Avantgarde: futuristisch, originell,... untragbar?
Ende der 70er Jahre tauchten plötzlich die großen Andersdenkenden der Modewelt auf: Rei Kawakubo, Yohji Yamamoto und Issey Miyake. Die Japaner begründeten eine neue Ära der Avantgarde und schufen mit ihren weiten konstruierten Gewändern eine Mode, die eigentlich viel mehr als Kunst zu interpretieren war und sich westlichen Körpervorstellungen völlig entgegenstellte. Bei den Gewändern musste die Trägerin zuweilen wirklich überlegen, wo sich wohl Anfang und Ende des Kleidungsstücks befinden möge. Prädikat: verblüffend, neuartig, futuristisch und untragbar.
Was heißt in diesem Zusammenhang futuristisch? Müsste nicht das, was damals als futuristisch galt, heute Gegenwartsmode sein?
Fest steht, dass avantgardistische, sich von der Masse abhebende und sich der modernen Kunst zuwendende Mode in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung und Interesse gewonnen hat. Martin Margiela, Gareth Pugh, Viktor & Rolf und weitere Kollegen verblüffen in jeder Saison aufs Neue mit ungewöhnlichen, nie gesehenen Kleidungsstücken, die diese Bezeichnung kaum verdienen - denn sie kleiden nicht im herkömmlichen Sinne, sondern hüllen den menschlichen Körper in neue Räume aus Stoff und auch aus unkonventionellen Materialien. Und es wächst auch eine noch jüngere Generation der Avantgardisten heran - Jungdesignerinnen wie Martina Tiefenthaler zum Beispiel, die zurzeit noch in Wien Modedesign studiert, aber bereits eine herausragende Kollektion kreiert hat - mit unzähligen luftigen Lagen von Tüll und panzerartigen, hartschaligen Plastikelementen.
Wer wie ich voller Faszination diese dynamischen, von Zukunftsvisionen geprägten Mode-Kunstwerke betrachtet, verspürt vielleicht auch manchmal den unterschwelligen Drang, sich doch mal zumindest ansatzweise so gekleidet auf die Straße zu wagen. Die kritische Frage, die sich dabei jedoch stellt, lautet: Ist das denn tragbar? Denn wie oben bereits gesagt, wird avantgardistische Mode nicht nur als futuristisch, sondern auch als häufig untragbar angesehen. Doch wer definiert, was tragbar ist und was nicht? Wo liegt die Grenze des Tragbaren?
Es scheint, als würden viele Menschen ungewöhnliche, visionäre Kleidung einfach mit dem Wort "untragbar" abstempeln und ablehnen, ohne sich mal differenziert dazu Gedanken gemacht zu haben, was denn daran so untragbar ist. Avantgardistische Designer sind doch häufig auch erfinderisch genug, Mode zu entwerfen, die nicht nur optisch, sondern auch praktisch betrachtet innovativ ist. In der man also durchaus U-Bahn fahren kann, ohne dass es dabei an körperlicher Bequemlichkeit mangelt. Beispielsweise Junya Watanabes herausragende Kreationen für den kommenden Herbst/Winter 2011 stelle ich mir durchaus angenehm zu tragen vor.
Vor hundert Jahren galt die Hose für die Frau als untragbar. Heutzutage ist die Jeans das selbstverständlichste Kleidungsstück im weiblichen Kleiderschrank. Ich will damit nicht sagen, dass sich jetzt jeder einen Overall aus Hartplastik zulegen soll. Modelle, wie Martina Tiefenthaler sie entwirft, sind wahre Kunst, aber aus praktikablen Gründen nicht tragbar - doch vielleicht als Inspiration zu sehen.
Avantgarde heißt auch, populären Trends nicht blind und aus geistiger Bequemlichkeit, hinterher zu rennen, sondern die Augen offen zu halten für ungewöhnliche Kreationen und neuartige Ideen, die vielleicht erst auf dem zweiten Blick als schick empfunden werden, dadurch aber auch viel spannender sind. Avantgarde bedeutet, junge, innovative Labels anstatt große Ketten zu unterstützen. Und Avantgarde bedeutet auch, selbst kreativ zu werden, nicht nur indem man selbst ungewöhnliche Kleidung näht, sondern auch, indem man mal mutig Kleidungsstücke kombiniert und z.B. Farben und Formen auf unkonventionelle Weise mixt. Erfordert das wirklich so viel modische Kühnheit?
PS Im Haus der Kunst in München läuft noch bis zum 19. Juni die Ausstellung future beauty. 30 Jahre japanische Mode.
/Claire/
Weitere avantgardistische Modeschöpfer:









Karla
wow. Danke! toller Beitrag!
Charlotte
Ich bin begeistert - zuerst dachte ich, dass du doch ein wenig zu jung bist und wenn du naechstes jahr abi schreibst, hast du vll nich genug zeit, um fuer lesmads zu bloggen. aber ich finde dich super und mit abstand die beste bisher! einfach junger, frischer wind und du scheinst viel reifer fuer dein alter! ich hoffe, bald mehr von dir zu lesen =)
Nick
Ich finde klassische Mode wesentlich interessanter. Dieses Avantgarde ist mir ein wenig zu viel, es wirkt wenig elegant.
Schließlich steht auch der Mensch im Vordergrund und nicht das Kleidungsstück.
Lisa
Besteht Mode nicht darin den Menschen in den Hintergrund zu stellen und das auszustellende Kleidungsstück hervorzuheben? Schließlich begeistern wir uns ja nicht für die 10 Models, die die neue Kollektion XY vorstellen, sondern über die präsentierten Kleidungsstücke.
Karen
Nett, unterhaltsam und durchdacht: Ein wunderbares Plädoyer für die Mode als Kunstform!
Boris
Liebe Claire, da ist Dir ein sehr feiner, und ansprechdner Artikel gelungen, der sich erfreulich von dem was man sonst so liest abhebt und vertieft ist. Das Thema, jetzt nicht zwingend Mode aus Japan, ist es allemal wert weiter diskutiert zu werden, weil da stecken grundsätzliche Überlegung zu Mode udn Design drin. Mir gefällt auch, dass Du von Mode schreibst, und nicht von Design, den was Design ist, ist zum einen sehr schwer greif- und defnierbar, zum anderen oft nru eine Worthülse. Nicht so gut gefällt mir der Begriff "futuristisch", weil er vom Inhalt her und auch von der HErkunft (Futurismus) gar nicht zu dem passt, was Du beschrieben hast, und Gott sei dank, gibt es momantan keine futuristische Mode, den das würde ganz anders aussehen und in einer ideologischen Kette stehen (Futuristmus -> italienischer Faschismus -> nazionalsozialistische Ideologie). Progressiv findeich von daher asl Begriff und Umschreibung besser.
Tragbarkeit ist auch so ein ganz feiner "Mode-begriff". Wo liegt die Grenze? Sicherlich liegt sie da, wo auf der Strasse (Milieuunabhängig) die soziale Akzeptanz tangiert, nicht mal überschritten wird.
Julia
Schöner Beitrag
ich bin ein großer Fan von Avantgarde macht viel Spaß anzuschaun und der Designer kann sich gut Ausdrücken. Man wird immer wieder überrascht und sieht mehr als die 20ste Interpretation eines Bleistiftrockes....
Joana
Ob Mode tragbar ist und nicht bloß faszinierend und spannend anzusehen hat wohl mehr mit einem praktischen Aspekt zu tun, als mit Mut diese Dinge auch zu tragen. Wallende Tüllkreationen sehen schön aus, sind ja aber in der U-Bahn morgens im Berufsverkehr blöd!;-)
Deine Beiträge sind übrigens super. Mag deine Art zu schreiben schon auf deinem Blog sehr. Schön, wenn solche Artikel in Zukunft auch hier bei LesMads zu lesen wären!
max wertheim
Diese Mode zählt schon lange zu den Möglichkeiten, sich reduziert oder auffallend und vor allem hochwertig bzw. teuer zu kleiden. Leider werden heute darunter auch Labels subsummiert, die einfach nur total verschnittenes Zeugs produzieren, von denen es auch noch immer mehr gibt.
Das ist ein gut formulierter Text über avantgardisische Mode, der sich allerdings nicht so liest, als wären das deine Gedanken Claire, obwohl du für dein Alter bestimmt sehr gut schreibst.
Auf deinem Blog gibt es keine Texte, die an diesen hier herankommen, finde ich. Und, wenn du über Chanel Couture schreibst, solltest du zwischendurch mal kurz inne halten und darüber nachdenken, ob Behauptungen wie: Es gibt weltweit insgesamt nur zwölf Kundinnen für Couture Mode, usw. auch wirklich stimmen können. Man kann auf seinem eigenen Blog ja alles schreiben, aber das ist leider nicht gleichbedeutend damit, dass man auch immer recht hat. Aber für Lesmads bist du sicher perfekt und sehr gut passend, daher toi, toi, toi und viel Spass.
samo
das war ein sehr sehr guter artikel!
kalinka
toller beitrag.. komischweise mag ich untragbar manchmal meist mehr als tragbar. also vorllem auf dem laufsteg. laufsteg ist traumwelt für mich. da ich nie annähernd an ein model von 185 cm und größe xxs ranreichen werde. für die realität kann vieles ja dann im nachhinein abgeändert werden.
brautkleid günstig
Was heißt in diesem Zusammenhang futuristisch? Müsste nicht das, was damals als futuristisch galt, heute Gegenwartsmode sein?
awesome!