Istancool: Filmprojekt "Collapse Into Now" von Michael Stipe
Nun finde ich nicht unbedingt Gefallen an der Musik von R.E.M. und verfolge auch nicht die Karriere von Michael Stipe, dem Kopf der Band. Trotzdem ist sein neues Filmprojekt "Collapse Into Now", das nach dem gleichnamigen neuen Album benannt ist, durchaus erwähnenswert und ein cleverer Schachzug, die Platte zu bewerben.
Die Grundidee: Zu allen Songs des Albums ließ er ausgewählte Künstler völlig frei und ohne Vorgaben einen Videoclip gestalten. Darunter sind James Franco, Sam Taylor-Wood und Sophie Calle, wovon die beiden letzteren mit auf dem Panel saßen. Jefferson Hack, Gründer von Dazed & Confused und AnOther Magazine (dem Hauptmedienpartner von Istancool), führte durch das Gespräch samt sechs Videovorführungen - James Francos Stück sowie ein Clip mit bisher noch nicht veröffentlichtem Material von Marlon Brando debütierten in Istanbul und werden wohl erst in den kommenden Tagen im Netz veröffentlicht.
Eine Auswahl der vorgestellten Projekte:
1. "Uberlin" von Sam Taylor-Wood
Die Regisseurin von "Nowhere Boy" hat es sich einfach gemacht und ihren Mann Aaron Johnson durch die offenen Straßen von London zu Musik von Dizzee Rascal tanzen lassen. Die äußerst talentierten Bewegungen, die ohne professionelle Tanzausbildung aus dem Schauspieler herauskamen, passten später, wenn auch nicht gewollt, perfekt zu dem Song von R.E.M. Wieso sie ihn dafür auswählte? Young bewies beim rituellen "morning wake-up dance“ mit den gemeinsamen Kindern ausreichend Talent.
Der Clip:
2. "Walk it back" von Sophie Calle
Die Künstlerin Sophie Calle ist wählerisch. Und sagt erst recht viele Projekte ab. Als Stipe sie fragte, zu seiner Musik ein Video zu machen, war sie sich erst unsicher. Vor allem, weil sie ihn nicht persönlich kannte, wie viele andere Teilnehmer. Irgendwie filmte sie mit ihrem iPhone dann aber doch zur Musik passende Szenen, sendete sie an Stipe und fragte: „Ist das die Richtung?“ - „DAS ist es,“ schrieb der und fertig war die Komposition dreier Szenen: Eine Ballerina der Pariser Oper tanzt in Alltagsklamotten im Parkhaus, eine Fliege krabbelt auf der Speisekarte herum und ein Pferd pinkelt die Straße voll - und das war’s. Kunst? Schwierig...
3. "Me, Marlon Brandon, Marlon Brando and I" von Albert Maysels
Passenderweise zeigt das Video bislang unveröffentlichtes Material von Marlon Brando aus dem Jahr 1967, das die Maysels-Brüder aufgenommen haben. Darin betreibt der legendäre Schauspieler Konversation mit weiblichen Fans und ein paar Geschäftspartnern in der Hotel-Lobby. Seine Ausstrahlung ist so enorm, dass jeder an seinen Lippen hängen bleibt und er im Prinzip eine Choreographie der Verführung performt ("charming the pants off“, hiess es passenderweise später.)
Wie Stipe an das verschlossene Material gelang, ist eine hübsche Geschichte. Als er nach einigen Fehlversuchen den Song "Me, Marlon Brandon, Marlon Brando and I“ erstmals nach einem Cognac-Shot und in nur einem Take in Nashville aufgenommen hatte und endlich zufrieden damit war, flog er am selben Abend nach New York zu einem Abendessen. Dort betrieb er den üblichen Smalltalk, unter anderem mit Albert Maysels. Auf die Frage, was dieser gerade so mache, antwortete Maysels, er arbeite an einem im kommenden Jahr erscheinenden Film über Marlon Brando. - "You must be kidding - we need to talk,“ sagte Stipe. Und kam letztlich tatsächlich an das Material.




