von Gastbeitrag in Kategorie: Lifestyle 7Kommentare

The Gentlewoman: Innere Werte

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Eines vielleicht mal vorweg: Wenn es um Magazincover geht, fallen bärtige Frauen (1) nicht gerade in mein Beuteschema. Als ich einen ersten Blick auf die zweite Ausgabe der Gentlewoman wagte, blickte mir unerwarteterweise eine mit Vollbart bewaffnete Inez van Lamsweerde (2) entgegen. Zugegebenermaßen hielt sich meine Begeisterung in Grenzen und Worte wie "gewöhnungsbedürftig" gingen mir durch den Kopf. Doch hielt ich das Magazin erst mal in meinen Händen, fiel mir Folgendes auf: Das, was man vielleicht zunächst mit nach Aufmerksamkeit heischender Provokation gleichsetzt, ergibt durch die gelungene Auswahl von Farbe, Druck und Papier nicht nur mehr Sinn, sondern wirkt auf einmal, man möge es kaum glauben, visuell ansprechend.

Das Titelblatt reiht sich übrigens lückenlos in eine durchaus gelungene Reihe ein, die sie mühelos von der Konkurrenz abhebt und uns zeigt, dass Print durchaus seine Berechtigung hat. So zierte die erste puderfarbene Ausgabe ein von David Sims geschossenes Portrait der Designerin Phoebe Philo und spiegelte somit den von ihr wieder ins Leben gerufenen Minimalismus wieder. Auf der aktuellen Ausgabe hingegen leuchtet uns dank eines kräftigen türkis, die britische Sängerin Adele entgegen.

Ungewöhnlich ist die Gentlewoman nicht nur von außen, denn dieses Merkmal zieht sich wie ein roter Faden von der ersten bis zur letzten Seite. Die Fotografien sind zum Teil monochromatisch oder in Schwarz-Weiß gehalten. Gelegentlich wird bei den Fotostrecken sogar auf Models verzichtet. Stattdessen rücken sauber gefaltete Kleidungsstücke, die Farbpalette der nächsten Saison oder eine Hommage an den Apfel in den Mittelpunkt: Der Charakter der Zeitschrift ist minimalistisch, etwas das durch ein schlicht gehaltenes Layout abgerundet und unterstrichen wird.

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Doch nicht nur äußerlich hat die Dame viel zu bieten und das ist Penny Martin (3), der Chefredakteurin, besonders wichtig, wie sie in einem Interview mit Grazia betonte. Modemagazine seien heutzutage ihrer Meinung nach stark auf den visuellen Aspekt konzentriert und das sei auch gut so. Ihre Aufgabe sieht sie jedoch darin, "die Qualität des editoriellen Teils wiederherzustellen".

Dieses Streben nach einem gehaltvolleren und abwechslungsreichen Inhalt spiegelt sich in den unterschiedlich geführten Interviews wider. Mal handelt es sich um kurze Konversationen, die sich um ein bestimmtes Thema drehen. Mal beschäftigen sich seitenlange Artikel eingehend mit einer Persönlichkeit. Auch die Wahl der Interviewpartner ist erfrischend, denn wir stoßen nicht nur auf bekannte Größen wie Ashley Olson oder Vanessa Bruno. Das Hauptkriterium ist Vielseitigkeit. Zu den bisher befragten gentlewomen zählen unter anderem die Illustratorin Julie Verhoeven, die Komikerin Julia Davis, die Psychotherapeutin Amanda Clayman mit dem Spezialgebiet Finanzen, die Weinanbauerin Sara Pérez, die Bildhauerin Rachel Feinstein und die Marketing-Zuständige des Walt Disney-Imperiums MT Carney. Selbst die sonst sehr scheue Sarah, die Gründerin des wegweisenden Concept-Stores Colette in Paris, gewährte uns in der aktuellen Ausgabe des Magazins einen Einblick in ihr Leben.

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Das Ergebnis einer solchen Offenheit führt dazu, dass wir mit den unterschiedlichsten Sichtweisen, Erkenntnissen und Erfahrungen in Berührung kommen. Dies verleiht der gentlewoman Charakter und Tiefe, die über Jahre hinweg verloren gegangen sind. Denn in Sachen Inspiration schweift der Blick der Chefredakteurin in die Vergangenheit des 18. und 19.Jahrhunderts zurück, als die Themenwahl nicht nur auf die nächste in Mode gekommene Handtasche fiel. Schon damals beschäftigten sich Frauen mit Reisen, Bildung und Philosophie und ließen ihre Gedanken dazu auf Papier nieder. Diese Tradition möchte Penny Martin weiterführen.


(1) Moment mal, bärtige Frauen? So ganz neu ist das Konzept nicht, man erinnere sich bloß an Kate Moss, die für das V Magazin (Mai, 2005) beherzt zum Bart gegriffen hat.
(2) Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin sind ein erfolgreiches holländisches Fotografen-Duo
(3) Penny Martin ist Professorin am London College of Fashion und blickt auf eine erfolgreiche Zeit als Chefredakteurin der Website SHOWstudio.com. Mehr über sie, könnt ihr hier und hier erfahren.

The Gentlewoman ist das weibliche Pendant zu Fantastic Man, das von den Holländern Verlegern Gert Jonkers und Jop van Bennekom ins Leben gerufen wurde. Das Magazin erscheint halbjährlich.

/Marzena/

Tags: gentlewoman, magazinwatch
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7 Kommentare

  • Julia

    Interessanter Artikel. Ich finde die "Magazinszene" immer interessant, da es mittlerweile wenn ich in einen zeitschriftenladen gehe Unmengen davon geht - nicht wenige zu genau den selben Themen. Aufmachung und Stil sind immer ein Frage, aber auch der Inhalt. Ich frag mich oft ob wir noch ein Magazin brauchen und was daran so anders sein soll. Viele versuchen einfach nru anders zu sein - doch da sind sie nicht allein. Gentlewoman aber durchaus klingt interessant, ich werd mal dannach Ausschau halten - zumindest mal durchblättern...

  • Katrin

    Was für ein tolles Magazin.Gibt es denn auch eine deutsche Ausgabe oder nur die englische?

  • marzena

    @julia: Ich kann Deine Einstellung durchaus nachvollziehen: es kommen tatsächlich immer wieder neue Magazine auf den Markt und oftmals ist man mehr enttäuscht als begeistert. Wenn Du auf der Suche nach interessante Inhalten bist, nach Artikeln und Interviews, die Du nicht schon tausend mal in einer ähnlichen Form gelesen hast, dann kann ich Dir the gentlewoman wirklich nur ans Herz legen. Ebenfalls einen Blick wert wäre die Zeitschrift Industrie.

    @katrin: Leider gibt es das Magazin nur auf englisch.

  • Lily

    Sehr schön geschriebener Artikel. The Gentlewoman ist wirklich eines der lesenswertesten und inspirierendsten Magazine, die ich in der letzten Zeit gekauft habe.

  • Tine

    Grafisch wahnsinnig gut gestaltet...

  • Birte

    Über das Cover hat blica zum Erscheinen der Ausgabe im November ein paar Infos gebloggt: http://blicablica.blogspot.com/2010/11/inez-und-paloma.html

  • kalinka

    ein wirklich lesenswertes heft, endlich. auch die gegenausgabe für männer mit fantastic man ist eine empfehlung wert, für die herren unteruns.

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