von Claire 17Kommentare

The German Geradlinigkeit

berlin1.jpg

Die Berliner Modewoche ist vorüber, das Spektakel der Superlative in der deutschen Hauptstadt, das zahlreiche Journalisten und Fotografen tagelang derart auf Trab hielt und eine tiefergehende Betrachtung der gezeigten Mode daher wohl nun erst jetzt möglich macht. Das ZEITMagazin titelt pünktlich zum Abschluss der Fashion Week: "Berlin hat seinen Stil gefunden". Die deutsche Modewelt hat viel gesehen in den letzten Tagen, sommerliche Farben, subtil-elegante Schnitte und vor allem eins: Minimalismus. Der neue Stil der Hauptstadt, und damit auch Symbol für die modische Einstellung Deutschlands?

Der Designer Hien Le, dessen Entwürfe höchst reduziert sind, sagte im Interview mit Traffic:

Es gibt nichts Neues mehr. Das gibt mir eine große Freiheit und nimmt auch einen großen Druck, so etwas erfinden zu wollen. Ich mache einfach das, was ich am Schönsten finde, was ich selber tragen und worin ich andere am liebsten sehen würde, was ich vertreten und verkaufen kann. Es bringt mir auch nichts, etwas total raffiniertes mit viel Walle Walle zu machen, wenn das überhaupt nicht ich bin.

Im Grunde eine plausible Einstellung, die offenbar auch viele Kollegen vertreten: Wer die Kollektionen von Michael Sontag, Perret Schaad oder Karlotta Wilde gesehen hat, wird hier ebenfalls eine geradlinige Silhouette ohne Schnickschnack und Firlefanz erkennen. Und auch wenn hin und wieder einige Outsider wie Lena Hoschek, die eine äußerst lebens- und farbenfrohe Kollektion mit wie üblich sehr weiblichen Schnitten zeigte, oder der hoch gelobte Dawid Tomaszewski mit seinen kristallbestickten Leinenanzügen und federbesetzten Cocktaikleidern dazwischen funken, so lässt sich im Allgemeinen doch eine recht eindeutige Stilrichtung Berlins erkennen: schlicht, lässig, puristisch, gerne auch elegant und chic - aber keinesfalls bahnbrechend. Berlin ist nicht die Stadt, in der Trends geboren werden.

Denn ist weniger wirklich immer mehr? Die deutsche Mode zelebriert die Gradlinigkeit, als sei es die Innovation schlechthin, doch gleichzeitig macht sich zunehmend ein berechtigtes Gefühl der Langeweile breit - haben wir das nicht alles schon gesehen? Wo bleiben die nie gesehenen, verblüffenden Ideen in der deutschen Mode? In der Autoindustrie und im Maschinenbau sind wir doch schließlich auch für zahlreiche bahnbrechende Pionierleistungen bekannt!

Doch die Mode, wie wir sie nun in Berlin zu sehen bekommen haben, ist nicht mutig genug für gänzlich Neues, Anderes. Und wer wie Hien Le sagt, dass Minimalismus nun mal den eigenen Stil widerspiegele, und es nichts bringe, ''etwas total raffiniertes mit viel Walle Walle'' zu machen, dem ist vielleicht nicht ganz klar, dass Minimalismus durchaus auch ganz neu und verblüffend interpretiert werden kann. Beispiele dafür gibt es genug, ein kurzer Blick auf international hoch gelobte Kollektionen von Raf Simons und Martin Margiela reicht aus - Schlichtheit und Originalität können zusammen passen.

Die Mode in Berlin ist oftmals schön anzusehen, einige Highlights waren durchaus dabei - beispielsweise bei Lala Berlin oder A.F. Vandevorst - und vieles würde ich mir selbst auch mit Vergnügen in den Kleiderschrank hängen, aber nichts ist wirklich originell, innovativ oder erstaunlich, nichts könnte auch international für Furore sorgen und neue Trends setzen.

Es macht Spaß, Hien Les Entwürfe an bildschönen, perfekt gestylten Models, in hellem Licht, zu heiterer Musik auf dem Laufsteg zu sehen, und tatsächlich verließen die Besucher der Show mit leuchtenden Augen und einem Lächeln auf den Lippen das Zelt, erfrischt von sommerlichen Farben und unkomplizierten Schnitten; eine Kollektion wie ein schöner Tag am Meer. Doch die aufwendigen Inszenierungen auf dem Runway und auch die immer beliebter werdenden Installationen, bei denen die Models unbeweglich auf Podesten stehen, vermögen den Betrachter mit ihrer bisweilen surrealen Perfektion zu blenden - was am Ende als bloßes Produkt übrig bleibt, strahlt nur noch selten diesen besonderen Reiz, diese wundervolle Exklusivität aus.

The German Gradlinigkeit, das ist der Stil Berlins. Wie Hien Le, der die Meinung vertritt, dass es nicht Neues mehr gebe, scheinen hier nicht alle, jedoch viele Designer zu denken - so geht aber doch jeglicher Ansporn verloren, nach neuen modischen Innovationen zu forschen. Es ist wie in der Debatte um die Atomkraft. Wenn die Politik verkündet, dass es derzeit ohnehin noch keine Alternativen zu Atomstrom gibt und die Laufzeiten der AKW's deshalb verlängert werden, ist die Wissenschaft natürlich nicht ausreichend motiviert, eben doch nach möglichen Alternativen zu suchen, sie steht nicht unter dem Druck, von dem auch Hien Le spricht, wenn er sagt, dass es in der Mode nicht Neues mehr zu machen gibt und ihm dies ''einen großen Druck nimmt''.

In einem Punkt ist das Verteidigen der fast schon zurückhaltenden deutschen Mode natürlich verständlich: Die vielen sehr jungen, noch unerfahrenen Designer, die in Berlin vorstellen, verfügen über ein meist nur recht überschaubares Budget und müssen um jeden Investor und Kooperationspartner kämpfen, tragbar und verkäuflich muss die Kollektion daher sein.

Doch gerade in einer so aufstrebenden, spannenden Stadt wie Berlin, die ein sehr eigenständiges und unvergleichliches Flair hat und mit unheimlich viel Spritzigkeit und Originalität auftrumpfen kann, sollte doch eine Offenheit und ein Interesse für mutige Mode bestehen und diese Anklang und Abnehmer finden. Es ist schon irgendwie paradox - wer durch Berlins Straßen zieht, trifft auf mindestens genau so viele individuell und schick gekleidete Menschen wie in London oder Paris, die sich durchaus durch einen ganz eigenen Stil auszeichnen; unterdessen sorgt die Mode auf den Laufstegen selten für Furore.

Berlin darf mittlerweile als Modestadt bezeichnet werden, doch es ist eine junge Modestadt, die sich scheinbar noch in ihren Startlöchern befindet. Was wir hier derzeit an modischen Erscheinungen sehen, bedarf in meinen Augen noch mehr Mut, mehr Innovation, mehr Witz und Lebendigkeit - das Potenzial und ausreichend Inspiration hat das einzigartige Berlin sicherlich durchaus zu bieten, da steckt mehr drin als nur deutsche Gradlinigkeit.

PS: Trotz meiner kritischen Einstellung hat mir die Fashion Week großen Spaß gemacht - meine Highlights gibt es in der Bildergalerie zu sehen:

Tags: afvandevorst, dawid tomaszewski, hien le, karlotta wilde, lala berlin, lena hoschek, mbfwb, michael sontag, mode, perret schaad

Weitere Artikel aus dem LesMads-Netzwerk

17 Kommentare

  • Olla

    Ich unterschreibe jedes einzelne Wort. Toller Artikel! Super :)

  • Charlotte

    Wurde mein Kommentar geloescht oder habe ich ihn nicht richtig abgeschickt? Sicherheitshalber nochmal: Es heisst GEradlinigkeit!!!!

  • Penelope

    Der Rapunzelzopf ist hinreißend und die venezianische Spitzenmaske mit Kragen sieht einfach nur zauberhaft aus. Verlagert sich die Innovation vielleicht in Richtung Kopf?
    Obwohl die gelben Stiefel zu Flieder...auch nicht gerade langweilig!
    Die rotweißen Streifen sind eben naturgemäß gradlinig ;-)
    Schöne Auswahl!

  • Silke

    Toller Artikel! Hat Spaß gemacht ihn zu lesen.

  • mali lala

    Super Artikel. Genauso habe ich es auch empfunden und kann jedes Wort nur bestätigen!

  • karla

    danke! ein toller beitrag! applaus!
    (gradlinigkeit ist, liebe @lala, durchaus ok. und das niveau des artikels passt ausgezeichnet in dieses Modeblog - ein perfekter Fit. meine Meinung.)

  • anne

    ich stimme zu: schön anzuschauen, diese geradlinigkeit, aber irgendwie ertappt man sich dabei, die "nummer sicher" auch ein wenig langweilig zu finden...

  • louisa

    du bist wunderbar! inmitten der ganzen irrelevanz banalität selbstdarstellung etc erinnerts du mich immer wieder daran warum ich mode "einst" so liebte.Deine Sprache ist großartig, intelligent, funkelnd. Ich sehe in dieser für mich für Berlin symptomatischen Gradlinigkeit auch eine Form der Feigheit weil man sich recht unangreifbar macht, Blogger, Besucher, Protagonisten, alle gehen hier irgendwie auf Nummer sicher um sich ja nicht lächerlich zu machen.

  • Julia

    Hi Claire,

    mal wieder ein schöner Artikel, dem ich nur zustimmen kann. Geradlinigkeit ist toll, wenn auch nicht sonderlich innovativ. Aber: Ich finde, Berlin ist ohnehin nicht sooo die Trendstadt, wie alle immer behaupten. Das mag vielleicht so erscheinen, wenn man mal ein paar Tage zu Besuch in der Stadt ist (ging mir auch so). Wenn man aber genauer hinsieht, dann sehen die innovativen, trendigen Leute auch alle gleich aus - und mit den Shops, Bars und Cafés verhält es sich eigentlich nicht anders.

    Liebe Grüße, Julia

  • Anna

    Hi Claire,

    es war toll Dich kennen zu lernen und dein Artikel ist sehr schön geschrieben! Trifft den Nagel genau auf den Kopf.

    Hoffe Dich bald mal wieder im Berliner-Dschungel oder in der schönsten Stadt der Welt wiederzusehen.

    Bis bald,
    Anna

  • Anna

    Hi Claire,

    es war toll Dich kennen zu lernen und dein Artikel ist sehr schön geschrieben! Trifft den Nagel genau auf den Kopf.

    Hoffe Dich bald mal wieder im Berliner-Dschungel oder in der schönsten Stadt der Welt wiederzusehen.

    Bis bald,
    Anna

  • Lana

    Toller Artikel, danke ! Deine Artikel sind die einzige, die ich hier IMEER lese ! Du hast definitiv das talent zum Schreiben. Und @Lala hat mir aus der Seele gesprochen. Die Zeit, Süddeutsche and Co. ist deine Richtung. Ich hoffe in der Zukunft viele von die zu lesen und nicht nur bei lesmads.

  • a l m a

    wunderbarer stil, da schließe ich mich den vorherigen kommentatoren gerne an!
    es geht mir wie wohl vielen: deine artikel sind toll geschrieben und langweilen ganz und gar nicht, was sich von anderen einträgen im netzwerk zwar nicht immer, aber doch manchmal, behaupten lässt.

  • Nike

    chapeu! mehr muss ich wirklich nicht sagen, liebe claire.

    du hast einen unfassbar klaren blick auf das wichtige und lässt dich trotzt glanz und gloria der fashion week nicht blenden. ik bin impressed.
    bis ganz, ganz bald!

  • Susanne

    Recht hast du, liebe Claire. Mir ist während dieser Fashion Week vor allem eins klar geworden, nämlich dass es noch nicht reicht einfach schöne Kleider zu schneidern, sondern, dass man als Designer auch in der Lage sein muss, Wünsche zu entfachen und dazu anzuregen, sich mit jeder Saison wieder ein Stück weit neu erfinden zu wollen - das scheint mir eine ganz wesentliche Gabe der großen Designernamen zu sein, die in kommerzieller Hinsicht mindestens genauso wichtig ist wie Tragbarkeit. Mein Herz schlug jedenfalls vergangene Woche nur selten höher, Aha-Momente blieben ganz aus und letztlich wird diese Modewoche keinerlei Einfluss auf meine Garderobe haben …

  • Hannah

    Ein super Artikel, sehr schön geschrieben und auch inhaltlich spitze!

  • FPuls

    Liebe Claire,

    auch ich danke dir für diese wunderbar kritische Zusammenfassung zur Berliner Modewoche.

    Ich freue mich zu sehen, dass es mit dir endlich eine deutsche Modebloggerin gibt, die nicht von der Euphorie der Fashionblogger-VIP-Behandlung geblendet, nur von besuchten Fashionshows, Shoperöffnung und ihrem passenden Tagesoutfit vorschwärmt. Endlich mal kein ungefiltertes Weitergeben von Eindrücken! Endlich mal Kreativität und eigener Stil! Endlich mal guter Blog-Journalismus, der auch dem Thema Mode einen Kontext zu geben versteht!

    Franziska

Kommentar schreiben

Netiquette: Bitte hinterlasst beim Kommentieren Euren vollen Namen und eine gültige Email-Adresse. Auch unsere Kontaktdaten sind öffentlich. Eure Email-Adresse wird allerdings nicht auf LesMads.de veröffentlicht. Kommentare sollten sich auf das jeweilige Thema des Eintrags beziehen. Wir behalten uns vor, Kommentare ohne vollen Namen und Kontaktdaten oder thematischen Bezug zu löschen. Natürlich könnt Ihr uns auch einfach direkt eine Email schreiben.

Facebook-Nutzer? Dann hier klicken, um dich anzumelden.

Burda Style ChuhChuh Elle InStyle OK COOL