Rick Owens: Wie Du, nur anders
Der werte Herr auf dem Foto ist niemand Geringerer als Rick Owens, der Schöpfer hinter dem gleichnamigen Label. Wie man wahrscheinlich unschwer anhand seiner Kleidung erkennen kann, ist er kein Freund des im Moment schwer angesagten "Colour Blocking". Seine Liebe gehört Schwarz und den gedämpften Tönen, die von Schiefer bis Erdfarben rangieren. Das 1994 von ihm in L.A. gegründete Label wurde dank anschmiegsamer Lederjacken berühmt und steht heute für unkonventionelle und avantgardistische Schnitte. Der 49-Jährige und in Paris lebende Designer beschreibt seinen Stil in der Zeit, der mittlerweile eine ansehnliche Anhängerschaft gefunden hat, als Verbindung von Glamour und Verfall - "Punkrock-Glamour Meets Decay" (1).
Ein Wort, das des Öfteren im Zusammenhang mit Rick Owens verwendet wird, ist der Begriff Tribe, der ins Deutsche übersetzt so viel wie Stamm heißt. So fühlte sich auch Tim Blanks, Moderedakteur bei style.com, von der Kollektion Winter 2011 an die Idee des Stammestums erinnert. Der Designer entgegnete im Interview, dass er durchaus die Idee der Gemeinschaft möge und das damit verbundene Gefühl der Zugehörigkeit.
Der Begriff Stamm könnte wohl vereinfacht mit dem Wort Gruppe gleichgesetzt werden. Viel spannender aber ist es, sich von ihm dazu verleiten zu lassen, einen anthropologischen Blick auf unsere Gesellschaft und Kultur zu werfen. Es stellt sich die Frage nach der tief sitzenden Sehnsucht des Menschen, nach Zugehörigkeit und seinem Streben nach Individualität - etwas, wodurch sich unsere Gesellschaft auszeichnet. Rick Owens selbst verkörpert diese Widersprüchlichkeit: Einerseits ist er ein Außenseiter durch und durch dank seines eigenwilligen Kleidungsstils (Lederhosen kombiniert mit großzügig geschnittenen Cashmere-Ponchos), seines Erscheinungsbilds (lange schwarze Haare, muskulöse Arme und Tätowierungen) und der Unabhängigkeit von großen Modekonzernen. Andererseits ist er schon lange nicht mehr nur ein Designer unter Vielen, der von einem exklusiven Kreis von Anhängern verehrt wird. Seine Kollektionen werden mittlerweile in Paris präsentiert und weltweit verkauft, auch in renommierten Kaufhäusern wie zum Beispiel Barneys (2).
Individualität und Masse. Diese Widersprüchlichkeit lässt sich auch in anderen Bereichen beobachten. So genügt es einen Blick auf die Marke Apple zu werfen, die nach und nach ein fester Bestandteil des Lifestyles einer ganzen Generation wurde. Das schlichte Design und die intuitive Nutzung der Produkte überzeugen und begeistern Massen. Die Produktpalette reicht vom Macbook über das iPad zum iPhone und deckt somit viele Lebensbereiche ab. Dies gibt dem Apple-Anhänger die Möglichkeit, sich exklusiv auf die Marke Apple zu berufen und es wäre wohl nicht allzu gewagt zu behaupten, dass dies auch tatsächlich der Fall ist. Die Anhänger zeichnen sich oft durch ihre bedingungslose Treue aus und es wurde wohl nicht umsonst das Wort "Apple-Jünger" (3) ins Leben gerufen. Ein ganz anderer Wesenszug ist ihr Drang nach Individualität. Es ist wohl ein Cliché mit einem Stückchen Wahrheit: Sie stöbern gerne in Secondhand-Läden, arbeiten als Freelancer, führen ein Blog und verstauen den Laptop auch mal in einer selbst kreierten Jutetasche. Sie kaufen nicht nur ein Produkt, sondern auch eine Lebenseinstellung: "Ich bin einzigartig, so wie ihr".
Genau in dieser Widersprüchlichkeit mag der Erfolg von Rick Owens liegen. Seine Entwürfe zu tragen bedeutet, sich von der Masse abzuheben und doch im gleichen Atemzug einer Gemeinschaft anzugehören, die sich durch ein einzigartiges Lebensgefühl verbunden fühlt: dem Stamm von Rick Owens.
(1) Gerne wird Rick Owens auch als Vorreiter des Glunge (Glamour und Grunge) gefeiert.
(2) Rick Owens entwirft übrigens seit einer Weile neben Mode auch Möbel wie Jessie bereits auf LesMads berichtete.
(3) Der Gründer Steve Jobs wird fast wie ein Messiah gefeiert, wenn er einen Neuzuwachs verkündet und die Vorstellung wird dementsprechend zelebriert.
/Marzena/









Tine
War sehr interessant zu lesen, danke!
Gin
Super Beitrag, davon würde ich gerne mehr lesen!
Ben
Mein Lieblingsdesigner bekommt hier einen wohlverdienten und sehr interessanten Artikel. Danke!
Djarbo
Endlich mal was über Avantgarde Mode...und auch noch annehmbar geschrieben...! Mehr davon, damit die Mädchen auch noch was jenseits von Chanel, Acne und Co entdecken können;)
Gabby / Gypsy*Diaries
I'd kill for one of his leather jackets!!! (almost :)
xxx
Johanna
Marzena,
deine Beiträge gefallen mir wirklich außergewöhnlich gut, und du triffst meinen Geschmack ins Schwarze.
Deine Artikel sind nicht einfach nur so runtergeschrieben sondern haben Substanz; aber kann man das in einem so schnellebigen Medium auf diesem Niveau halten?
Ich würde mich wirklich freuen wenn du das beweisen könntest.
Liebe Grüße.
kalinka
wow, toller artikel zu einem noch tolleren designer.. weiter so!