von Claire 15Kommentare

Demokratisierung der Mode: was bedeutet das?

In diversen Artikeln über Modegeschichte und die Entstehung bestimmter Trends und deren Entwicklung fällt gar nicht selten die Formulierung "Demokratisierung der Mode". In meinem letzten Beitrag über die aktuelle Kooperation zwischen dem Massenmodegiganten H&M und dem italienischen Luxuslabel Versace bezeichnete ich diese limitierte und relativ(!) erschwingliche Sonderkollektion als "demokratisch". Dass sich einige Leser mit dieser Beschreibung kritisch auseinandergesetzt haben, finde ich sehr interessant und anregend - es macht Spaß und ist für mich sehr lehrreich, konstruktives Feedback zu meinen hier niedergeschriebenen Gedanken zu erhalten.

Um der Frage, ob man Mode tatsächlich als "demokratisch" bezeichnen kann, einmal näher auf den Grund gehen zu können, ist zunächst eine Erläuterung der Begriffsherkunft sinnvoll. Demokratie, dieses Wort kommt aus dem Griechischen, und setzt sich aus δῆμος und Κράτος zusammen; démos bedeutet "Volk", kratos "Macht" oder "Stärke". Wortwörtlich spricht man bei der Demokratie also von der Macht des Volkes.

Zur genauen Klärung der Bedeutung dieses Begriffs lohnt sich weiterhin ein Blick in Meyers Lexikon, hier lese ich folgendes:

Demokratie: Volksherrschaft, eine Form des politischen Lebens, die von der Gleichheit und Freiheit aller Bürger ausgeht und die Willensbildung der Gemeinschaft oder des Staates vom Willen des gesamten Volkes ableitet (...) Grundbestandteile einer demokratischen Verfassung sind allgemeine, freie, geheime und in bestimmten Mindestabständen stattfindende Wahlen, die Verteilung der drei Hauptaufgaben staatlicher Machtausübung und die Garantie der Grundrechte.

Und, wenn wir schon dabei sind, was versteht man denn unter der Demokratisierung? Dazu informiert mich mein schlaues Lexikon:

Demokratisierung: politisches Schlagwort für die Forderung, auch im nichtstaatlichen Bereich (z.B. in Wirtschaft, Schule, Universität) eine demokratische Willensbildung und Beschlussfassung herbeizuführen, also die im jeweiligen Bereich Tätigen am Entscheidungsprozess teilnehmen zu lassen.

Streng genommen, da möchte ich meinen geschätzten, kritischen Lesern Recht geben, kann die Aussage, dass Mode demokratisch sein bzw. demokratisiert werden kann, nicht stimmen. Denn niemand von uns, kein Volksvertreter, stand neben Donatella am Schneidertisch, als sie die Kollektion für H&M entwarf, und erst recht hat keine Volksmehrheit dafür oder dagegen gestimmt, dass Goldknöpfe, Palmendrucke und feine Seidenstoffe verwendet werden sollten. Oh nein, das hat Signora Versace selbst entschieden.

Aber niemand zwingt uns, das zu kaufen, was nun in weltweit knapp 300 H&M-Filialen von den Stangen baumelt. Und ebenso verbietet es uns niemand. Wir dürfen frei entscheiden, ob wir eines der knalligen Kleidchen erstehen wollen. Genau wie jeden Morgen, wenn wir vor dem Kleiderschrank stehen. Wir haben immer die Wahl. Theoretisch dürften wir einen Sack überziehen, oder uns in Klopapier wickeln, jeder Mensch darf so gut wie alles anziehen, was er möchte, Punkt.

Das wiederum bedeutet nun aber natürlich längst nicht, dass jedem Menschen auch jede Art von Kleidung zugänglich ist. Genau hier entsteht schließlich auch die Frage, ob man Mode tatsächlich als demokratisch bezeichnen kann. Ein Spaziergang über die Maximilianstraße in München, ein kleiner Abstecher zu Barney's oder auch der Mausklick zu net-a-porter vergegenwärtigen uns Ottonormalverbrauchern mit überschaubarem Budget, dass es haufenweise Klamotten gibt, die sich vielleicht ein paar Handvoll Frauen auf diesem Planeten leisten können. Diese Mode ist exklusiv, der wohlhabenden Upper Class vorbehalten, und wer das Geld nicht hat, darf eben nicht mitmachen, Pech gehabt. Von wegen demokratisch!

Diese gegenwärtige Tatsache erinnert stark an eine Zeit, die bis in das vergangene Jahrhundert hineinreichte und in der es schlicht und ergreifend keine "schöne", aktuelle Mode für Frauen und Männer bürgerlicher und ärmlicher Milieus zu kaufen gab.
Denn erst in den 1920er Jahren kam die Konfektionskleidung auf, in allen Preisklassen käuflich, die es nun auch materiell weniger gut gestellten Menschen ermöglichte, sich modisch zu kleiden. Gertrude Lehnert, Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam, schreibt dazu in ihrem Buch "Mode - Ein Schnellkurs":

Die Mode der 1920er Jahre knüpft an Tendenzen der Vorkriegszeit an und demokratisiert sie. Was bei Poiret noch reichen, müßigen Gesellschaftsdamen vorbehalten war, entwickelt sich nun weiter zur modernen Kleidung für die aktive Frau. (...) In den 1920er Jahren sind die Produktion und Distribution der Mode für deren Demokratisierung verantwortlich...

Die massentaugliche Herstellung von modischer Kleidung sowie die damit einhergehende Erschwinglichkeit jener Mode für alle Leute sorgte also für ihre Demokratisierung, was in diesem Kontext bedeutet, dass sie an ein breiteres Publikum, an das Volk gelangte, und dass nun mehr Menschen frei wählen und entscheiden konnten, was sie kaufen und tragen wollten.

Ist es nun, auf der Grundlage dieser Recherche, nicht also doch gerechtfertigt, die von Versace für H&M entworfene Kollektion als demokratisch zu bezeichnen? Sehen wir hier nicht eine sehr ähnliche Entwicklung wie damals in den 20er Jahren: finanziell eingeschränktere Fashionistas dürfen nun auch perfekt geschnittene Seidenbustiers tragen, genau wie Fräulein Stinkreich-Hilton, diese Mode liegt nun plötzlich auch innerhalb ihrer Wahlmöglichkeiten - sehen wir darin nicht eine deutliche Tendenz zu einer Demokratisierung der Mode?

Natürlich ist ein nietenbesetztes Kleid für 179€ noch lange nicht für jedermann zu finanzieren. Doch die Kundin, die diese Summe Geld aufbringen kann und will, ersteht dabei immerhin ein Versace-Stück aus echter Seide, dass zudem zwar in China oder Rumänien gefertigt wurde, jedoch unter streng von H&M vorgeschriebenen Bedingungen. Das schwedische Unternehmen verfügt nämlich, wie mir bei der Hamburger Geschäftsstelle versichert wurde, über einen Verhaltenskodex, den alle Produzenten und Lieferanten weltweit zu unterzeichnen haben und der beispielsweise die Forderung nach sicheren Arbeitsplätzen, geregelten Löhnen und Arbeitszeiten, die Einhaltung von Hygiene- und Brandschutzvorschriften und ein absolutes Verbot von Kinderarbeit beinhaltet. Dies wurde allein im Jahr 2010 in fast 2000, teils unangemeldeten Kontrollen überprüft.

Wären diese hübschen bunten Versace-Kleidern nun günstiger, und damit einer noch breiteren Masse zugänglicher, welchen Produktionshintergrund hätten sie dann wohl? Noch preiswerter und dennoch ethisch vertretbar und einigermaßen hochwertig (über die Qualität kann man ja streiten, ich persönlich bin mit meiner palmenbedruckten Stretch-Jeans sehr zufrieden) kann es eigentlich nicht gehen.

Ich finde die aufgeworfenen Fragen bezüglich der von mir so gepriesenen "Versace for H&M"-Kollektion angemessen und gerechtfertigt. Es ist positiv zu beobachten, dass die Leser dieses Modeblogs sich offenbar tiefergehende Gedanken zu den hier veröffentlichten Artikeln und zu meinem subjektiven Meinungsbild machen. Und auch ich halte es für sehr wichtig, nicht alles, was uns die Modewelt an schönen, luxuriösen, letztlich überflüssigen Konsumgütern andrehen will, tatsächlich zu kaufen - zumindest nicht, ohne darüber nachzudenken, woher es kommt und unter welchen Bedingungen es produziert wurde. Aber sitzen wir nicht alle an in Fernost gebauten Computermodellen? Spielen unsere Nachbarskinder denn nicht mit Bauklötzen oder Puppen aus Bangladesh? Es ist schwierig, heutzutage "fair" einzukaufen, weil viele Menschen gerne sparen und Billiges erstehen, egal, woher es kommt und wie es produziert wurde. Auch diese Einstellung ist vielleicht eine Folge der Demokratisierung des Konsumierens, ganz gleich, ob es sich dabei um Handtaschen, Bohrmaschinen oder Bananen handelt.

Gutes aber kostet eben. Im Falle von Versace für H&M sogar noch vergleichsweise wenig. Sehr demokratisch. Oder nicht?

Tags: gesellschaft, mode

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15 Kommentare

  • Hans

    Toller Artikel. Ganz abgesehen vom Inhalt, es liest sich einfach gut!

    Schau dich mal auf der Seite um, das könnte dich interessieren. http://netzwerk-mode-textil.de/

  • Jeleo

    Claire, ich finde es toll von dir dass du dich mit der geäußerten Kritik zu deinem letzten Artikel so auseinandergesetzt hast, Kompliment.
    Für mich ist die Begriffsverwendung demokratisch in Bezug auf Mode sehr ungewohnt, und ich wusste auch gar nicht dass sie eine so lange Geschichte hat. Durch deine Recherche verstehe ich weit besser, wie du das eigentlich gemeint hattest.
    Und stimmt, erschwinglichere Kollektionen großer Luxus-Häuser kann man in diesem Sinne schon auch als demokratisch zu bezeichnen, auch wenn das meiner Meinung nach nur eine ihrer Facetten bleibt.


  • SoSo

    Ich hab jetzt einige Artikel von dir gelesen und ich finde es grundsätzlich toll wie du dich mit Mode im gesellschaftlichen Kontext auseinandersetzt.
    Jedoch glaub ich auch nicht das Demokratisierung hier der richtige Begriff ist. Ich glaube das Demokratie/Demokratisierung man nicht mit einem witrschaftlichen Kontext zusammenbringen kann. Der Begriff wie er in dem von dir zitiertem Buch auftaucht bezieht sich glaub ich konkret an die Situation um das zwanzigste Jahrhundert, also die Befreiung der Menschen aus der Feudalgesellschaft , auf die Industrialsierung und auf die Entstehung von Arbeitsrechten später bla bla bla ausgehend von der Emanzipation des Menschen, die ihm ermöglicht Entscheidungen selbs zu treffen( so war zumindest die Idee). Ich glaub das das letztendlich seine Kleiderwahl beeinflusst hast( z.b das ehemalige Bauernmädchen arbeitet jetzt in der Industrie und hat ab 18.00 Feierabend, und in ihrer Freizeit kann sie jetzt anziehen was sie will). Die Industrie ist nur auf diesen Markt angesprungen und hat Kollektionen für die Massen erstellt.
    Dieser Mode Irrsinn heute hat glaub ich recht wenig damit zu tun. Die billigen Preise und auch die damit verbunden geringe Qualität kommt den Billigmodeketten nur entgegen und steigert die Nachfrage und den Umsatz. Interessant fände ich wie sich die Mode verändern würde wenn wir mehr für Qualität ausgeben würden und sich die Auswahl reduzieren würde. Vielleicht irgendetwas wie nachhaltige Mode?

  • Eveline

    Danke Claire für die Reaktion (Kommentare ignorieren ist einfach uncool)!"Demokratisiert" hätten wir im Kontext deines letzten Artikels sicher eher geschluckt als "demokratisch". ;) Letztenendes bleibt es eine Umdeutung, die nach den jetzigen Erläuterungen und vor allem den Zitaten von Lehnert klarer ist.Für unpassend halte ich sie dennoch, einfach weil - und da ist wohl der Ursprung unserer Uneinigkeit - die Versace x H&M Ware immer noch B-Ware ist. 
    Auch wenn Versace drauf steht. Drin ist H&M.Ein richtiges nietenbesetztes Lederkleid von Versace hätte doch eher so ausgesehen und nicht wie das traurig aussehende Teil, das in die Läden gekommen ist.Den Qualitätsunterschied in Schnitt und Material sieht man schon auf den Bildern (es wurden also nicht nur in der Komplexität des Musters Abstriche gemacht).
    Aber wie du bereits sagtest, über Qualität kann man streiten.
    Zu H&M: Ja, der Konzern hat den Verhaltenskodex. Trotzdem ist in diesem Sommer eine Reportage wie diese hier zu Stande gekommen.
  • Eveline

    P.S.: Wenn zu Demokratie Willensbildung, Meinungsbildung und Teilhabe des Volkes gehören, dann finde ich sind Diskussionen über Mode wie diese hier doch die schönsten Beispiele für Demokratisierung in der Mode ;)

  • Kira

    Wirklich ein sehr interessanter Artikel!

  • Johanna

    Liebe Claire,
    einen Verhaltenskodex, der streng beachtet wird, wollen sie alle haben. Diese Info zählt nur dann etwas, wenn sie aus unabhängigem Munde kommt. Und selbst wenn alle Vorschriften eingehalten werden, sind die ausgeschriebenen Richtsätze oft am absoluten Minimum orientiert - sprich soviel Lohn wie nötig. Von fair ist das ja immer noch weit entfernt...
    Aber: ein Kompliment für deinen Blog!

  • flo

    mensch claire, du bist hier bei lesmads echt die einzige intellektuelle. schön, dass du dabei bist. hey, das meine ich gar nicht böse ggüber katja und co. das ist ja eine modeblog, also nicht der ort für komplexe gedanken. eigentlich. umso mehr freue ich mich über dich, claire, die du hier irgendwie nicht reinpasst aber dafür umso wichtiger bist.

  • Eveline

    Warum wurde denn mein erster Kommentar nicht freigeschaltet?

  • Maria

    Liebe Claire,
    erstmal Kompliment zu dem Artikel - es macht Freude diesen frischen Wind auf LesMads zu lesen. Ich taufe die neugewonnene Rubrik mal spontan "Soziologie der Mode".
    Allerdings beschreibst den Verhaltenskodex von H%M, und wie dir versichert wurde, dass es doch mit rechten Dingen zuginge.
    So stimmt das leider nicht. Daher lege ich dir diesen Artikel zu Herzen: http://www.zeit.de/2010/51/Billige-T-Shirts
    Eine Demokratisierung ist in diesem Fall wirklich nur mit einer Nachhaltigkeitsorientierung wünschenswert.

  • Claire

    @Eveline: Entschuldigung, da ist bei der Kommentarfreischaltung was schief gelaufen. Jetzt ist der Kommentar zu lesen, danke dafür!

  • sigrid

    mädchen ich steh auf dich!

  • Franzi

    Liebe Claire, großer Fan. Deine Wortgewalt haut mich jedes Mal wieder vom Hocker.
    @eveline: der Link funktioniert leider nicht, bzw das Video ist nicht verfügbar. Könntest du uns den Titel nennen, denn mich interessiert die Reportage sehr.

  • Eveline

    @Franzi, hier noch ein Versuch:
    http://www.youtube.com/watch?v=2hEVGlcsH8Y

    Falls er wieder nicht funktioieren sollte, die Reportage heißt "Glanz und Elend bei H&M" und stammt von Weltbilder vom NDR. Aber bei Youtube nach "H&M Kambodscha" suchen sollte auch reichen.
    Report Mainz hat im Jahr 2008 eine ähnliche Reportage gesendet, da ging es um die Zustände in Bangladesch:
    http://www.youtube.com/watch?v=femzY1MKmgU

  • Betti

    Liebe Claire, ich finde es auch erstmal toll, dass du über Mode mit einem politologischen/soziologischen/historischen Ansatz berichtest. Gerne mehr davon! Trotzdem möchte auch ich darauf hinweisen, dass H&M alles andere als nachhaltig und politisch korrekt ist. 2010 hat es so viele Skandale bei H&M gegeben, dass ich seitdem dort nichts mehr kaufe (was eine Herausforderung ist). Dass fast zwei Dutzend Menschen sterben, damit ich günstig Kleidung kaufen kann, die ich nach zwei Jahren wegwerfe, kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren (Siehe: http://www.independent.co.uk/life-style/fashion/news/21-workers-die-in-fire-at-hm-factory-1914292.html und http://www.treehugger.com/style/are-these-unethical-fashion-brands-hiding-in-your-closet.html). Daher würde ich mir die häufigere Thematisierung der Firmenpolitik und der Produktionsbedingungen von Modekonzernen wünschen, als "Verbraucherin" ist dies ja oft nicht transparent.


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