von Gastbeitrag in Kategorie: Mode 31Kommentare

Suit Up!

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Manchmal muss man sich in Erinnerung rufen, dass bestimmte Einflüsse in der Mode nicht immer selbstverständlich waren. Lange bevor Begriffe wie Boyfriend-Stil ins Leben gerufen wurden und zum täglichen Vokabular der Moderedakteurinnen gehörten, ließen sich Frauen von der Männermode inspirieren. Man denke dabei nur an Mademoiselle Chanel, die den leidlichen Unbequemlichkeiten des Korsetts entfliehen wollte. Aus Frust griff sie kurzerhand zu der Reitbekleidung ihres Geliebten Étienne Balsan und ließ sich eine Kopie von seiner Jodphurhose anfertigen. Der von ihr beauftragte Schneider rief empört "Aber das ziemt sich doch nicht für Damen!" (1) und beugte sich nur widerwillig ihrem Wunsch. Étienne mag diese Eigenheiten damals durchaus charmant gefunden haben, doch 1907 war diese Kleiderwahl ungewöhnlich und sorgte für so manch hochgezogene Augenbraue.

Eine ähnliche Erfahrung musste auch Diane Keaton 1977 im Zuge der Dreharbeiten zum Film Annie Hall machen. Als sie zum ersten Mal auf das Set spazierte, war die Kostümbildnerin nur wenig begeistert, wie sich Regisseur Woody Allen (2) später erinnerte. Sie bat ihn fieberhaft, der Schauspielerin doch nahezulegen, dass sie diese Art von Outfits auf gar keinen Fall auf der Leinwand tragen könne. O-Ton: "Sie kann das nicht tragen. Das ist doch komplett verrückt." Überdimensionale Herrenjackets kombinierte sie gekonnt mit lose geschnittenen Hosen und langen Röcken. Auch Krawatten war sie keineswegs abgetan. Was damals im ersten Augenblick verwunderte, wenn nicht sogar als unmöglicher Geschmack abgetan wurde, entwickelte sich nach und nach zum Trend und gilt auch heute noch als wegweisend in der Modewelt. Das 2009 von Mikael Jansson für Vogue Paris geschossene Editorial Diane K ist wohl nur eine der zahlreichen Hommagen an die Stilikone.

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Auch in der Bloggerwelt lassen sich immer mehr weibliche Enthusiasten in Sachen Herrenmode finden. Da wäre zum Beispiel Illustratorin und Streetstyle-Fotografin Garance Doré, die gerne mal in den Kleiderschrank ihres Freundes Scott Schumann greift. Die Liebe für umgekrempelte Männershorts und Budapester reicht so weit, dass sie diese auf jeden Fall als Basis ihres Stils betrachten würde, verkündete sie in einem Interview mit Refiniery 29.

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Das Comeback des Gentleman ist ebenfalls eine Bemerkung wert. Nick Wooster, Fashion Director der amerikanischen Nobelkaufhauskette Neiman Marcus, verkörpert wohl diese Entwicklung wie kein anderer. Seine Markenzeichen sind nicht nur der makellos gepflegte weißgraue Bart und die perfekt aufeinander abgestimmten Outfits. Es sind auch seine waghalsigen Farbwahlen und Stilbrüche, die ihn bekannt gemacht haben. Einmal kann man ihn in einem maßgeschneiderten Anzug sichten mit passendem Einstecktuch und Krawattennadel. Dann wiederum überrascht er mit knallgelben Budapestern oder mit hochgekrempelten Ärmeln, die seine tätowierten Arme freigeben.

Das Interesse an der Bandbreite an Möglichkeiten in der Männermode steigt. Und es sind nicht nur Männer, die diese Entwicklung mit offenen Armen empfangen. Auch die Damen werfen gerne einen Blick auf Streetstyle-Fotos, die im Rahmen der Mailänder Modemesse Pitti Uomo geschossen werden. Farbkombinationen, Schnitte, Stoffe und Details - es bietet sich unbestreitbar eine Menge Inspiration an.

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Ein solcher Trend geht auch an Modedesignern nicht spurlos vorüber. Stella McCartney stellte uns in ihrer Sommerkollektion 2011 ihre eigene Interpretation des Hosenanzugs vor: Hochtaillierte, knöchellange Hosen werden mit ärmellosen luftigen Blusen und großzügig geschnittenen Blazern kombiniert. Die Farbpalette ist Pastelltönen wie Rosé, Beige und Minze vorbehalten. Moderedakteurin Anne-Marie Curtis ist angetan und widmete ihm einen Artikel in der aktuellen Ausgabe der britischen Elle, inklusive Stylingtipps.

Großen Erfolg verbuchen Labels, die ursprünglich auf Männermode spezialisiert waren, sich dann aber auch des weiblichen Publikums annahmen. Meenal Mistry beschreibt auf style.com das Phänomen folgendermaßen:

"Normalerweise läuft die Geschichte des Designers, der Männermode entwirft und sich anschließend in die Frauenmode begibt, immer ähnlich ab: Mädchen trägt Jungssachen. Mädchen trägt die Jungssachen sehr viel. Mädchen bekommt eigene Kollektion."

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Bei Paul Smith machten die Kundinnen zu einem bestimmten Zeitpunkt ganze 15% des Umsatzes aus. Das im Jahre 1976 gegründete Label wurde durch seinen Schoolboy Look bekannt, der mit kräftigen Farben und ausgefallenen Prints einen neuen, aufregenden Twist bekam. Die Zahlen sprachen jedenfalls für sich und so wurde 1993 erstmals eine Damenkollektion präsentiert.

Nach verschiedenen stilistischen Experimenten und Ausflügen, besann man sich mit der Kollektion Sommer 2011 auf die Wurzeln des Labels und verzückte die Damenwelt erneut mit männlich inspirierter Kleidung.

Für den folgenden Winter gab der exzentrische Kleidungsstil der Rocksängerin Patti Smith den Ton in Sachen Inspiration an, im wahrsten Sinne des Wortes. Mark Holgate gab in seiner Kritik auf vogue.com zu, dass die Kollektion wunderbar ausgeführt sei, wie man nicht anders vom englischen Designer erwarten würde. Was ihm jedoch fehlen würde, sei das Unerwartete, der Überraschungseffekt. Géraldine Dormoy, Journalistin für l'express.fr und die Macherin hinter dem Blogs Café Mode sah das aber ganz anders. Sie schwärmte geradezu, wie leicht es sei, sich in den Outfits wiederzufinden:

Obwohl mir in neun von zehn Fällen die Mädchen auf dem Laufsteg unnahbar erscheinen, glaube ich diesmal dank eines psychologischen Kunststücks, dass ich es bin.

Sie sehe eine bessere Version ihrer selbst, von einem Designer angezogen, der sie verstehe. Das Kunststück mag wohl darin liegen, dass jeder Look tragbar erscheint und dass weibliche und männliche Elemente gekonnt miteinander verwoben sind. Eines ist wohl ziemlich sicher: Auch Diane Keaton würde hier fündig werden.

(1) GIDEL Henri, Coco Chanel, 2000
(2) WOODY Allen, Woody Allen über Woody Allen, 1993

/Marzena/

Tags: coco chanel, paul smith, stella mccartney, trends
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31 Kommentare

  • Jasmin

    Sehr schöner Beitrag, mit tollen Bildern gespickt. Vor allem Nick Wooster hat es mir angetan, einmalig dieser Stil.

  • Ilka

    Super schön. Ich liebe den maskulinen Stil bei Frauen. Leider bin ich ein bisschen zu klein für Hosenanzüge, dennoch habe ich selbst einen XL-Blazer,ohne den ich selten rausgehe!

  • corinna

    Welch gut recherchierter und toll geschriebener Beitrag! Ich habe den Artikel sehr, sehr gerne gelesen Marzena. Auch die gezeigten "Gentlewoman" Styles gefallen und sollten meine Outfitwahl in der nächsten Zeit beeinflussen.

  • simone

    Sehr schön!

  • nicole

    Nick Wooster ist offiziell ein Traummann. Menschenskinder, das ist Eleganz.

  • Merle

    Super Artikel! Du bzw. deine Beiträge haben mir mit Abstand am besten gefallen. Ist mal was anderes. :)

  • Franzi

    einfach nur: herrlich!

    Stella McCartney ist die Beste.

  • Ada

    Brillianter Artikel... mehr!!

  • Ruth

    Legen... wait for it... dary!
    Ein sehr sehr schöner Artikel. Ich hoffe, dass Du, falls Du im LesMads-Team aufgenommen wirst, dieses Niveau beibehalten kannst :)

  • marzena

    Vielen Dank für all die Kommentare! Ich hoffe, dass wir uns in Zukunft häufiger lesen :)

    @Ruth: Ich gebe mir Mühe! Versprochen.

  • Victoria

    Wow

    Ich designe Kleidung:

    www.richmonaco.blogspot.com

  • Anne

    Wow!
    Euch ist hiermit ein wirklich guter Artikel gelungen! Ich habe ihn regelrecht verschlungen, der war so interessant. Bitte mehr davon!

  • Vanessa

    Ich würde alles für einen perfekt sitzenden Anzug geben. Und das nicht erst seit Barney Stinson.
    Danke für den tollen Artikel!

  • Jennifer

    ich kann mich meinen vorkommentatoren nur anschließen, wunderbarer artikel. sehr gut recherchiert und mit sprache und bild umgesetzt.
    ich würde mich freuen an dieser stelle mehr von dir lesen zu können :-)

  • lisa

    wow. ich muss schon sagen, hut ab!
    das ist der beste artikel, den ich je auf diesem blog gelesen habe. glückwunsch!

  • Katharina

    Toller Artikel. Frisch, intellektuell anspruchsvoll und Mode als Kultur verstehend.
    @ Les Mads: mehr davon.

  • Sandra

    Finde ich echt Klasse. Ihr geht immer mit der Zeit und habt top aktuelle Berichte. Vielen Dank dafür

  • Sandra

    Der erste interessante Artikel den ich hier gelesen habe!

  • jana

    Super Artikel, nicht nur auf Grund seiner Länge. Man merkt, dass er nicht einfach so runtergeschrieben ist. Mehr davon!

  • Sarah

    Toller Artikel! Ich mag weiße Hosenanzüge sehr gerne, allerdings stehen sie (leider!) meistens nur sehr schlanken Frauen.

  • FREDERIK

    Great article! i think you are probably the best german blogger i have seen!

    I think the rest of you guys should come visit me at my blog and give me some german inspiration :)!

    /Frederik

  • Johanna

    Trilby ab, Melone ab, Zylinder ab, Stetson ab ... !!!!
    Grandios, es würde mich sehr, sehr freuen hier mehr von dir zu hören!

  • emmi

    ich liebe garance doré dafür!

  • Fanny

    toller Post! und so gut recherchiert das ist erfrischend und eine Sache die ich hier schon öfter bemängelt habe.

    danke dafür!

  • June Avenue

    Sehr gelungener und runder Beitrag! Ich finde kleine Ausflüge in die Geschichte und Soziologie der Mode unheimlich interessant weil man einen völlig anderen Blickwinkel auf Kleidungsstücke wie Hosen gewinnt, die uns bislang immer als das Normalste der Welt erschienen. Kompliment!! :)

    http://juneavenue.blogspot.com

  • Lucia

    Ich stehe so auf Krawatten

  • Florece

    Sehr interessanter Artikel und eine sehr außergewöhnliche Frau. Zum Glück hat sie sich durchgesetzt. Ich liebe den Androgynen Stil.

    Liebste Grüße

    Ike von www.florece.de

  • Esra

    Ich muss zugeben, seit ich hier mitlese (und das ist schon seit über einem Jahr), habe ich noch nie so einen hochwertigen Artikel gelesen. Ich habe sonst oft das Gefühl, dass die Texte aus klischeehaften Bausteinen zusammengesetzt werden und in verschiedenen Texten immer wieder benutzt werden, deswegen überfliege ich die meisten Artikel.
    Aber das hier hat echt Niveau! Toll!

    LG
    Esra

  • viviane

    Bei Boyfriend Looks muss ich immer an Woody Allens 'Annie Hall' / 'Der Stadtneurotiker' denken. Diane Keaton war einfach göttlich darin mit einem unangestrengten Kleidungsstil. Hatte am Mittwoch einen Post über ihren Stil.
    xx viviane

  • kalinka

    ich wünsche mir nick wooster als papa, dann könnt ich immer aus seinem schrank stibitzen ;)

  • stefan

    Der Kerl hat wirklich Stil , das muss man neidlos anerkennen

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