemente im eleganten Luxusoutfit sein mögen - es schaut meist leider wirklich nicht sehr sportlich aus, sondern eher so, als wollten uns die verantwortlichen Stylisten zu perfekt durchgestylten Outfits fürs Fitnessstudio und die Tartanbahn inspirieren.

An dieser Stelle sei gesagt: bitte, liebe Stylisten, Fotografen oder sonstigen Leute, die in der Modewelt den Ton angeben - wäre es nicht schön, wenn man uns zumindest bei der körperlichen Ertüchtigung einmal nicht mit Modefragen tangieren würde? In jeder Lebenslage muss man sich heutzutage schließlich stilistisch einwandfrei kleiden und modisch behaupten können, ob in der Schule, im Beruf, beim Einkauf oder Hundespaziergang. Die Mode lässt uns nicht aus ihren Klauen, überall lauert sie mit ihren Trends und ihrem gewaltigen Einfluss, und als modeaffiner Mensch finde ich das ja eigentlich auch ganz nett - jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt. Beim Sport will und soll sich der Mensch bewegen, er soll laufen, rennen, spielen, dribbeln, atmen, transpirieren - und sich keine Gedanken über das dazu passende, optimale Outfit machen. Ich liebe Mode, aber als leidenschaftliche Leichtathletin kann ich sagen: beim 400m-Sprinttraining ist es mir ziemlich egal, wie ich aussehe. Da brauche ich - überspitzt ausgedrückt - kein Pythonledertäschchen unterm Arm, und High Heels an den Füßen schon gar nicht. Hier kann endlich einmal getrost gesagt werden: form follows function!

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Tags: editorial, fotografie, mode, zeit magazin

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3 Kommentare

  • katja

    liebe claire, toller artikel. ich bewundere deine schreibkunst, deine klugen gedankengänge immer wieder - zumal ich im selben alter bin!
    danke danke danke :)

  • Lyla

    Ich mag deine Texte, aber du benutzt oft zu viele Adjektive.

  • lila

    Ich finde einfach alles was und wie Du schreibst toll. Manchmal ein bisschen mehr, und manchmal ein bisschen weniger. Das variiert aber eher zwischen den Themen für die ich mich mal mehr; mal weniger interessiere ;) Ich wünsche dir, dass dein Blog hier im Netzwerk ein gutes Sprungbrett für dich und deine journalistische Karriere ist!

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