von Claire 18Kommentare

Zurück aus Indien: Wanakkam!

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Es ist ein komisches Gefühl, um 8 Uhr morgens bei strahlend blauem Himmel in Frankfurt aus dem Flugzeug zu steigen und die eisige, klare Luft einzuatmen. Es fühlt sich komisch an, durch Hamburgs Straßen zu fahren, in einem Fahrzeug mit Anschnallgurten, und damit ständig brav an roten Ampeln zu halten. Diese Stille, die ist auch komisch - keine Rikshas, die im Zickzack durch die Gegend rattern, keine klapprigen Busse, in denen die Fahrer voller Inbrunst durchgehend auf die ohrenbetäubende Hupe drücken. Es ist so still hier, so sauber, so geordnet, so diszipliniert, so organisiert, so schlicht, modern und ästhetisch. Es ist komisch, hier zu sein, nach diesen sehr eindrucksvollen und intensiven Wochen in Indien, einem Land, das sich in jeglicher Hinsicht von unseren europäischen Normen und Vorstellungen unterscheidet. Indien, das ist ein anderer Planet, ein anderes Universum.

Obwohl ich "nur" 14 Tage in dieser einzigartig anderen Welt verbracht habe, bin ich mental nahezu überfordert angesichts der immensen Vielfalt an Eindrücken und Erlebnissen, die während meiner Reise ins südliche Indien tagtäglich auf mich einprasselten und von denen ich viele erst jetzt, bei meiner Rückkehr in die vollkommen gegensätzliche Heimat, verarbeiten kann. Das Andere, Neuartige, Verblüffende hat mich schon immer gereizt, niemals könnte ich jeden Urlaub an ein und demselben Ort verbringen - viel zu spannend erscheint mir da hingegen die Vorstellung, einen mir gänzlich unbekannten Ort, sowohl geografisch als auch kulturell, kennen zu lernen. Indien ist für uns Europäer ein solcher Ort, denn obwohl in den großen Städten zumindest teilweise längst ein moderner, "westlicher" Wind weht und den Subkontinent dadurch zu einer international einflussreichen Wirtschaftsmacht werden lässt, lebt der traditionell indische Geist, diese uns so fremde Mentalität, in den meisten Teilen des Landes und vermutlich in allen Köpfen der Nation weiter. Diese Kultur ist zu beeindruckend, als dass der Einfluss des Westens wirklich spürbar werden könnte.

Besonders in den ländlichen Regionen scheint das moderne Leben, wie wir es kennen, Lichtjahre entfernt. Ich habe mit einer Gruppe von 17 jungen Menschen die Kleinstadt Tiruvannamalai im Bundesstaat Tamil Nadu besucht und wurde dadurch ganz direkt mit der teils nahezu mittelalterlichen Rückständigkeit und der wahrlich primitiven Lebensweise der Landbevölkerung konfrontiert. Dieses Indien, dass ich da kennen gelernt habe, erscheint dem schockierten europäischen Touristen zunächst wie ein reines Provisorium. Schiefe Häuserbaracken, unbefestigte Straßen, nicht die Spur einer Verkehrsordnung, Kühe mitten auf der Straße, Mütter, die mit ihrem Kleinkind auf dem Schoß Motorrad fahren, Schmutz, Dreck und Müll wohin man schaut, (ein Müllentsorgungssystem gibt es natürlich nicht), täglich Stromausfall - ein einzigartiges Chaos, in dem nichts und doch alles funktioniert, nämlich nach einer ganz eigenen, für den europäischen Touristen nur schwer durchschaubaren Struktur.

Dem ausländischen Besucher mag dieses Land zunächst wie eine einzige Herausforderung erscheinen. Wie kann man so hier leben? - diese Frage habe ich mir, voller Faszination und Abscheu, am Anfang häufig gestellt. Jetzt, wieder in Deutschland, sehne ich mich zurück nach Tiruvannamalai, nach Indien, in dieses erstaunliche, eindrucksvolle Universum, das einerseits unerträglich und anstrengend sein mag, jedoch unzählige wertvolle Aspekte zu bieten hat, die mich nachhaltig sehr positiv beeindruckt und fasziniert haben und das Leben dort ganz offensichtlich lebenswert machen können.

Die wichtigste Erfahrung, die mir von dieser Reise geblieben ist, lautet: die Menschen, die am wenigsten haben, geben am meisten. Nirgendwo habe ich bisher solche Gastfreundschaft und solche Herzlichkeit erlebt wie in Indien. Der Inder gibt, so klein sein Geldbeutel auch sein mag, für den Gast sein letztes Hemd. Mit bettelarmen, aber herzensguten Schulkindern pflanzten wir auf einem Feld Bäume ein und wurden anschließend voller Freude mit gewürzten Kichererbsen, Keksen und Kokosnüssen bewirtet. In einer anderen Schule wurden wir wie Könige begrüßt, strahlende Mädchen mit geflochtenen Zöpfen und strengen Schuluniformen bewarfen uns mit Blumen. Woher nehmen diese Menschen, die in winzigen Kammern hausen und von "overseas" wie von einem anderen Stern träumen, ihre immense Lebensfreude? Die Armut ist schlimm in Indien, aber sie hat die Menschen dort auch zu Lebenskünstlern gemacht, die bescheiden sind und in den kleinen Dingen das Glück erkennen können. Von dieser Einstellung könnte sich so mancher griesgrämige Deutsche, der immerzu etwas zu beklagen hat, sicherlich ein paar Scheiben abschneiden.

Auch modisch betrachtet hat Indien einiges zu bieten: selbst die ärmsten Frauen laufen stets in einen prachtvollen, farbenfrohen Sari gekleidet herum. Dieses Gewand verleiht ihnen etwas Würdevolles, Elegantes, manchmal sogar Glamouröses. Natürlich steht hinter der Idee des Saris die strenge indische Kleiderordnung, die vorgibt, dass Frauen sich verhüllen müssen - und ja, das ist nicht gerade emanzipationsfördernd. In Sachen Gleichberechtigung hat Indien ohnehin noch ein gutes Stück Arbeit vor sich. Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass der Sari gar nicht so unbequem ist, ich habe darin sogar mit vielen lustigen Indern um ein Lagerfeuer getanzt. Zudem gibt es keinen herrlicheren Anblick als eine indische Frau, die im Sari auf dem Motorrad durch die Straßen kurvt, so macht sie jedenfalls einen sehr selbstbewussten Eindruck.

Indien - das ist ein Land für alle Sinne. Man riecht den Gestank der Müllberge und den Duft der Gewürze, man hört das quirlige Gewusel auf den Straßen und das hysterische Hupen der Rikshas, man schmeckt die Schärfe des Garam Masala, man spürt die feuchte Hitze und den Staubfilm auf der Haut und man sieht diese einzigartigen Menschen, die einen immerzu freundlich anstrahlen, dabei auf diese ganz besondere Weise mit dem Kopf wackeln und voller Inbrunst sagen: Wanakkam!

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Tags: indien, reise

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18 Kommentare

  • sue

    liebe claire,
    meine familie kommt auch aus indien und jeden winter bin ich da für so eine oder zwei wochen. schön, dass es dir gefallen hat und dein artikel ist wunderbar!

  • Ron

    WOW - was für ein Bericht! in «nur» 2 Wochen hast Du
    dich perfekt in die indische Kultur reingefühlt. Dein Text
    verdichtet dieses Gemisch aus Fremdartigkeit und gleichzeitige
    Vertrautheit geradezu perfekt - ich ziehe meinen Hut vor Dir, liebe Claire.
    Plus: Tolle Bilder

  • lisa

    Liebe, liebe Claire.
    Was für eine Bereicherung bist du doch für LesMads.
    Ich habe beim Lesen begonnen, einzelne Textpassagen (wie z.B. diese hier: "...ein einzigartiges Chaos, in dem nichts und doch alles funktioniert, nämlich nach einer ganz eigenen, für den europäischen Touristen nur schwer durchschaubaren Struktur") herauszukopieren, um zu verdeutlichen mit welchen Abschnitten du meine Gefühle, nachdem ich das erste Mal in Indien war, am besten getroffen hast. Ich habe dann wieder aufgehört, weil der ganze Text einfach so genau stimmt. Du scheinst ein sehr empathischer Mensch zu sein, mit sehr viel Respekt für Kultur und andere Sitten. Das finde ich - gerade in der (Mode-)Blogosphäre - sehr erfrischend und angenehm.
    Aus meiner ersten - scheinbar recht ähnlichen - Indienreise hat sich eine große Leidenschaft für diesen Kontinent entwickelt, der mir stellenweise immernoch so fremd, so unbekannt ist. Den ich aber sehr, sehr liebe. Ich bin gespannt, ob es auch dich (bald) nochmal hinziehen wird.
    Glücklicherweise ist Indien groß genug, sodass man auch wenn man (wie ich mittlerweile) so gut wie jeden Urlaub dort verbringt, nicht Gefahr läuft "jeden Urlaub an ein und demselben Ort zu verbringen".
    Ich freue mich sehr über diesen Artikel und folge deinem Netzwerkblog jetzt noch lieber.
    Lisa

  • Andrea

    Als ich gelesen habe, das du 2 Wochen in Indien verbringst habe ich mich auf den Artikel der folgen sollte sehr gefreut. Ich bin erst Ende September von einem aufregenden, spannenden und schönen Monat in Indien zurück gekommen. Leider enttäuscht mich dein Artikel. Ich finde du redest viele Sachen schön, gerade was die Unterdrückung der Frau angeht. Vielleicht ist es dir erspart geblieben, dies am eigenen Leib zu erfahren da du mit einer Gruppe unterwegs warst, die dich davor geschützt hat. Ich habe ganz anders als die anderen den Eindruck, du hast alles als stiller Beobachter aus dem sicheren Schutz deiner Reisegruppe beobachtet. Was man nicht verurteilen kann, ist es doch so viel leichter. Trozdem finde ich es schade, weil mir scheint das dir ein Teil der indischen Realität, der so extrem ist und so extrem ungerecht erscheint, entgangen zu sein scheint. Mir drängt sich die Frage auf: Wie kann man von den wunderschönen Saris schreiben, und der Würde jeder noch so armen Frau (was ich zu 100% unterstütze) und dabei so wichtige Dinge wie
    das Männer alle Rechte der Welt haben und alles dürfen und Frauen überhaupt nichts weg lassen? Du hast das Thema ja angeschnitten, aber ich hätte erwartet viel weniger über die bequemlichkeit oder unbequemlichkeit des Saris und mehr über die Unterdrückung der Frau zu lesen. Und damit meine ich nicht die traditionelle Kleiderordnung!

  • Juliane

    ein wundervoller bericht liebe claire! ich träume auch schon lange von einer indien reise, hatte bisher aber doch immer etwas bedenken, dank deines artikels, wird indien nun defintiv einer meiner nächsten größeren reisen werden! merci.

  • Johanna

    Liebe Andrea,
    ich finde deine Kritik ehrlich gesagt übertrieben. Natürlich ist die Frage nach den Rechten der Frauen eine unglaublich wichtige - nicht nur in Indien ist es um Gleichberechtigung noch sehr schlecht bestellt. Große Ungerechtigkeit trifft man im weit größeren Teil der Welt an - eigentlich fast überall, sobald man Nordamerika, Europa oder Australien/Neuseeland verlässt (und auch natürlich gibt es diese auch dort noch). In Touristenparadiesen wie Bali haben unverheiratete oder geschiedene Frauen einen sehr schweren Stand in der Gesellschaft, in Afrika gibt es das immense und immer noch verbreitete Problem der Beschneidung.
    Dieses Thema ist umfangreich, sehr umfangreich - in ein paar Zeilen kann man kaum die richtigen oder nur genug Wort dafür finden. Claire hat angeschnitten, dass Indien da noch einen weiten Weg vor sich hat, was sie sicherlich beobachten und wahrnehmen konnte.
    Sie hat in meinen Augen einen spannenden und schönen Reisebericht geschrieben, der ihre Erlebnisse und Eindrücke aus einem faszinierenden Land gekonnt verdichtet - warum erwartest du dazu noch eine politische Reportage? Das sie nicht - auf einem Modeblog - noch zwanzig weitere Zentimeter dem Gleichstellungsproblem widmet heißt ja nicht, dass dies ihr nicht genügend bewusst ist.
    Und schließlich gibt es immer zwei Seiten - ein Sari ist für mich und meine westlichen Augen ein weit sinnlicheres Kleidungsstück als die ewigen Jeans/Sneaker/Hoodie-Kombinationen auf westlichen Straßen, und eine selbstbewusste Frau auf einem Motorroller - das ist doch einfach eine Beobachtung, eine Momentaufnahme - warum muss man hier gleich ein fehlendes politisches Statement bemängeln?

    Liebe Claire,
    du schreibst wirklich toll. Meine Hochachtung, dass du dieses inspirierende und wirklich interessante Blog neben Schule etc. so kontinuierlich betreibst, ohne jemals witzlose oder langweilige Einträge zu verfassen.
    Du wirst sicherlich noch einen interessanten Weg gehen, vielleicht lesen wir ja mal wirklich eine facettenreiche Reportage über Geschlechterrollen in den Kulturen der Welt von dir - auf die freue ich mich dann genauso wie auf jeden Post hier auf LesMads.

    Liebe Grüße an euch beide,
    Johanna.

  • alara

    ich kann mich wirklich den anderen lesern anschließen,... hier schreibt keine 08/15 bloggerin, sondern eine professionelle / journalistin, dichterin... eine große bereicherung für die blog-landschaft... wir wollen mehr von cést clairette :))

  • Anne

    Wunderschöne Fotos und ein besonders guter Text. Zum Thema Unterdrückung der Frau möchte ich meinerseits hinzufügen, dass Indien erst dabei ist sich zu entwickeln und natürlich viel aufzuholen hat. Aber nicht vergessen, meine Mutti (heute 80) durfte nicht ohne die Genehmigung des Ehemanns arbeiten, nicht wählen und vieles andere mehr. Lassen wir den Entwicklungsländern ein bisserl Zeit unser Niveau zu erreichen. Mit der Ausbildung der Mädchen wird sich die Situation verbesern - das braucht natürlich etwas Zeit. Aber ich bin sehr optimistisch, dass das kommen wird.

  • charlotte

    liebe Clairette, vielen dank für deinen wunderschönen bericht und die farbenfrohen fotos, die den alltag in indien sehr gut dokumentieren. kennst du den film SWADES - Heimat - ein sehr gefühlsvoller film eines inders der seine heimat neu entdeckt und gerade auf sehr poetischer weise das moderne indien, der kampf um fortschritt und die emanzipation der frau beschreibt. ich war sehr berührt. siehe unter wikipedia die weiteren ausführungen.

  • Steffi

    ...mich würde interessieren was du dort genau gemacht hast. Warst du mit einer organisierten Gruppe unterwegs, oder habt ihr das auf eigene Faust gemacht? Tolle Worte.

  • blomquist

    Bravo!

  • Lala

    Schöne Fotos! In den Süden Indiens will ich auch unbedingt noch, war bisher immer im Norden. Klingt großartig.

  • Lene

    Ein wunderbarer Artikel, der einen wirklich erahnen lässt, wie es in Indien sein kann. Abgesehen davon, dass ich ohnehin gerne unterwegs bin und fremde Länder erkunde - du hast mir grade noch mehr Lust auf Indien gemacht und ich hoffe es ergibt sich irgendwann, dass ich dieses Land ein bisschen kennenlernen darf.
    Ansonsten kann ich mich den anderen Kommentaren nur anschließen - du hast einen tollen Stil und es ist eine reine Freude deine Artikel zu lesen.

  • Nathalie

    Wunderbarer Artikel!!!
    Kannst du mir vielleicht sagen, mit welcher Organisation du dort warst? Ich würde so gerne nächstes Jahr nach Indien.
    Vielen lieben Dank

  • Claire

    Ich bin mit einer Kirchengruppe der St. Nikolai Kirche nach Indien gereist. Wir waren dort in Tiruvannamalai im "Quo Vadis"-Zentrum, einer inter-religiösen Begegnungsstätte, untergebracht, und haben von dort aus verschiedene soziale Projekte besucht. So hatten wir ganz direkt Kontakt mit den Indern, was eine tolle Erfahrung war!

  • Rahel

    "So hatten wir ganz direkt Kontakt mit DEN Indern, was eine tolle Erfahrung war!"

    Tut mir Leid, aber Aussagen wie diese wirken als würdest du über dir bisher unbekannte Zootiere sprechen.

  • Lotti

    Ich war auch mit Claire in Indien und finde sie hat genau das beschrieben was ich wargenommen habe! Sie spricht nicht über unbekannte Zootiere sondern über eine Kultur die uns bis zu dem Zeitpunkt vollkommen unbekannt war. Die Menschen in und um Tiruvannamalai leben ein sehr einfaches Leben in winzigen Häusern bis zu Lehmhütten, umgeben von Dreck und Kühen und ihrer Religion. Die wenigsten haben eine Ahnung davon wo Deutschland liegt und welche Sprache man in Frankreich spricht. Man kann diese Einheimischen nicht mit einem Inder aus Mumbai oder Goa vergleichen. In keinster Weise denn da liegen Welten dazwischen! Reist man zwei Stunden weiter ist man auf einmal in einem total unbekannten Territorium mit einer anderen Sprache, Jeans anstatt Saris und und und. "So hatten wir ganz direkt Kontakt mit den Indern" ist überhaupt nichts verwerfliches zu sagen und die jenigen die schon einmal an diesem Ort waren können verstehen was wir dort erlebt haben und was für unglaublich interessante Leute wir kennenlernen durften!

  • Antonia*

    Anscheinend war es eine sehr schöne Reise, der Text dazu ist auch sehr gelungen und Indien ist wunderbar beschrieben.

    http://xoxohugkiss.blogspot.com/

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