Das BMW Guggenheim Lab in New York
New York verändert bei jeder meiner Reisen sein Gesicht. Shops kommen und gehen, In-Bars wechseln ihre Standorte und Gebäude wachsen aus dem Boden. Auf engstem Raum leben hier über acht Millionen Menschen neben- und vor allem übereinander, die das kulturelle Angebot aufregend gestalten und einen regen Austausch stattfinden lassen.
Inmitten dieser faszinierenden Melange aus Stadt, Natur und Mensch, der teils in Gruppierungen oder der Anonymität der Großstadt versinkt, wird viel zu selten gefragt, was Komfort für den Einzelnen bedeutet. Das Stadtleben hat neben zahlreichen Vorteilen auch klare Nachteile, wir büßen Platz ein, zahlen viel Geld für den Unterhalt, müssen uns stärker als anderswo anpassen und begeben uns in zahlreiche Abhängigkeiten.
Unter dem Gesichtspunkt "Confronting Comfort" haben die traditionelle Automobilmarke BMW und die Museumstiftung für zeitgenössische Kunst, das Guggenheim, sich nun zusammengetan und ein "Lab" entworfen, welches künftig um die Welt reisen wird. In diesem modernen Laboratorium geht es um Stadtplanung, um Komfort im urbanen Leben und besonders den Austausch mit den Menschen, die in den Städten leben, beziehungsweise den direkten Nachbarn. In dem ersten Projektstandord, New York, sind die Nachbarn die Bewohner der Lower East Side, denn dort hat sich das bewegliche Lab vom 3. August bis zum 16. Oktober in einer Häuserlücke niedergelassen.
Warum die Lower East Side gewählt wurde, könnte man fragen, denn das Guggenheim befindet sich auf der ziemlich konträren Upper East Side und BMW-Fahrer sind auch eher in den schickeren Gegenden Manhattans zu finden. Weil sich hier viel verändert, war die Antwort - und das stimmt. Vor einigen Jahren ein günstiges Viertel, in dem man gerne unter der Woche ausging und spöttisch am Wochenende "Bridge and Tunnel" zu sagen pflegte, was andeutete, dass von Freitag bis Sonntag das hippe Viertel von Leuten aus New Jersey oder Long Island geflutet wurde. Erst letzte Woche erklärte mir ein New Yorker, das es nun die komplette Woche so sei. Was nach einem solchen Hype geschieht, das war für die Macher des Labs von Interesse, wo gehen die Leute hin, wie entwickelt sich die wirtschaftliche Situation des Viertels.
In der L.E.S. waren einst viele kleine Geschäfte, Boutiquen und Vintage-Läden, die durch die Krise vertrieben und durch etwas schickere Versionen ersetzt wurden. Jetzt, in 2011, sind plötzlich überall Fahrradwege auf den Straßen markiert, die sogar bis nach Downtown-Manhattan - unter anderem dem Battery Park - führen. Das Viertel ist, wie die ganze Stadt, aber vielleicht mehr als die etablierten Gegenden, im Wandel. Erst hip und dann, als man es wie den pinken Rock zu oft gesehen hatte, plötzlich out.
Der Trend, den man durch erfolgreiche Konzepte wie das von Whole Foods erkennen kann, geht hin zu einem bewussten Umgang mit der Umwelt. Man beachte den Kauf von Bio-Produkten und das steigende Gesundheitsbewusstsein (das ohne Frage in NYC angekommen ist, auch wenn wir hier die adipösen Amerikaner vermuten). Dieser Trend soll nicht bei der Ernährung aufhören, sondern bis zum urbanen Leben gehen.
Gegenüber von dem BMW Guggenheim Lab befindet sich lustigerweise einer dieser Whole-Foods-Märkte, daneben ist ein Park. Aber dazwischen ist die gefüllte Houston Street, die die Kommunikation ohne Mikrofon beinahe unmöglich macht. Das Konstrukt des Architektenbüros Bow Wow aus Japan ist offen, auf der einen Seite ist die erste Straße, auf der anderen die Houston Street, man befindet sich in einem offenen Tunnel. Offen für alle, die an dem Programm teilnehmen wollen. Gebaut ist das Gebäude aus Kohlenstoff, das gleiche Material, das auch für den Autobau der Zukunft für BMW eine entscheidende Rolle spielt.
Weil Stadtplanung häufig in dem Zirkel weniger Menschen stattfindet, soll nun mit allen Interessierten diskutiert und nachgedacht werden. Was wollen wir eigentlich? Mehr Grünflächen, mehr Fahrradwege oder bessere öffentliche Verkehrsmittel? Und wie ist das ganze umzusetzen? Welche Flächen sollen beispielsweise für neue Grünflächen eingebüßt werden? Ein Fragespiel erwartet New Yorker, die sie mit vielen Einzelbeispielen zum Denken anregt und mit existierenden Großstadt-Beispielen Vergleiche zieht.
Es gibt so viele Fragen, die das urbane Leben aufwirft; die Frage nach der Verschmutzung und wohin der ganze Abfall geht beispielsweise. In New York City machte der Müll jahrelang seinen Weg in die Meadowlands in New Jersey. Im Rahmen des Programms machten wir eine kleine Bootstour durch das verseuchte Wasser, das wider Erwarten weder stank, noch äußerst dreckig wirkte. So wurden uns auf der Reise nach New York fragmentarisch Informationen und Denkansätze gegeben, die gilt es nun weiter zu spinnen und publik zu machen. Genau diese Fragen sollen in dem Lab Anklang finden und die Ergebnisse zu einer gesünderen und besseren Stadtplanung beitragen.
Das, was sich nun in New York abspielt, wird bald nach Berlin ziehen. Das gleiche architektonische Gebäude wird temporär in der deutschen Hauptstadt errichtet, damit auch dort gemeinsam geforscht und diskutiert werden kann. Danach kommen Mumbai und weitere Städte, die noch zur Auswahl stehen.
Das auf sechs Jahre angelegte Vorhaben in neun Städten von BMW und Guggenheim ist immens, die Teilnahme soweit aber gut. Mit Filmpräsentationen, Reden, Diskussionen, Workshops und einem Café werden die New Yorker gelockt und zusammengeführt, in der Hoffnung, dass der Austausch gehört wird und zu Verbesserungen beiträgt. Am Ende der gesamten Projektphase werden im New Yorker Guggenheim Museum die Ergebnisse ausgestellt. Wir dürfen gespannt sein und können nächstes Jahr in Berlin den Diskurs mitgestalten.





lenamarie
Das war also der Zweck Deiner New York Reise oder bist du erst dort darauf aufmerksam geworden?
Interessant, wie vielschichtig und umfassend du uns informierst, hat mich sehr beeindruckt!
Wenn das Lab nach Berlin kommt, werde ich vor Ort sein. Wann hat man schonmal die Gelegenheit, sich so aktiv einzubringen?
Vielen Dank für deinen Bericht!
Laura
Liebe Liele,
dein Bericht hat mir sehr gut gefallen! Vielen Dank für die Information! Als du mir zuvor davon berichtet hattest, konnte ich mir wenig darunter vorstellen, aber jetzt weiß ich, was dich dort so erwartet hat!
Liebste Grüße!
anna
ich habe starkes new york fernweh.. eine ganz besonders tolle stadt. und das guggenheim macht immer wieder äußerst spannende dinge.. sehr schön!!!