von Claire 15Kommentare

La dolce vita für alle

Versace for H&M - kaum eine vielversprechendere Kooperation könnte sich das schwedische Modeunternehmen wünschen, um seinem massentauglichen Image wieder einmal etwas Glamour und Exklusivität einzuhauchen. 2004 launchte H&M mit Karl Lagerfeld die erste, limitierte Designer-Kollektion, innerhalb weniger Stunden waren die schwarzen Kleider, Jacken und Mäntel, exklusiv vom Altmeister der Mode persönlich entworfen, weltweit so gut wie ausverkauft. Es folgten Elio Fiorucci, Stella McCartney, Viktor&Rolf, Roberto Cavalli, Rei Kawakubo, Jimmy Choo, Sonia Rykiel, Matthew Williamson und zuletzt das französische Traditionshaus Lanvin - und Alber Elbaz äußerte sich über die Zusammenarbeit folgendermaßen:

I think I loved the idea that H&M was going luxury rather than Lanvin is going public. I thought it was a smart concept, so I said "I do".

In der Tat setzt der skandinavische Modegigant mit seinen kleinen Luxuskollektionen zu einigermaßen erschwinglichen Preisen ein äußerst kluges und raffiniertes Konzept um: so dürfen wir Massenmode immer wieder elegant, originell und qualitativ hochwertig erleben. H&M erscheint als der Vermittler zwischen traumhafter, irrealer Dekadenz und Exklusivität und dem gemeinen Volk, das für Designerkleidung normalerweise nicht die finanziellen Mittel hat. Mithilfe dieser Kooperationen wird Mode also demokratisch - und kann auf diese Weise vielleicht auch bestimmte Modeerscheinungen an ein größeres Publikum bringen und verbreiten.

Am vergangenen Donnerstag besuchte ich den Hamburger Showroom von H&M, um mir mal ein genaueres Bild von der Kollektion aus der Feder von Modekönigin Donatella Versace machen zu können. Denn, das weiß jedes Kind: Papier ist geduldig, und obwohl bereits seit einigen Wochen Bilder der Kampagne kursieren und mittlerweile alle Welt weiß, dass wir uns am 17. November auf Leggins mit Palmendrucken, nietenbesetzte Lederjacken, pink- und orangefarbene Kleidchen und schwarze Lackbooties stürzen dürfen, ist eine vorherige Inspektion der Kleidungsstücke wahrlich interessant.

Beim Betrachten und Befühlen der tatsächlich perfekt geschnittenen Bustiers, der aufwendig mit Pailletten bestickten Kleider und der knallig bedruckten Röckchen mit hübschen Details wie kleinen goldenen Metalleinfassungen am Saum fiel mir eine Textpassage über die Geschichte Versaces und seine modische Ausrichtung wieder ein, die ich einmal in dem praktischen Nachschlagewerk "Mode - ein Schnellkurs" gelesen hatte:

In den 1980er-Jahren war Gianni Versace zu einer der führenden Figuren der internationalen modischen Avantgarde geworden. Seine Mode war bunt, sexy und spektakulär, oft an der Grenze zum Vulgär-Obszönen (...) Versaces Mode ist prunkvoll und ironisiert diesen Prunk zugleich, sie wirkt oft kitschig und ironisiert auch das, indem sie verdeutlicht, dass traditionelle Eleganz kein sinnvolles Kriterium für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr sein kann - dass man eigentlich überhaupt keine klare Grenze mehr ziehen kann zwischen Geschmack und Geschmacklosigkeit, zwischen Eleganz und Kitsch, zwischen dem Erhabenen und Niedrigen, zwischen elitär und populär.

Genau dieser ironisierte Kitsch, dieses Italienisch-Prunkvolle mit schelmischem Augenzwinkern - das ist es, was sich auch in der Kollektion für H&M finden lässt. Palmen, Medusenhäupter, schillernde Farben, Gold und verführerisches Schwarz, Seide, Lack und Leder, darauf darf sich das modebegeisterte Volk freuen, und um ehrlich zu sein empfinde ich den Anblick dieser durchaus etwas knalligen Kollektion nach all der puristischen Schlabbermode der vergangenen Saisons als äußerst erfrischend. Denn obwohl ich immer noch ein großer Anhänger avantgardistischer Designer wie Rei Kawakubo oder Gareth Pugh bin, darf es zur trüben Winterzeit auch gerne einmal ein wenig italienischer Rock 'n' Roll fern von konzeptuell-minimalistischen Sackkleidern sein.

Und diesen engen, prunkvoll bedruckten Kleidchen mangelt es wahrlich nicht an subtiler Raffinesse. Oh nein. Die Träger der Kleider verlaufen diagonal über dem Dekolleté und werden mit hübsch geriffelten Goldknöpfen fixiert, die aufwendigen Nietendekorationen ergeben komplexe Muster auf den seidigen Stoffen, Cut-Outs am Rücken versprühen Sexy- und Coolness zugleich. Das ist es wohl, was diese Kollektion vielleicht am besten beschreibt: sie ist nicht ausschließlich aggressiv sexy, nicht bloß obszön, sondern dabei auch noch herrlich farbenfroh und lässig, in diesen Kleidern dürfen wir Frauen attraktiv und emanzipiert aussehen, darin könnten wir mit wehendem Haar durch Rom oder Florenz flanieren oder an der Küste von Capri entlang hüpfen - welch ein Vergnügen!

Wer bereits einen Blick auf die Spring/Summer-Kollektionen des nächsten Jahres geworfen hat, weiß wohl, dass sich auch dort wieder ein leiser Hang zu charmant-betörenden bunten Kleidern entwickelt hat. Besonders beliebt sind für den kommenden Sommer knallenge Bustiers zu Mini- oder Bleistiftröcken, die ein gehöriges Stück Bauch frei lassen. Prada, seit vielen Jahren ein Garant für die beliebteste und begehrteste Kollektion der Saison, ist dabei mit im Boot, natürlich Dolce & Gabbana, Versace sowieso, und selbst der Purist Raf Simons hat Mut bewiesen und steckte seine Models für Jil Sander in tiefausgeschnittene Blazer, transparente Netzkleider und sogar farbenfrohe Paisleymuster. Hier wird also wieder eine deutliche Tendenz zu verlockend-bezaubernder Mode deutlich, mit eben diesem kleinen Augenzwinkern - genau wie in der "Versace for H&M"-Kollektion.

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Dolce & Gabbana, Spring/Summer 2012

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Prada, Spring/Summer 2012

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Jil Sander, Spring/Summer 2012; alle Bilder: Getty Images

Opulenz, Dekadenz, Sonne und pures Vegnügen - la dolce vita, das ist es, wonach diese Mode ausschaut. Sie vermittelt keine Intellektualität wie manch kompliziertes Kleidungsstück von Hussein Chalayan, keinen hinterfragenden Tiefsinn wie Margiela's Kreationen, und sie hält auch keinen Geniestreich bereit, wie etwa Prada's immer wieder einzigartige Schuhmodelle oder einst Rodarte's kunstvoll zerrissene Strumpfhosen. Aber diese Mode, und also auch die Kollektion von Versace für H&M, ist von einer ganz eigenen Raffinesse. Denn sie versprüht einen Funken humorvollen Glamour; mit diesen betörenden, bedruckten und bestickten Kleidern kann man sich wahrlich amüsieren.

Und wenn es nun H&M gelingt, mit der zwar limitiert verkäuflichen, jedoch relativ preiswerten Kollektion jenen Glamour und jenes bunte Vergnügen, für das Versace so bekannt ist, unter das gemeine Volk zu bringen, dann haben wir bald vielleicht sogar ein bisschen la dolce vita für alle - zumindest modisch betrachtet.

Weitere Bilder aus dem Showroom:

Tags: dolce & gabanna, h&m, mode, prada, trendwatch, versace

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15 Kommentare

  • Delia

    Ich glaube von allen H&M Designer Kooperationen gefällt mir diese am Wenigsten. Ich habe auch schon ein paar Teile live im Laden gesehen und die Qualität überzeugt auch nicht wirklich auf ganzer Linie. Vor allem die Schuhe sind sehr billig gemacht... klar es ist günstig, aber trotzdem soll es nicht so aussehen, oder?

  • Jeleo

    Massenmode elegant, originell und qualitativ hochwertig?

    Über die ersten beiden kann man sich streiten, qualitativ höherwertig waren vielleicht einige Stücke aus der CdG Kollektion - aber die Jimmy Choo Kollektion war wirklich wie billigstes Plastik, und auch die Sonia Rykiel Kollektion hat qualitativ nicht gerade geglänzt.

    Es ist eben auch eine gelungene und billige Werbung für ein großes Luxuslabel, das damit Einstiegsdrogen jenseits von Parfums unters Volk mischen kann.

  • Lou

    No way!

  • sarah

    liebe claire,
    ansich ist das hier ein recht gelungerner artikel, der das phänomen versace gut beleuchtet.
    jedoch stellt sich mir die frage, was du unter demokratischer mode verstehst?

  • alara

    ach wie gut, dass ich weiß, dass ich kein einziges teil von versace for H&M abkriegen werde... und wenn ich lese (post von Delia), dass die qualität dementsprechend ist, beruhigt es mich...

  • Tada

    Tja, was heißt 'demokratisch' im Kontext von Massenkonsumgütern?
    (Preislicher) Zugang der Ware für alle Konsumenten (am Ende der Produktionskette)?
    Menschenwürdige Arbeitsbedingunge, faire Löhne für alle Produzenten der Ware ( am Anfang der Produktionskette?)
    Wie so oft, her beißt sich die Katze in den Schwanz...

  • Sarah

    naja also ich habe diese frage ja nicht ohnegrund so gestellt! meine intention war es herrauszufinden wie claire sich diesen begriff definiert. denn ich halte diese wortwahl für etwas ungeschickt.


    wenn ich diesen text lese frage ich mich wie man auf die idee kommt, bei einer kollektion, die eben nicht für alle konsumenten preislich erschwinglich ist (wie das nunmal bei konsumgüter so ist) von demokratischer mode zu schreiben. dazu kommt, dass h&m kein unternehmen ist, dass mit seinen menschenwürdigen arbeitsbedingungen oder fairen löhnen glänzen kann (aber da sind sie ja nicht die einzigen)

    vielleicht mag es lächerlich wirken sich an einer solchen begrifflichkeit auf zu halten, jedoch musste ich hier schon öfter beobachten, dass claires wortwahl mir etwas unüberlegt scheint.
    ohne vorschnell zu urteilen, frage ich deswegen:

    liebe claire,
    was verstehst du unter demokratischer mode? sind kleidungsstücke die zwischen 100 und 200 € kosten nicht eigentlich luxusgüter? und nur weil versace&co massenwirksame und zudem sehr günstige Werbung für ihre Marken betreiben, sind sie noch keine kämpfer in sachen demokratie für die mode!

  • Sana

    Ich finde es geschmacklos, wenn sich so wenige Gedanken machen, woher der ganze Kram kommt - und das ist es, was ich von einem sog. Modeblog erwarte. Ich verzichte gerne auf diese Billig-Teile, auch wenn sie für manche weniger erschwinglich scheinen. Man sollte sich fragen, ob man gerne dazu bereit ist, menschliches Elend zu unterstützen und auf der Haut zu tragen - ich pfeife auf den Namen Versace - mal abgesehen davon, dass diese Mode rein optisch den Begriff nicht verdient.

  • Tada

    Moder ist halt auch (zumindest in den Breitengraden von H&M, Vogue, Les Mads etc..) Konsum = Geld. Das sollte kritisches Hinterfragen nicht entbehren ( und ich zähle Claire gerade in Les Mads Netzerk zu denen, die auch auch mal über den Tellerrand schielen), aber die Gradwanderung zwischen Showroom-Einladungen von High Street Ketten und Kritik an ebendiesen ist extrem schwierig, nicht nur für Blogger.
    Man kann sich dem natürlich komplett entsagen, müsste dann aber auch entsprechende Konsequenzen ziehen - ich denke nicht, dass das hier von den Beteiligten beabsichtig ist, und das ist auch verständlich.
    Trotzdem wäre eine durchaus kritische Auseinandersetzung mit bestimmten Themen wünschenswert, man muss ja nicht gleich radikal sein.

    Zum Beispiel: Ramschige H&M Versace Kollektionen wohlwollend zur Kenntnis nehmen und die Mechanismen, die sich dahinter verbergen, erläutern...und dann lieber auf ein "echtes" Versace Stück sparen...da hat man längerfristig mehr von! ;-)

  • Eveline

    Ich finde den Begriff "demokratisch" hier auch völlig fehl am Platz, einfach weil er hier keinen Sinn macht.

    @Jeleo, Sana, Tada: Eure Kommentare unterschreibe ich gerne.

    @ Sarah (und alle):
    Ich bin ja eher der Meinung, dass es ein Luxus ist Kleider UNTER 100€ zu bekommen. Denn es ist unter fairen Bedingungen für Zulieferer und Produzenten kaum möglich so günstig wie H&M zu sein. Der Luxus liegt für mich darin VIELE Kleider zu besitzen.
    Ich möchte niemandem, der niedriges Taschengeld/Einkommen hat verbieten günstige Kleidung zu kaufen um damit seinem Hobby - nämlich Mode/ Kleidung - nachgehen zu können. Solange ihm/ihr bewusst ist, wo seine Einkäufe herkommen und er/sie sich bei jedem gekauften Teil fragt, ob es nicht besser wäre auf dieses zu verzichten und auf ein fair produziertes zu sparen.
    P.S.: Ich lebe von einem Studenteneinkommen auf Hatz IV-Niveau und kaufe nicht bei H&M und den anderen Discountern. Ich kann also aus eigener Erfahrung sagen, dass es möglich ist - wenn auch unter Verzicht.

  • Jeleo

    @ Eveline
    geht mir genauso... Kein H&M, kein Zara, kein Topshop mehr... und erst recht nicht Primark, hier in Hannover rennen gerade alle mit prall gefüllten Taschen von dort herum. Was ich in früher in zehn mittelmäßige Teile investiert habe, investiere ich jetzt in ein bis zwei saison- und trendüberdauernde Stücke, nach dem Grundsatz dass irgendjemand immer einen vollen Preis zahlt - wenn nicht ich, dann vielleicht die Näherin in Bangladesh, die einen Hungerlohn bezahlt bekommt. Da zahle lieber ich, als Bewohnerin eines reichen Industrielandes den vollen Preis.
    - dafür ist mein Kleiderschrank auch ziemlich übersichtlich und minimalistisch.

    und zum Thema demokratische Mode: der Begriff passt nunmal einfach nicht, denn das würde voraussetzen dass über die kollektion abgestimmt wurde und das ästhetische endprodukt ergebnis gewählt und mitbestimmt wurde, zumindest so wie wir den begriff herrschaft des volkes heute verstehen.
    das kann es in der mode gar nicht geben.

  • Eveline

    "Irgendjemand bezahlt immer den vollen Preis". Das ist wirklich gut gesagt.

  • urrrrrrs

    mich würde ja wirklich interessieren wo die anstandsdamen ihre kleidung kaufen und woher sie wissen das sie unter "fairen" bedingungen gefertigt wurden!?

    wirklich! ich bin mir nämlich in keinster weise sicher ob teure kleidung wirklich bessere verhältnisse für arbeiter bedeutet

  • inga

    schade, dass auf den letzten kommentar hier von niemandem eingegangen wurde. mich würde das nämlich auch sehr interessieren. und das gerade weil ich die argumentation gegen h&m und co. sehr überzeugend fand. das schweigen sobald dann aber konkret nachgefragt wird, wie genau manche es besser machen (und nicht nur ob), finde ich aber leider bezeichnend und typisch für diese art von diskussion.

  • Eveline

    @ inga und @ Claire. Auch hier ist mein letzter Kommentar (noch) nicht freigeschalten worden. Ich hoffe das passiert noch. Tut mir Leid, dass ich es nicht schaffe mich kürzer zu fassen.

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