Roma e Toska: Haute Couture für junge Mädchen
Haute Couture für Kinder, für junge Mädchen - kann es so etwas geben, darf es so etwas geben? Als ich das Hamburger Modelabel Roma e Toska im Alter von neun Jahren zum ersten Mal kennen lernte und mich, wie sollte es auch anders sein, sofort in die opulenten, märchenhaft schönen Kleider verliebte, mag ich mir über diese kritische Frage wohl kaum Gedanken gemacht haben. Viel zu angetan war ich von den zauberhaften Entwürfen dieses kleinen, aber feinen Modehauses, dessen Hauptsitz in einer charmanten Altbauwohnung in Eppendorf liegt und das nun seit zehn Jahren, Saison für Saison, die Modeträume kleiner und großer Mädchen wahr werden lässt.
Roma e Toska, dieses Label (übrigens benannt nach den Töchtern der Chefdesignerin Birgit Gräfin Tyszkiewicz) steht für außergewöhnliche, eigenwillige, exklusive Kleidung für Mädchen im Alter von zwei bis 16 Jahren, und, seit einigen Saisons, auch für erwachsene Frauen. Roma e Toska folgt keinen Mainstream-Trends, und unterscheidet sich damit auch wesentlich von den Kinderkollektionen der großen Luxuslabels wie Burberry oder Christian Dior, in denen Kinder, wie ich finde, manchmal bloß aussehen wie die zu klein geratene Kopie der selbst schon dekadent gekleideten Mami.
Roma e Toska jedoch macht aus Mädchen keine Puppen oder kleinen Erwachsenen. Die Kreativchefin Gräfin Tyszkiewicz, die eigentlich Kunstgeschichte studiert hat und anfangs nur für ihre eigenen Töchter Kleider nähte, weil sie keine individuelle und originelle Kindermode fand, beschreibt das Modecredo des Hauses folgendermaßen:
Roma e Toska ist mehr als exklusive Designermode für Mädchen. Weil Roma e Toska junge Mädchen ernst nimmt. Sie will ihnen keinen Markenstempel aufprägen, sondern ihre Persönlichkeit verstehen. Roma e Toska unterstreicht das eigene Modebewusstsein der jungen Mädchen und verleiht ihnen einen ganz individuellen Stil. Die Kleidung wird in kleinen Serien bis hin zu Einzelstücken mit höchster Qualität in unseren Ateliers gefertigt. Individualität ist das Markenzeichen, jedes Teil ist für sich ein modisches Highlight. Alles ist erlaubt, alles ist modisch anspruchsvoll.
Natürlich hat diese individuelle, im Erzgebirge in Deutschland produzierte Mode ihren Preis. Für einen Rock aus der aktuellen Winterkollektion, deren Inspirationsquelle die Epoche des Mittelalters war, darf Papi für das Töchterchen solide 215€ ausgeben. Den Wollmantel mit Mohair-Pelz gibt es erst ab 360€. Da ist die Frage, ob so viel Luxus für ein kleines Mädchen, das ohnehin aus der hübschen Kleidung relativ schnell wieder herauswächst, wirklich sein muss, natürlich berechtigt. Was trägt denn ein Mädchen erst als erwachsene Frau, wenn es bereits im Kindesalter in Haute Couture über den Spielplatz turnte? Wie schwer "schädigt" man ein Kind in seiner moralischen Entwicklung, wenn man ihm in einem Alter, in dem es noch nicht bewusst und vernünftig konsumiert, bereits solch eine Dekadenz ermöglicht?
Als kleines Mädchen hatte ich ein, zwei wirklich gute Kleider im Schrank hängen. Meine Mutter hatte sie bei Jacadi, einem traditionsreichen Pariser Modelabel für Kinder gekauft, und mir eingeschärft, gut damit umzugehen. So trug ich an meinem letzten Tag im Kindergarten ein mit Rosen bedrucktes Kleid mit Puffärmeln, und zur Einschulung kam das himmelblaue, gelb-geblümte Stück zum Einsatz. Das war etwas Besonderes, etwas, was man nicht alle Tage trug, und etwas worauf ich Acht zu geben hat. Schließlich würde man es nicht mal so eben ersetzen können. Vielleicht habe ich dadurch gelernt und verinnerlicht, das qualitativ hochwertige, schöne Kleidung im wahrsten Sinne des Wortes exklusiv ist, dass Luxus rar und in Maßen zu genießen, dass wirklich gute Qualität eben wertvoll ist.
Eine, wie ich finde, im Grunde gesunde Einstellung zur Mode, zu Modebewusstsein und zum Modekonsum, die man Kindern vielleicht doch am besten durch einige wenige, sorgsam gewählte feine Kleider und Röcke im Schrank aneignen kann. Mit neun Jahren kam ich wie gesagt erstmals mit Roma e Toska in Berührung, und durfte mich zu Weihnachten über einen traumhaften, roséfarbenen Tellerrock aus unzähligen duftigen Stoffschichten und mit einem dezenten, violetten Kaninchenfellbesatz am Saum freuen. Wie ich diesen Rock geliebt habe! Wie oft ich ihn, auch in der Schule, getragen habe! Noch heute hängt er in meinem Schrank, ist gewissermaßen "mitgewachsen" und wird als mein erstes Haute-Couture-Stück sicherlich eines Tages mit ins Grab genommen werden. Vielleicht habe ich durch Roma e Toska erstmals verstanden, dass ein liebevoll entworfenes und wirklich gut gefertigtes Kleidungsstück mehr ist als nur Oberfläche, dass Haute Couture ein nicht zu verachtendes Kunsthandwerk ist, das Freude und Selbstbewusstsein bei der Trägerin schafft - und das in gesundem Maße auch im Mädchenalter.
Genau dies vermittelt nun wieder einmal die Sommerkollektion von Roma e Toska für das kommende Jahr 2012. Dafür ließ sich Birgit Gräfin Tyszkiewicz, wie sie in den hauseigenen Fashion News berichtet, von der "Schönheit des Alltäglichen" inspirieren: "Ich verließ das Haus nie ohne Kamera, und viele meiner "visuellen Entdeckungen" wurden zu Motiven und Mustern für die neuen Stoffe: eine Pinnwand, der Liebesbrief meiner Tochter, der Stuhl im Restaurant, eine Töpferei in einem alten Haus, die zerbrochene Fensterscheibe...all das verbirgt ein Geheimnis, hinter allem steckt eine Geschichte. Auf diese Weise ist die Kollektion für den Sommer 2012 eine sehr persönliche geworden, sie zeigt den neuen Trend der Intimität im Kontrast zu unserer anonymen, globalen Welt, die wir nicht verstehen."
Traumhaft schön und ganz eigenwillig finde ich zum Beispiel das seidige "Pinnboard dress", auch gerne in Kombination mit sportlichen Chucks, wie es die Designerin vorschlägt - denn natürlich muss es keinesfalls der Roma e Toska-Komplettlook sein. Ein feines Kleid, ein schwingender Rock mögen schon genügen, um jungen Mädchen einen Sinn für eine ganz besondere Ästhetik zu vermitteln - und für Mode im Allgemeinen als ein rares Luxusgut, als ein herrlicher Höhepunkt im alltäglichen Leben.
Weitere Bilder aus der Sommerkollektion 2012:
















Leberwurst
Ich würde das so unterschreiben - wobei das Totschlagargment "Keine Neunjährige braucht so etwas" hier immer ziehen würde...aber das ist dem Terminus "Luxus" inbegriffen...gerade weil man ihn nicht braucht, kann er existieren.
Wer das Kapital hat, soll es meinetwegen ausgeben...wichtig halte ich in diesem Falle nur, dem Kind diese Art von Luxus in einem vernünftigem Maße näher zu bringen und durchdacht zu kommunizieren bzw. zu erziehen. Ob jetzt brandneues Ipad mit zehn Jahren oder Designer Klamotten mit elf...so lange Konsum und Ware nicht zum Lebensmittelpunkt und in Relation zu den wirklich "Wichtigen" Dingen gesehen werde - kein Problem. Das erfordert aber auch eine gewisse Erziehungsreife der Eltern.
SoSo
Ach wie schön...mir kommen die Erinnerungen aus meiner Kindheit zurück an meine besonderen Kleider! Ich hatte keine Ahnung welche Marke das war noch was sie gekostet haben aber man wusste das sie was besonderes waren und vorallem das man sie soooo toll fand unabhängig davon was andere trugen oder was Trend war und ohne das man sich mit anderen verglichen hatte! Ich muss gestehen das ich dieses Gefühl schon lange nicht mehr hatte...und ich mich zusehends von der Modewelt unter Druck gesetzt fühle und mir der Blick für "besonderes" immer mehr verloren geht. Aber vielleicht sollte ich einfach weniger Modeblogs lesen ;)
Danke für den Artikel!
Birgit Gräfin Tyszkiewicz
Dieses ist mit Sicherheit einer der schönsten Artikel, der über Roma e Toska geschrieben wurde. Zumal er genau das erfasst, was ich unter "Luxus" verstehe: Etwas entwerfen oder besitzen, mit dem sich ganz besondere Erinnerungen verbinden.
anna
ich finde es allerdings äußerst schade dass bei diesem label echter pelz verwendet wird. wüssten die luxusmädels genau wie der auf ihre kleidung kam fänden sie es wohl nicht mehr so toll ...
monika
ich finde den artikel etwas widersprüchlich. luxus is in erster linie mit branding in verbindung zu setzen: es ist immer eine frage, ob ein preis für ein produkt nachvollziehbar ist - was ja bei in deutschland gefertigter kleinserie durchaus danach klingt - oder ob extra viel drauf geschlagen wird, um dem markennamen eine besondere bedeutung zu geben.
klar spricht man mit solchen preisen eine gewisse zielgruppe an, doch wäre es verkehrt zu glauben, dass in diesen kreisen h&m akzeptiert wäre. ich glaube nicht, dass reiche kinder weniger gemein sind und keine markenkleidung bei mitschülern erwarten.
sofern ich es verstehe, wird auch klar kommuniziert, dass kein komplettlook verlangt wird, sondern eindeutig einzelne stücke beworben werden.