Modestrecke im SZ-Magazin: "Abheben ohne abgehoben zu sein"
Das aktuelle SZ-Magazin Nr. 41 erfreut wie so häufig wieder einmal mit einer höchst ansehenswerten Modestrecke in der Rubrik Stil leben. Darin springt Hannah Herzsprung, die wir aus "Vier Minuten" und anderen hochgelobten Streifen kennen, mit wirrem Haarschopf in Wasserpfützen herum und präsentiert dabei ganz beiläufig die schönsten Zwirne der Wintersaison, unter anderem von Prada, Avelon, Céline oder Hermès.
Einhergehend mit dem stetig wachsenden Einfluss minimalistischer Silhouetten - nie waren Marken wie Acne oder Jil Sander beliebter als heute - scheint sich auch in der Modefotografie ein ernstzunehmender Wandel zu vollziehen. Die Zeiten des klassischen Barbie-Posings, bei dem uns Models mit viel Hüftschwung und versteinertem Zahnpastalächeln entgegen stierten, scheinen jedenfalls passé, da hilft auch Heidi Klums Modelschule auf ProSieben nicht mehr viel. Wer heutzutage ein anständiges Modemagazin aufschlägt, der darf darin nicht selten eigenwillig schöne Models mit struppigen Mähnen und ungeschminkten Augenlidern bewundern, die, natürlich in feinste Couture gekleidet, unbeteiligt auf Stühlen kauern, an nackten Hauswänden lehnen oder auch akrobatische Turnübungen vollführen, die eher nach Pilates als nach artifiziellem Brust-raus-Po-rein-Posing aussehen.
Was für eine erfreuliche Entwicklung, muss ich sagen. Sind diese klassischen Fotoposen denn nicht schrecklich künstlich und anstrengend irreal? Mir persönlich jedenfalls hängt dieses immerzu gut-gelaunte oder immerzu verführerisch-verruchte Posieren noch dazu oftmals abscheulich geschminkter Models schon lange ganz arg zum Hals heraus. Einem konventionellen Frauenmagazin wie der Brigitte mag man die dauergrinsenden Fräuleins auf den Hochglanzseiten verzeihen, handelt es sich dabei ohnehin um ein nicht immer ganz zeitgemäßes Format - doch in fortschrittlich-visionärer Modepresse wird man etwas frischen Wind abseits des Posing-Mainstreams wohl erwarten dürfen.
Die besagte Modestrecke des aktuellen SZ-Magazins trägt übrigens folgenden Titel:
Dem Himmel so nah Kann man abheben, ohne abgehoben zu sein? Natürlich: Die Schauspielerin Hannah Herzsprung tanzt es mal vor
Eben dieses Abgehobene, angestrengt Glamouröse, wie wir es noch in den letzten Jahren viel zu häufig in den Modestrecken renommierter Magazine sahen, scheint sich nun auf angenehme Weise zu verdünnisieren. Nicht nur die Mode ist reduzierter, bodenständiger und zugleich innovativer geworden, auch ihr Image selbst ist im Wandel. Die Moderedakteure, Stylisten und Fotografen sind es, die mit ihren aufwendig gestalteten Editorials dieses Image der aktuellen Mode entscheidend prägen. Schaut man sich Hannah Herzsprung an, wie sie ohne versteinertes Grinsen, aber mit viel Charisma und unkompliziertem Charme einige der schicksten Looks dieses Winters zeigt, erscheint diese Mode selbst doch eigentlich auch gleich viel sympathischer und realistischer, ohne jedoch an fantasievoller Traumhaftigkeit zu verlieren. Ganz im Gegenteil, gerade in dieser Aufmachung wird die Schönheit und Ästhetik der gezeigten Mode dem Betrachter besonders deutlich, da keine übertriebene Mimik, kein allzu aufdringliches Make-Up und vor allem kein dämliches Gepose à la Heidi Klum vom Wesentlichen ablenken.
Mode ist heute demokratisierter denn je - und auch die Art, wie sie sich präsentiert, ist irgendwie volksnaher, greifbarer, angenehmer geworden. Die Kleidung, sie ist weiterhin genial, glamourös, elegant, ästhetisch und fantasievoll - aber nicht abgehoben. Wir dürfen alle daran teilhaben; oder zumindest schöne Modestrecken wie diese bewundern und zu den dazu gelieferten Soundtracks, die sich in den Bildunterschriften finden, mittanzen.
Die vollständige Modestrecke des SZ-Magazins gibt es hier zu sehen.










Johanna
Das hab ich gelesen und sofort gemocht! Ich kann deine meinung, dass modestrecken generell unkonventioneller werden, aber auch nicht so richtig teilen... Schon vor catherine roitfelds abgang ging es i dieser hinsicht wieder bergab mit der französischen vogue, vorher ines meiner lieblingsblätter, vor allem wegen der ironischen seitenhiebe die sie sich immer geleistet hat... Bei großen publikationen sehe ich im letzten jahr nur einerlei.
Eine sehnsucht nach ablösung wird dann wohl nur von kleinen, feinen magazinen wie gentlewoman bedient?
Jan-Hendrik
hmm ich finde die Fotos "funktionieren" ohne Musik nicht, schade hörte(las) sich erst gut an....
Franzi
Hannah Herzsprung sieht fantastisch aus. Man könnte sie sich auch kaum in einem anderen, von dir angesprochenem, klumschen Editorial vorstellen. Dennoch finde ich häufig auch durchgestylte Modestrecken schön und ästhetisch, da sie in meinen Augen zwar die Mode präsentieren, aber auch einen künstlerischen Aspekt bedienen, Sølve Sundsbø ist dafür ein gutes Beispiel. Manchmal ist es auch genau das Übrdrehte, Ironische und Kitschige was eine gute Strecke ausmacht - schaut man in die Vogue Nippon findet man unzählige dieser Art.
Aber vielleicht funktioniert Wintermode wie diese, in einem solchen Editorial einfach optimal. Kontrastreicher geht es kaum und der Fokus liegt eindeutig auf Madame Herzsprung, was ja auch Sinn des Ganzen war, und auf den tollen Entwürfen.
Toller Artikel - weiter so!
Katha
"eigenwillig schöne Models mit struppigen Mähnen" in Couture gibt es aber schon sehr lange, nicht erst seit kurzem. Ich glaube es kommt hierbei auch einfach darauf an aus welcher Perspektive man das Thema betrachtet, also auch welche Magazine man zum Beispiel liest.
kirsten
da gebe ich katha recht. das alles ist ein "alter hut". ich denk da an corinne day, wolfgang tillmans und einen ganzen schub weiterer fotografen, die die modefotografie in den 90ern geprägt haben.
ende letzten jahres gabs zum thema eine schöne ausstellung in frankfurt - vielleicht bekommst du ja noch den ausstellungskatalog dazu in die finger, claire:
http://www.mmk-frankfurt.de/de/ausstellung/die-aktuellen-ausstellungen/austellung-details/exhibition_uid/2360/
Jana
der artikel scheint mir aus der kategorie, ich musste mal schnell noch was schreiben, zu stammen. schade, denn eigentlich mag ich die themenauswahl bei dir sehr gern. ich habe zwar oft das gefühl, dass du versuchst, älter zu wirken, als du bist und dich gelegentlich auch in schachtelsätzen über einen ganzen abschnitt verlierst, aber gelesen werden deine einträge und angeschaut, deine fotos.
die oben besprochene modestrecke ist nach meinem dafürhalten einfach nichts besonderes. scheinbar unaufgeregtes posing gibt es seit vielen jahren und hat ebenso, wie glamourös überfrachtete modestrecken seine daseinsberechtigung. das hier mal wieder ein jungschauspielerin zum x ten mal vor die kamera tritt, ist auch nichts neues. die auswahl der kleidung ist schön und hübsch anzusehen. das war es dann auch schon.
empfehlung//große fotokunst: http://joachimbaldauf.tumblr.com/
Fred
Céline ist aber auch einfach zu geil. Schade, dass die DE stiefmütterlich liegen lassen.