Zukunftsvisionen in der Modewelt
Zukunft der Mode? Sie hat keine: Der Trend heißt: No Fashion, mehr und mehr werden wir nackt sein.
Das Buch "'365 Tage Fashion'' (erschinen im Prestel Verlag) ist mit ebenso vielen Zitaten gespickt, wie ein Jahr Tage hat: Täglich schlägt man eine neue Seite auf und findet oftmals Inspiration in den tiefsinnigen Worten großer Modeschöpfer und -kritiker. So las ich neulich das obenstehende Zitat von Thierry Mugler, das mich nun doch tiefergehend zum Nachdenken gebracht hat. Mode (im Sinne von Kleidermode) - ein Gesellschaftsphänomen, das keine Schicht, kein Milieu auslässt, eine Kultur, ebenso wie Musik, Kunst oder Architektur. Doch wie sieht die Zukunft der Mode aus? Was bedeutet eigentlich der Begriff Futurismus, der so oft im Zusammenhang mit eigensinnigen Designern wie Hussein Chalayan oder Martin Margiela fällt?
Wie werden sich die Menschen in der Zukunft kleiden? Wird die Mode überhaupt weiter bestehen können?
No Fashion - so drückt es Thierry Mugler auf äußerst radikale Art und Weise aus - nicht gerade rosige Aussichten für die glamouröse, glitzernde Modewelt. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass das ''Karussel der Modewelt'' immer schneller rotiert, und in immer kürzeren Abständen Kreativität und Qualität auf höchstem Niveau von den Modeschöpfern gefordert wird, scheint Muglers Zukunftsvision gar nicht mal so abwegig.
Ebenso wie man sich doch fragt, wie wir in hundert Jahren wohnen werden, welche Entwicklungen die ohnehin schon unsagbar fortschrittliche und hochmoderne Architektur gemacht haben wird oder überhaupt noch machen kann, fragt man sich doch auch: haben wir in der Modewelt nicht schon alles gesehen? Was können wir noch an Innovation erwarten, wo uns doch heute schon alles geboten wird, Farben, Formen, Materialien, und wo die Mode doch bereits im letzten Jahrhundert unter dem Einfluss großer Modeschöpfer wie Coco Chanel oder Yves Saint Laurent einen beeindruckenden Quantensprung gemacht hat? Und muss das Ausbleiben neuer modischer Innovationen nicht unweigerlich zum Verfall, zum Aussterben der Mode führen, weil doch die Modewelt viel zu verwöhnt und sensibel ist, als dass sie ohne neue, erstaunliche und nie gesehene Kreationen überleben könnte?
Ob das Phänomen Mode eines Tages wirklich sein Maximum erreicht haben wird (oder es schon erreicht hat), ob uns in der Zukunft wirklich no fashion erwartet, erscheint insofern als zweifelhaft, als dass Kleidung schon immer mehr als nur Mittel zum Zweck war, und die Menschen bereits in der Steinzeit neben der Funktionalität auch den ästhetischen, modischen Aspekt von Kleidung geschätzt haben. In dem äußerst praktischen Nachschlagewerk ''Mode - ein Schnellkurs'' von Gertrud Lehnert lese ich:
Die prähistorischen Menschen hängten sich unbearbeite Felle um ihre Körper, um sich vor den Umwelteinflüssen zu schützen. In erster Linie aber, so meinen zahlreiche Anthropologen heute, taten sie das, um sich selbst zu schmücken und anderen zu imponieren. Die Eitelkeit und nicht die Nützlichkeit stand also am Anfang der Kleidung - sie führt geradewegs zur Mode, wie wir sie in der spätkapitalistischen Kultur kennen.
Ein kurzer Blick auf spätere Epochen der Menschheit beweist die Fortführung und Weiterentwicklung der Mode: die Ägypterinnen kleideten sich in bodenlange, eng anliegende, plissierte Kleider; während der minoischen Blütezeit auf Kreta setzten die Damen auf Eleganz und Extravaganz und trugen Wespentaillen und Röcke aus mehreren Volants; zweitausend Jahre später, im Barock und im Ancien Régime, wurde die Mode opulenter und aufwendiger denn je, die Damen trugen gebauschte Kleider aus Samt oder schwerer Seide, mit reich bestickten Miedern und tief ausgeschnittenen Dekolletés. Reifröcke und sogenannte paniers unter den Kleidern betonten die weiblichen Formen. Im 18. Jahrhundert entstanden erste Modejournale, die neueste Trends weiterverbreiteten (so zum Beispiel "Lady's Magazine" in England oder das "Journal des Luxus und der Moden" in Deutschland). Auf die Epoche des Barock folgte die Zeit des Biedermeier, wodurch die Damenmode zunächst schlichter, anschließend jedoch wieder prunkvoller und üppiger wurde. Erst in den 1920er besann man sich wieder auf puristischere Formen und während und nach dem zweiten Krieg wurde die Mode zunehmend sparsamer, wobei sie dabei jedoch nicht an Eleganz einbüßte und zugleich das Zeitalter der modischen Demokratisierung einläutete.
Dieser knappe Rückblick (der sich um Einiges ausführlicher in oben genannter Literatur nachlesen lässt) beweist nicht nur, dass Kleidung bereits in grauer Vorzeit einen wichtigen Stellenwert in der Gesellschaft genoss und damit zu Modeerscheinungen führte, sondern auch, dass die Mode ständigen gesellschaftlichen Wandlungen unterlegen war und durch sie beeinflusst wurde. Warum wurden die Röcke nach dem 2. Weltkrieg kürzer? Weil Stoffmangel herrschte, weil die Frauen, deren Männer in Kriegsgefangenschaft saßen, selbst arbeiten mussten - so demokratisierte sich die Mode zugleich, emanzipierte die Frauen, die nun mehr Bewegungsfreiheit genießen durften und öffnete sich der breiten Masse. Auch heute erleben wir in der Modewelt das ständige Auf und Ab, in jener Saison tragen wir puristische und minimalistische Formen und Farben, im nächsten Sommer dann Knallfarben und bunte Prints.
Auch heutzutage wird die Mode durch gesellschaftliche und auch wirtschaftliche Strömungen beeinflusst; allerdings nicht mehr ganz so drastisch wie nach dem zweiten Weltkrieg. Trendforscher jedoch behaupten, dass zum Beispiel in Zeiten der Rezession Formen und Farben üppiger und femininer werden, weil sich die Menschen in wirtschaftlich schwierigen Phasen nach solcher Mode mehr sehnen als nach puristischer Kleidung - so jedenfalls wurde der auffällige Hang vieler Designer zu weiblich-eleganten und weniger minimalistischen Entwürfen im letzten Winter erklärt (wir erinnern uns an Louis Vuittons Winterkollektion 2010 - eine Hommage an die Frau der 50er Jahre).
Kann eine Kultur, die so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist, die so viele Phasen durchlebt hat, wirklich aussterben - No Fashion, werden wir wirklich alle nackt herum laufen? Nein, denn Fashion heißt übersetzt schließlich Mode, und wie Karl Lagerfeld einmal so schön gesagt hat, kann man sich der Mode nicht entziehen, denn "wenn Mode aus der Mode kommt, ist das schon wieder Mode".
Wir wissen nicht, was die Mode der Zukunft bringen wird, weil wir nicht wissen, welchen Wandlungen sie unterliegen wird. Werden die Designer neue Farben entdecken und mischen? Wird der Klimawandel wirklich eintreten und die Designer vor neue Herausforderungen stellen? Werden sie neuartige, künstliche Materialien verwenden, die vor der Klimakatastrophe schützt? (Vor einem Jahr machte die Ausstellung Klimakapseln im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe auf das Thema ''Überlebensbedingungen in der Katastrophe'' aufmerksam und nahm dabei auch Bezug auf entsprechende Kleidung).
Womöglich hält die Modewelt noch Innovationen für uns bereit, von denen wir heute gar nicht zu träumen wagen. Aussterben wird sie nicht, weil sie sich ständig wandelt. Mode ohne Wandel ist keine Mode. Das Karussel der Modewelt dreht sich, es dreht sich schneller und schneller, aber es erreicht dabei auch immer wieder unerwartete kreative Höhenflüge, inspiriert und beeinflusst durch die wirtschaftlichen, politischen und naturbedingten Ereignisse unserer Zeit. Die Modedesigner sorgen mit ihren Kreationen für eine zauberhafte Kultur, die sich durch unsere Gesellschaft zieht und niemals aussterben wird, niemals aussterben kann.
Wer weiß? Vielleicht werden wir doch wirklich mehr und mehr nackt sein. Aber ist das Nacktsein dann nicht auch "eine Mode"?
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Milena
Liebe Claire, das ist ein richtig guter Aufsatz geworden. Gertrud Lehnert und "365 Tage Fashion" habe ich eben erst für ein Modereferat in der Uni gebraucht.
Ob die Mode aussterben wird? Das beantwortest du ja schon selbst. Ob sie so futuristisch wird wie die heutige Architektur? Das hoffe ich mal nicht. Futuristische "Kunst-Mode" von Issey Miyake, Yohji Yamamoto oder auch Margiela sehe ich eher als Kunst, sekundär als Modeimpuls und tertiär als etwas, was wirklich getragen wird. Und zB bei Margiela sieht man, was immer wichtig bleibt: Der Klassiker. Klassiker der Modegeschichte werden immer bestehen, immer wieder aufgegriffen und reinterpretiert werden. Sollte der Menschheit also alles "innovative" und "trendige" mal zum Hals raus hängen, gibt es immernoch Blusen, Trenchcoats, Jeans, Blazer und das kleine Schwarze zum damit herumspielen.
anica
Das Interessante daran, über die Zukunft der Mode zu philosophieren, ist, dass wir dadurch das Jetzt- die aktuelle Mode definieren.
Betrachtet man Zukunftsvisionen aus den 20ger Jahren, sind diese durch und durch von damaligen Idealen und Modeformen geprägt.
So ist die Mode der Zukunft nicht vorhersagbar, aber die heutige Mode- und vor allem auch die Einstellung zu, sowie das Denken über Mode- in der Zukunftsvision so deutlich und definiert wiederzufinden, wie man sie besser nicht beschreiben könnte.
Es macht Spaß, sich Gedanken über die Mode der Zukunft zu machen-
ein spannendes Thema was im Text oben toll beschrieben wurde!
Lea
Ich sehe in dem sogar n problem. und zwar:
die leute lassen sich weißmachen, dass das was auf den modewochen gezeigt wird, trend ist. aber mugler und auch jeremy scott machen das nicht für trends. sie machen es auch nicht um "zu provozieren" wie alle blogger und magazine meinen. die reine wahrheit ist:
Auch die nicht ganz Prêt à porter- kompatiblen Designer,
MÜSSEN GELD VERDIENEN!!!