von Claire 15Kommentare

Der Mann und sein Bart: über Schurken und Schnauzer

Neulich war ich wieder mal kurz in Berlin, ich liebe diese Stadt, einfach herrlich. Besonders gerne treibe ich mich in Mitte herum, was nicht sonderlich erstaunlich ist. Berlin-Mitte hat diesen ultracoolen Charme, irgendwie scheint hier alles eine Spur moderner, origineller, lässiger, internationaler und schicker zu sein als anderswo, ich weiß auch nicht warum.

Was dem aufmerksamen Beobachter in Mitte außerdem auffällt, ist die Tatsache, dass hier überdurchschnittlich viele Männer Bart tragen, und zwar nicht irgendeinen Bart, sondern diesen speziellen, mehrtägigen Räuberbart. Schaut man sich die Bartmode in Berlin-Mitte an, weiß man, was Trend ist. Die Mitte-Herren mit Bart tragen nämlich auch große Brillen, Retro-Rucksäcke und Air Max. Sie sehen alle aus, als wären sie in einem ziemlich coolen Grafikbüro oder in einer PR-Agentur tätig, als bewohnten sie ein Loft mit Ausblick und als lunchten sie täglich in einem Asian-Fusion-Restaurant in der Torstraße.

Warum ist dieser ausgewachsene Kinnbart zu einer solch einflussreichen Modeerscheinung geworden? Zwar sieht man auf den Laufstegen immer noch überwiegend glattrasierte Milchbubengesichter, aber was in der Männermodewelt passiert hat ohnehin ausgesprochen wenig mit der Realität zu tun, beziehungsweise damit, was trendbewusste, coole Jungs tragen wollen. Offensichtlich kann man sagen: sie wollen Bart tragen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Vergleich mit fremden Kulturräumen. In Indien beispielsweise herrscht nämlich eine ganz anderer Trend vor: hier trägt mann, sofern er etwas auf sich hält, einen ausgewachsenen Schnurrbart. Während meiner Reise war ich einmal im Kino und habe einen beliebten Bollywoodfilm gesehen (indische Kinos sind wirklich genial - sobald im Film eine Tanzeinlage kommt, wird Discolicht eingeschaltet und die Leute tanzen und singen mit!) und in diesem Film trug der 25-jährige Frauenheld einen Schnurrbart. Es besteht also kein Zweifel: der Schnurrbart ist für den Inder das, was der Mehrtageskinnbart für den Mitte-Mann ist.

Nun könnte man sich fragen: wofür steht in Europa's Trendvierteln, in Berlin, London, Paris und Mailand der Mehrtageskinnbart? Was bedeutet in diesem Kontext der indische Schnauzer? Zur ersten Frage passt folgendes Zitat von Harald Martenstein, der wöchentlich eine sehr amüsante Kolumne für das ZEITMagazin verfasst:

In alten amerikanischen Filmen bedeutet der Dreitagesbart, dass der Typ ein Schurke ist, während es im heutigen Berlin bedeutet, dass er in der Medienbranche arbeitet.

Der Berlin-Mitte-Bart ist ja eine relativ junge Modeerscheinung. Durch die zunehmende Gleichberechtigung beider Geschlechter und die daraus resultierende Neutralisierung der Frauenmode wurde zeitgleich die Männermode immer weiblicher, plötzlich sah man sogar Röcke für den Mann auf dem Laufsteg. Nun aber rebelliert der Mann gegen diese weibliche Männermode, er will maskulin aussehen, und deshalb trägt er wieder einen zünftigen Schurkenbart. Das signalisiert: Modernität, Lässigkeit, Avantgarde und eben auch ein bisschen Wildheit, ein bisschen Frivolität. Dieser Berliner Mitte-Mann mit Bart, der genießt das Leben.

In Indien sieht das alles ein wenig anders aus. Hier hat der Mann mit Stil einen Schnurrbart, was in Europa vor 60 Jahren auch mal in war, heute aber höchstens pensionierte Verwaltungsfachangestellte tragen. Man könnte sagen, Indien ist in Modefragen einfach noch ein bisschen rückständig. Zudem wird der Schnauzer seit der Schreckensherrschaft einiger schrecklicher Tyrannen, die eben diese Bartform favorisierten, automatisch mit männlicher Dominanz und Autorität in Verbindung gebracht. In Indien herrschen die Männer, und das soll jeder sehen, als trägt der indische Mann Schnurrbart.

Besonders hübsch ist dieser Schnurrbart allerdings nicht, finde ich. Da bevorzuge ich eindeutig den Berlin-Mitte-Schurkenbart. Aber jedem das Seine.

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Tags: herrenmode, trendwatch

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15 Kommentare

  • trang

    also als mitte-bewohnerin kann ich nur sagen, dass mittlerweile die ganz besonders coolen mitte-männer einen schnauzbart haben!
    wie immer natürlich erst in der schwulenszene trend, aber jetzt vergeht kein abend,ohne dass ich einem mann mit schnauzbart à la tom selleck aka magnum begegne!

  • lucy

    "tragen nämlich auch große Brillen, Retro-Rucksäcke und Air Max. Sie sehen alle aus, als wären sie in einem ziemlich coolen Grafikbüro oder in einer PR-Agentur tätig, als bewohnten sie ein Loft mit Ausblick und als lunchten sie täglich in einem Asian-Fusion-Restaurant in der Torstraße"

    liebste claire, ich liebe liebe deine posts sonst und zwar genauso sehr wie ich mich hier überschwenglich ausdrücke, aber wenn ich diese oben zitierten zeilen lese - die ja nicht unwahr sind - denk ich nur eines: ich muss wirklich dringend ganz schnell hier weg. davon abgesehen zahlen die PR agenturen hier nicht gut, für grafik gibt's gar kein geld mehr und Asian-Fusion-Food wird nur für's Instagram-Pic gegessen.

    So ich hoffe ich kann bald und endlich aus der Stadt die man nicht kritisieren darf fliehen , meinen Freund mit dem Mitte-Schurkenbart nehme ich allerdings mit.


    Deine (gebürtige) Berlinerin -hoffentlich bald im Exil -

    Lucy

  • piet

    danke lucy .. nahmst mir die worte aus dem mund !

  • jen

    …ich kann auch gar nicht soviel essen, wie ich k… möchte ob der ganzen Mitte-Styles. Am schlimmsten ist, wie vorhersehbar die Trends immer sind. Der abgefuckte Schnurrbart-Look folgt dem Waldschrat-Gesicht, wie originell. Und unten tragen immernoch alle Skinny Jeans. Ne eigene Persönlichkeit sieht anders aus.

  • Anna

    liebe claire, nachdem ich nun einige deiner beiträge gelesen habe, kann ich leider nicht mehr an mich halten:

    die oberflächlichkeit deiner betrachtung von gesellschaftlichen phänomenen (und möge es sich auch nur um modische erscheinungen handeln) und deine bezugnahme auf von dir angenommene, wenig fundierte politische oder gesellschaftliche ursachen ist erschreckend.

    deine sprache ist für mich ein mehr als gelungenes beispiel für die westliche arroganz anderen kulturen gegenüber, die durch dein gewollt präsentiertes verständnis nur noch grotesker wird.

    um nur eingie beispiele aufzuführen:

    die bezeichnung der indischen bevölkerung als primitv ist genauso undurchdacht und haltlos (siehe http://de.wiktionary.org/wiki/primitiv ) wie deine begründung der indischen "mode des schnauzbarts".

    deine behauptungen scheinen weder durch quellen belegt zu sein, noch scheint deine reise nach indien dir besonders viel erfahrungsbedingtes wissen gebracht zu haben, um ein solches urteil deinerseits zu rechtfertigen (, was mich bei einer gruppenreise über den zeitraum von zwei wochen auch nicht wundert).

    um es auf den punkt zu bringen: ich halte deine beiträge für unfundiert, belanglos und abwertend.
    dieses niveau ist einem netzwerk wie lesmads nicht angemessen.
    bitte bleibt doch bei der mode, denn dazu gefallen mir eure artikel sehr gut.

  • Norma

    Ich kann mich den obigen Beiträgen nur anschließen und obwohl ich deine bisherigen Artikel gerne gelesen habe, hätte ich mir diesmal doch etwas mehr vorangehende Lektüre gewünscht - oder zumindest mal Berlin Mitte + Hipster googeln - um zu wissen in was für eine Diskussion du dich da begibst. Für den Anfang empfehle ich:

    http://www.adbusters.org/magazine/79/hipster.html

    http://www.vice.com/en_uk/read/the-only-way-is-dalston-auditions-casting-vox-pops

  • Claire

    Offenbar ist der ironische Unterton, den ich hier versucht hatte anzuschlagen, nicht ganz angekommen. In Berlin-Mitte trägt mann Dreitagesbart (nun anscheinend schon Schnurrbart), in Indien hingegen Schnauzer - das habe ich persönlich beobachtet und hier aufgeschrieben, mehr nicht. Ich präsentiere hier nicht "gewolltes Verständnis", sondern persönliche Gedanken zu dem Thema. Mir Arroganz der indischen Kultur gegenüber vorzuwerfen, finde ich äußerst unpassend. Ich habe mich lediglich gefragt, warum in Indien wohl so viele Männer Schnurrbart tragen, und mir überlegt, dass es ja eventuell an der männlichen Dominanz in diesem Land liegen könnte, die sich eben auch in der äußerlichen Erscheinung der Männer widerspiegelt. Das ist eine persönliche Vermutung, kein Forschungsergebnis.
    Indien und seine Kultur habe ich hier niemals primitiv genannt, im Gegenteil bin ich sehr fasziniert von diesem Land und kann in Bezug auf meinen Reisebericht auch noch einmal folgendes sagen: nach 2 Wochen habe ich vielleicht keinen umfassenden Einblick in die indische Kultur erhalten, jedoch zumindest einen durchaus authentischen ersten Eindruck. Das Ziel dieser Reise mit einer Kirchengruppe war nicht der Tourismus, sondern der direkte Kontakt mit ganz armen, aber herzensguten Indern. Wir haben in einfachsten Verhältnissen gewohnt, Sozialprojekte und Schulen besucht und selber dort mitgeholfen. Eine abfällige, oberflächliche Haltung der indischen Kultur gegenüber kann man mir, wie ich finde, daher nicht vorwerfen.

  • Maja

    Das Problem bei diesem Artikel, Claire, ist, dass du oft Beobachtungen und Überlegungen von dir als Tatsachen/Fakten schilderst: der Mann an sich WILL maskuliner sein und trägt Bart, Indien IST in Sachen Mode ein rückständiges Land, da die Männer dort ALLE Schnauzbart tragen, sofern sie (Zitat) "etwas auf sich halten" usw. Durch die Benutzung des Konjunktivs wird das leider auch nicht besser...
    Dein Artikel wirkt dadurch nicht ironisch, sondern oberflächlich und sehr unreflektiert...zumal ich denke, dass die "armen, aber herzensguten" Inder andere Probleme haben, als sich über Modeerscheinungen den Kopf zu zerbrechen...

    In Artikeln, in denen es nur um Mode geht (ein Bereich, in dem du dich sehr gut auskennst), lese ich dich sehr gern.
    Der Eindruck dieses Artikels ist, denke ich, einfach deinem noch sehr jungen Alter geschuldet.

  • Anna

    "[...] wurde dadurch ganz direkt mit der teils nahezu mittelalterlichen Rückständigkeit und der wahrlich primitiven Lebensweise der Landbevölkerung konfrontiert."

    oder auch "[...]wertvolle Aspekte zu bieten hat, die mich nachhaltig sehr positiv beeindruckt und fasziniert haben und das Leben dort ganz offensichtlich lebenswert machen können."

    "arm, aber herzensgut"

    ich hatte mich unter anderem auf diese stellen bezogen.
    oberflächlichkeit und arroganz mögen nicht deiner bewussten haltung entsprechen, werden aber indirekt durch deine wortwahl vermittelt.

    das wort primitiv zum beispiel ist grundsätzlich schwierig, da eindeutig negativ bewertend, aber wenn du es benutzt, wäre es doch angemessener von primitiven lebenssituation zu sprechen, also den umständen, anstatt von einer lebensweise, welche die inder herabzustufen scheint. das könnte ich so fort führen.

    deine erklärung zu der gewollten form deiner inhalte, also persöhnlicher meinung statt fakten, finde ich so gut.
    ich schließe ich dazu jedoch meiner vorrednerin an.

    ansonsten möchte ich dir absolut keine bösen absichten vorwerfen, trotzdem finde ich es wichtig, gerade bei gesellschaftlichen und politischen themen sprachliche und inhaltliche vorsicht walten zu lassen.

  • sophia

    claire hat niemals behauptet dass sich inder den kopf ueber modeerscheinungen zerbrechen.

  • Jana

    Naja primitiv ist nicht "eindeutig negativ bewertend" sondern kommt in der Kunst auch als Primitivismus vor und hat in dieser Begrifflichkeit keineswegs eine negative Bedeutung. Auch wenn die Auslegung des Begriffs wahrscheinlich nicht beabsichtigt war.
    Ich mag deine Artikel sehr gerne, Claire! Ich finde sie wahnsinnig spannend, eben gerade WEIL sie nicht so vorsichtig geschrieben sind. Sie sind mutig, ehrlich und eben deine Sichtweise. So ist das beim Bloggen eben. Dass dann gleich ein so scharfer Ton hier angeschnitten werden muss, kann ich nicht begreifen und finde ich auch unverschämt.
    Ich finde es auch interessant, dass du eben nicht ausschließlich Modeartikel hast, sondern auch auf andere modische Erscheinungen eingehst.

  • Kathi

    Mal unabhängig von Claires Artikel, der mich doch zum Schmunzeln gebracht hat, eine kleine Anmerkung zu Majas Kommentar:
    "zumal ich denke, dass die "armen, aber herzensguten" Inder andere Probleme haben, als sich über Modeerscheinungen den Kopf zu zerbrechen..." Modeerscheinung mag hier zwar vlt nicht ganz der richtige Begriff sein, aber das Bärte in anderen Kulturen eine große Rolle spielen, sollte man nicht einfach so abtun. Zeigt sich ja derzeit auch am 'Bartskandal' der Amish in den USA. Da wird dann deutlich, dass sich auch die unwahrscheinlichsten Gruppierungen abseits des Mittehipsters 'den Kopf zerbrechen'über die Barttracht.
    (Wer nachlesen möchte: http://www.sueddeutsche.de/panorama/streit-unter-amisch-in-den-usa-beim-barte-des-propheten-1.1163460)

  • Nohe

    PC nervt, ich weiss. Deshalb will ich mich dem Ton der Vorrednerinnen nicht anschliessen. Möchte dich, liebe Claire, nur darauf aumerksam machen, dass man/frau manche Kommentare wie "jedem das Seine" - PC hin oder her, wir Deutschen haben nun mal ein Geschichte, auch wenn man Hardos nicht kennt - nicht benutzen sollte.

  • Lilli

    Oh den berlin-mitte schnäuzer finde ich furchtbar! auch der männlichste schnauz kann zu "eierkneifern" und juttebeutel nicht mehr männlich sein ;). dann noch die haare über den ohren kurzgeschoren, eventuell ein kleines rotes oder blaues wollmützchen darüber und fertig ist das kreativ sein wollende Modemännchen.

  • Julia

    Auch mit 16/17 sollte man schon gelernt oder bemerkt haben, dass der Satz "Jedem das Seine" in diesem Land einen besonders unangenehmen Nachgeschmack mit sich bringt.

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