Interview mit Akris-Designer Albert Kriemler
In der letzten Woche hatte ich das Vergnügen ein Interview mit dem Akris-Designer Albert Kriemler in München zu führen. Anlass war die Akris-Shop-Eröffnung in der bayrischen Hauptstadt. Der Schweizer Designer hat sich reichlich Zeit genommen, um mit mir über seine Arbeit, die Traditionsmarke und seine bekannteste Kundin, Fürstin Charlène von Monaco, zu sprechen. Besonders beeindruckt hat mich Albert Kriemlers Fokus auf Wertigkeit und das perfekte Zusammenspiel von Materialien, sowohl im Shop als auch in seinen Kollektionen. Für den Designer muss Mode etwas Selbstverständliches haben, sonst verliert sie ihre Modernität.
"Ich suche diese unaufgeregte Aufgeregtheit."
LesMads: Heute Abend wird der erste Akris Shop in München eröffnet. Das Interieur wird in jedem Laden aufwendig mit Marmor, Ahorn und einer Wand mit echtem Rosshaar ausgestattet. Was ist ihnen an der Gestaltung der Akris Boutiquen wichtig?
Albert Kriemler: Wenn man baut ist es wichtig, dass der Raum respektiert und Volumen geschaffen wird. Ich möchte eine Wohlfühlatmosphäre für die Kundinnen schaffen - man muss sich ja schließlich umziehen. Wichtig ist außerdem, dass alles aufeinander abgestimmt ist. Ich habe für die Boutiquen extra Statement-Möbel entwerfen lassen, welche meine Mode perfekt repräsentieren.
LM: Ihre prominenteste Kundin ist Fürstin Charlène von Monaco. Überlegen sie bei der Kreation ihrer Modelle und bei der Boutiquenausstattung, was ihr gefallen könnte?
AK: Ja, zum ersten Mal in meinem Leben designe ich speziell für eine bestimmte Frau und überlege mir natürlich, was ihr gefallen könnte. Es gibt nichts Schwierigeres als jemanden für einen offiziellen Anlass einzukleiden. Charlene ist jemand, der das mit mir mitmacht, und mit ihrem Look die royalen Regeln respektiert, aber trotzdem "totaly heute" ist.
LM: Und wer trägt Akris sonst noch?
AK: Kosmopolite Weltbürgerinnen, die vornehmlich in Städten leben, und erfassen was wir tun und aussagen möchten. Unsere Mode ist einfach in ihrer Erscheinung - das muss man mögen und schätzen. Wir haben Kundinnen die sich von Kopf bis Fuß in Akris einkleiden, aber auch Frauen die nur ein Teil pro Saison kaufen.
LM: Ihre Modelle haben ihren Preis, weil sie sehr hochwertig verarbeitet sind. Ihr Firmensitz ist in der ehemaligen Stickerei-Stadt St.Gallen. Ihre gesamte Kollektion wurde in der Schweiz produziert und ihr Markenzeichen ist die Doubleface-Qualität. Das ist ein sehr klares Statement für Qualität. Warum haben Sie die Produktion in das Ausland verlegt?
AK: Leider sind wir seit Juli dieses Jahres gezwungen, durch den schlechten Stand des Schweizer Franken, die Schweiz als Produktionsstandort zu verlassen und unsere Ateliers in den benachbarten EU-Raum zu verlagern. Wir arbeiten bereits mit einer Produktion in Rumänien zusammen und das klappt sehr gut.
LM: Aber ihr Hauptstandort wird in der Schweiz bleiben?
AK: Ja, Entwicklungsort bleibt die Schweiz und Europa. Ich bin ein ganz überzeugter Europäer und glaube daran, dass Europa ein wichtiger Ideengeber in den Bereichen Mode, Kunst und Design bleiben wird.
LM: Akris ist das einzige Schweizer Label, welches bei den Pariser Prêt-à-Porter-Schauen präsentiert - traditionell direkt nach Chanel. Die Linie für F/S 2012 zeigte Ihre typische Handschrift: klar, geradlinige Schnitte, intensive Farben, glamouröse Drucke und hochwertige Stoffe. Wie übertragen Sie ihre persönlichen Akzente auf die Kleidung? Was ist ihnen wichtig an ihren Modellen?
AK: Das ist schwierig selbst zu beantworten, da das alles mit dem Gefühl zu tun hat, wie man eine Idee umsetzt. Der Kreativprozess fängt beim Stoff an, geht über die Farbe und mündet im Schnitt. Ich merke mehr denn je, dass in der Farbe enorm viel Wichtigkeit liegt. Solange ich das alles präge, bleibt es auch lesbar Akris. "We are totally no logo." Wer uns kennt kann in jeder Kollektion Akris bzw. Albert Kriemler lesen. Mode muss zu allererst selbstverständlich sein, sonst verliert sie ihre Modernität. Jedes Kleidungsstück sollte für mich frei kombinierbar sein und auch als Einzelteil funktionieren sowie eine gewisse Grundsportivität ausstrahlen. Das habe ich jahrelang intuitiv gelebt, ohne je darüber nachzudenken.
LM: Haben sie im Vorfeld kein Thema für die Kollektion?
AK: Doch wir haben immer ein Thema und eine Inspirationsquelle. Nächstes Wochenende arbeite ich bereits an der Pre-Kollektion für den kommenden Winter. Diese wird von Reisen durch das russische Vorderland im Transsibirien-Express geprägt sein.
LM: Gibt es generelle Gestaltungsvorbilder für ihre Mode?
AK: Cristóbal Balenciaga steht immer als Pate für meine Arbeit, was Schnitte, Farben, Körpervolumen und Reduktion angeht. Adolf Loos ist ein Vorbild in Bezug auf seine Gedanken über Architektur und die Gesellschaft im Allgemeinen. Er hat gesagt: "Das Neue ist nur wirklich gut, wenn es besser als das Althergebrachte ist." Diese Weisheit trifft auf meine Stoffauswahl zu. Wenn sie noch aktuell und für ein Kleidungsstück perfekt geeignet sind, werden sie nicht ausgetauscht.
LM: Stichwort Stoff: In den letzten Saisons haben Sie immer wieder Digitalprints in Ihren Kollektionen eingebaut. Bei der Sommerlinie 2012 wurde die Rennstrecke von Monaco auf dem Stoff abgebildet. Was fasziniert sie an dieser plakativen Art von Gestaltung?
AK: An der neuen Technik fasziniert mich die Vielfältigkeit. Der gleiche Print kann an unterschiedlichen Modellen völlig anders wirken. In der Sommerkollektion für 2012 habe ich die Prints als Colourblocking eingesetzt und dadurch wieder eine neue Ästhetik erzeugt. Ich habe vor drei Jahren die ersten Fotoprints über den Laufsteg geschickt, jetzt haben viele Designer meine Idee adaptiert. Für mich ist es aber eine Ehre wenn ich ein Dries van Noten Defilee sehe, welches aus einer Grundidee von mir entstanden sein könnte.
LM: Sie designen viel, wofür würden Sie ihre Arbeit liegen lassen?
AK: Ich bin passioniert und liebe meine Arbeit, aber ich bin auch genauso jemand der den Austausch mit Menschen braucht, die überhaupt nichts mit Mode zu tun haben. Die Auseinandersetzung mit Architekten, Künstlern oder andern interessanten Denkern befreit mich und daraus ziehe ich Kraft für Neues.
LM: Wie sehen sie den Einfluss der Blogger auf die Arbeit der Designer? Tangiert sie das überhaupt?
AK: Ehrlich gesagt fehlt mir die Zeit Blogs zu lesen, da mein Tag bereits ziemlich belegt ist. Ich denke aber, es wird eine Kommunikationsplattform, die auch irgendwann in mein tägliches Leben übergeht. Es ist erfrischend zu sehen, mit wie viel Eigenständigkeit die Blogidentität gelebt wird. Wahrscheinlich entgeht mir viel, aber im Leben kann man auch nicht alles verfolgen. Zumindest habe ich schon mal ein IPad.
LM: Sie gelten in der Modebranche als dezent und zurückgenommen. Im Gegensatz zu Designerkollegen verzichten sie auf wilde Exzesse und modische Ausschweifungen. Ist das typisch schweizerisch oder typisch Albert Kriemler?
AK: Das weiß ich nicht. Heute nehme ich das gerne als Kompliment. Ich sehe die Schweiz als einziges Land in Europa, das aus vier Sprach- und Geschichtskulturen besteht. Das Problem ist, dass wir limitiert und zu stark mit uns selbst beschäftigt sind. Ich wurde da anders erzogen, in meiner Familie waren wir immer ein offenes Haus. Für mich gab es die Grenzen nie. Wir haben immer Internationalität gelebt und das gilt auch für Akris. In Deutschland gab es nur eine Designerin die international denken konnte und das war Jil Sander.
LM: Akris wurde 1922 von ihrer Großmutter gegründet. Was haben sie mit dem Familienunternehmen noch vor? Bisher haben sie sich ja gänzlich auf das Entwerfen von Kleidern konzentriert. Wird es in Zukunft auch Parfums, Schuhe und vielleicht eine Home-Linie geben?
AK: Viele Menschen in unserer Branche machen viel zu viele Dinge von denen sie keine Ahnung haben. Der Grundgedanke der Firma ist, dass wir nichts machen was wir nicht kontrollieren können - von der Entwicklung bis zum fertigen Teil. Daher bleiben wir lieber bei dem was wir können. Wir haben aber seit zwei Jahren eine Accessoire-Linie, welche wir eigenhändig fertigen.
LM: Ein abschließendes modisches Statement? Was sollte jede Frau aus der Akris-Linie besitzen?
AK: Ja, da gibt es Vieles, aber das muss jede Frau für sich selbst entscheiden. Ich würde als Investment-Pieces eine Doubleface-Hose, ein Strickteil oder ein Doubleface-Mantel vorschlagen.
Hier noch ein paar Eindrücke der Frühjahr-/Sommerkollektion 2012 aus dem neuen Shop in München:























Hans
Ein tolles Interview!!! Du solltest mehr schreiben, die Qualität deiner Beitrage tut dem Blog gut.
Anne
Danke für dieses sehr gute und ausführliche Interview. Mich hätte noch interessiert, wie es zu der Zusammenarbeit mit Charlène kam. Aber vielleicht ist das auch ein kleines Geheimnis...
Mia L
war erst am wochenende dort. hat mr sehr gut gefallen. gutes, recherchiertes interview.
Conny
Ein wirklich tolles Interview! Der gute Herr Kriemler wirkt auch (nach den ersten paar Zeilen muss ich hinzufügen, wider Erwarten) recht sympathisch!
Jutta
Einfühlsam vom Interviewer, offenherzige und ehrlich vom Interviewtem ... Gefällt mir!