04. Januar 2013
Freitag

Cloudy’s Column: Die Kluft der Kleinstadt

cloudys_column_kleinstadt-01.JPG
Weihnachten ist die Zeit der Ruhe, der Fressorgien und des unkontrollierten Rumgammelns ohne schlechtes Gewissen. Eigentlich war mein Plan erholt und im Einklang mit mir selbst die Tage im heimischen Schwarzwald zu verbringen und einfach mal ein bisschen abzuschalten. Daraus wurde leider nichts, denn auf einmal fand ich mich auf einer Party wieder, vor der ich am Liebsten Augen und Ohren verschlossen hätte. Was sich mir darbot, war das modische Grauen in seiner reinsten Form. Ein guter Anlass für die nächste Cloudy’s Column.


Schnell konnte ich zwei Kategorien ausmachen: Unter der Kategorie A verbuche ich alles, was mit wasserstoffblonden Haaren in farblicher Komposition mit schwarzen oder pinken Strähnen als Kopfbedeckung zu tun hat; weiterhin dunkelbraune, Solarium gebräunte Haut bis die Pelle platzt, wir erinnern uns an eine gewisse Kampagne; Mörderheels in Neonfarben mit Doppelplateau, auf die selbst die Kardashiantussi neidisch wäre; One-Shoulder-Glitzertops mit Wasserfallausschnitt, die dank 100% Elasthan und zu kleiner Größe am Bauch für einschneidende Erlebnisse sorgen; Jeans in Minigrößen mit krass-geilem-Tribal-Glitzer-Shit an den Popotaschen und Leggings, Jeggings und Treggings in jeglichen Varianten. Ballerinas und Minipupstaschen, die unter die schwitzende Achsel geklemmt werden, gehen übriges sowieso immer, ebenso fleischfarbene Nylonstrumpfis.
Kategorie B umfasst dann den bekannten Anblick der bis zum Blutstau eingequetschen Jeans in kniehohen braunen Stiefel bei den Damen und bei den Herren die Kombination aus Hintern-frisst-Hose-Jeans zu braunem Ledergürtel und karriertem Hemd, wahlweise Kurz- oder Langarm, am liebsten jedoch in Blautönen. Den eigenen Göttergatten kann man dann bestenfalls anhand der Kilogrammanzahl Haargel oder der Anordnung der Karos auf dem Hemd ausmachen.
cloudys_column_kleinstadt-02.JPG
So stampfen sie also auf der Tanzfläche fröhlich vor sich hin, die Neon Kardashianheels und bejeansten braunen Stiefel. Und natürlich komme ich nicht umhin mich zu fragen, ob ich mich wohl jetzt auch so kleiden würde, wenn ich nicht vor Jahren das Weite gesucht hätte. Die Antwort ist wohl eindeutig ja. Wieso auch nicht? Wenn dein ganzer Freundeskreis und das gesamte Dorfumfeld diese Art von Kleidung ganz vorzüglich findet, liegt es sicherlich auf der Hand, dass man selbst ebenfalls in jauchzende Freudenschreie verfällt. Dann wiederum frage ich mich, wieso es ausgerechnet diese oben beschriebenen Kleidungsstücke sind, die auf so viel Anklang finden? Es könnten ja auch ebenso schicke Loafer, eine gut geschnittene Jeans und ein schlichtes Tshirt fashionable in the suburb sein. Sind sie aber nicht und eigentlich ist das auch ziemlich Wurst.
Denn eines ist sowieso das alleralleraller wichtigste: Die Leute sind happy – zumindest im modischen Sinne. Ganz einfach weil Mode absolut keinen zentralen Punkt in ihrem Leben darstellt. Und das macht glücklich. Punkt. Und darauf bin ich manchmal ein wenig neidisch. Ebenfalls Punkt. Deshalb ein Hoch auf alle Neonhighheels und Hintern-frisst-Hose-Jeans, denn wie schön ist es, die Freiheit zu haben, alles was man will tragen zu können, weil Mode sowieso nichts mit innerem Glück zu tun hat! Und wie schön ist es auch, nach Berlin zurück zu kommen und besagte Outfits auch hier vorzufinden! Kleinstadtkluft ist also auch manchmal Großstadtkluft. Als ich bei besagter Party übrigens mit Hut einlief, war ich damit eindeutig Außenseiter. Die Kluft der Kleinstadt kennt kein Pardon.

Tags: , , , ,
Pin It

5 Kommentare zu “Cloudy’s Column: Die Kluft der Kleinstadt

  1. Dieser Chauvinismus macht sich hier ganz hinterhältig bemerkbar. Der Argumentationsstrang ist genauso wie diese klassische Aussage: “Och Mensch, dumme Menschen, die haben das so gut, die machen sich keine Gedanken über wichtige Probleme der Welt, ich wäre gerne auch dumm”. Dennoch fühlen sich Personen, die solche Argumente verwenden, denen, welche sie angeblich beneiden, unglaublich überlegen, und benutzen solch ein rhetorisches Spielchen, um dieses Gefühl der Überlegenheit vor anderen zu verbergen. Leider ist dieser Trick auch so alt, dass, wie man es auch an anderen Kommentaren sieht, die Mehrheit das durchblickt. Dumm gelaufen.

  2. Der Zuzug aus dem Wedding ist ja wie der aus der Provinz. Als würde die Wissenschaftsakademie dauerhaft von Rapprolls besetzt.

  3. Mila wäre schön wenn Du was Konstruktives beitragen könntest und nicht nur den Seinszustand devot hinnehmen, denn das ist gerade die Grundlage des Übels der heutigen Situation in der Stadt aber auch der Politik allgemein. Und P-Berg war nur der Anfang, gleiche komemerzielle Entwicklungen in K-Berg, F-Hain, N-Köln etc. sind nun wirklich kein Geheimnis, also Augen auf!

  4. Ist eigentlich noch jemanden aufgefallen, das Cloudy oder wer auch immer die Anspielungen auf die roten Markennamen am Bündchen aus dem Text gelöscht hat? Wollte ein Geldgeber abspringen ?

  5. Mila, wars ja auch, ich habe den Vergleich, aber Du kennst es eben nicht. Und dass Berlin selbst in der heutigen Verfassung noch spannender ist als die Herkunftsdörfer der Provinzler verwundert keinen, doch an diesem geringen Niveau sollte Berlin sich nicht messen, tut es jedoch zunehmend. Ich sage nur 90% Zugezogne in PB seit 1990 sind maßgeblich für die heutige Langweiligkeit des Bezirkes.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>