Auf einen Rotwein mit... Mads Dinesen
In zwei Wochen startet im südfranzösischen Hyères die 26. Auflage des legendären
Festival International de Mode & de Photographie. Jessies Wunsch nach ein paar deutschen Teilnehmern im Finale hat sich mehr als erfüllt: Neben Michael Kampe zeigt der Berliner Janosch Mallwitz seine Kollektion in der Villa Noailles.
Mein persönlicher Favorit ist der UdK-Absolvent Mads Dinesen (das tolle Portrait wurde übrigens von Mali Lazell geknipst), der mich im letzten Sommer schon mit seiner Abschlusskollektion "Pain is felt by all" begeistert hat (Diane berichtete). Bei einem Rotwein in Kreuzberg reden wir über die Kollektion, seine Erwartungen an Hyères und den Kulturschock, als er nach Berlin kam.
Sarah Weinknecht: Mads, in "Pain is felt by all" setzt du dich mit der Kolonialgeschichte deines Heimatlandes Dänemarkauseinander. Was war der Ausgangspunkt und wie gingst du dabei vor?
Mads Dinesen: "Pain is felt by all" ist meine Diplomabschlusskollektion an der UdK. Ich komme ja aus Dänemark und lebe und studiere seit fünf Jahren in Berlin. Bevor ich hergezogen bin dachte ich: "Naja, Deutschland ist ja ein ganz normales Nachbarland." Aber dann hatte ich doch einen kleinen Kulturschock. Die Umgangsformen, wie man auf Dinge reagiert, wie man arbeitet... alles anders. Dadurch habe ich mir viele Gedanken über Geschichte gemacht, die ja in Berlin besonders präsent ist. Der zweite Weltkrieg, der Mauerfall...und gleichzeitig gibt es in Deutschland einen großen Stolz auf die eigene Kulturgeschichte.
Sarah: Ja, ambivalent irgendwie...
Mads: Genau. Und darüber bin ich zu meiner eigenen dänische Geschichte gekommen. Die war mir vor Berlin gar nicht so bewusst. Ich habe angefangen regionale Trachten zu recherchieren und bin dann über dänische Kolonialgeschichte gestolpert...
Sarah: Worüber man ja fast nichts weiß...
Mads: Ich zu dem Zeitpunkt auch nicht. Ich war schockiert und beschämt, dass ich so wenig wusste. Sklavenhandel, Unterdrückung, etc. Im Sommer 2009 bin ich mit der Fotografin Mali Lazell für eine Künstlerresidency nach Reykjavik eingeladen worden und habe mich weiter mit dem Thema "kulturelle Identität" beschäftigt und mir die Frage gestellt: Wie gehen wir als Nation mit negativer Geschichte um? In Deutschland gibt es eine sehr starke Verantwortung, in Dänemark nicht. Danach war ich für ein Praktikum bei Boudicca in London und habe weiter recherchiert und versucht, eine Art Typologie der Kleidung verschiedener Kulturen zu entwerfen. Manche Dinge tauchen nämlich immer wieder auf. Gleiche Verarbeitungsweise, gleiche Strukturen...
Sarah: Was zum Beispiel?
Mads: Zum Beispiel Perlenkrägen in Grönland. Die tauchen in Afrika, in Nepal, in Südamerika wieder auf. Aus all diesen Merkmalen habe ich meine Kollektion zusammengestellt.
Sarah: Kann man also sagen, dass deine Kollektion in abstrahierter Form eine Welt-Tracht ist?
Mads: Ja, schon. Ich habe die Farbe rausgenommen, weil der speziell regionale Kontext oft über die Muster und Stoffe transportiert wird. Ich habe daraus eine Art schwarz-weiße Gespensterarmee gemacht. Durch Streetwear-Elemente habe ich den Bezug zu unserer heutigen Generation hergestellt. Quasi als Kommentar zu unserem Verhältnis zu Politik, was für die meisten einfach nicht mehr relevant ist. Das finde ich gefährlich und ich wollte ausloten, welche Möglichkeiten des politischen Engagements es neben Demonstrationen auf der Straße noch gibt.
Sarah: Bei deiner Präsentation im Sommer ist mir besonders aufgefallen, dass du dem Styling einen großen Stellenwert einräumst. Die Kopfbedeckung aus toten Schwänen und Kormoranen ist glaub ich jedem Zuschauer im Kopf geblieben. Wie siehst du das Verhältnis von Kleidung und Styling in deiner Arbeit?
Mads: Bevor ich mit Mode angefangen habe, habe ich zwölf Jahre lang getanzt und Theater gespielt. Diese szenische Ausdrucksform hat immer noch einen starken Einfluss auf mich. Ich habe aber gemerkt, dass man nicht auf der Bühne stehen muss, um Geschichten zu erzählen. Trotzdem findet diese Erfahrung immer wieder einen Weg in die Präsentation. Aber es war natürlich auch ein Trick, bei zwei Stunden Show muss man ja irgendwie herausstechen.
Sarah: Jetzt steht ja erstmal Hyères an. Was erhoffst du dir davon und wie schätzt du deine Chancen ein?
Mads: Als ich angefangen habe zu studieren, war Hyères immer ein großer Traum. Aber ich dachte, dass das nie Wirklichkeit werden würde- und jetzt bin ich da! Ich freue mich sehr auf die fünf Tage Festival, aber schon allein die Kontakte die wir im Vorfeld bekommen sind phänomenal. Die anderen Designer habe ich schon in Paris getroffen, aber ich bin natürlich sehr froh und stolz, dass Janosch auch mit dabei ist. Eigentlich erhoffe ich mir nichts konkret, ich bin einfach überwältigt und freue mich der Jury (Anm.d.R.: Raf Simons ist dieses Jahr Juryvorsitzender), den Gästen und der ganzen Welt meine Kollektion zu präsentieren. Das ist eine große Chance, aber die härteste Arbeit kommt wohl erst danach, wenn man das Level immer wieder halten und toppen will. Natürlich will ich gewinnen, aber erstmal freue mich mich jetzt auf die zwei Wochen in Südfrankreich.
Sarah: Wie bereitest du dich vor? Hast du alle Outfits final fertig oder wirst du noch Hand anlegen?
Mads: Ich habe aus der Kollektion acht Outfits ausgewählt und nochmal „redigiert". Ich mache noch ein paar Teile neu, durch Hyères haben wir ja sehr gute Kooperationspartner wie Stoffhersteller oder Swarowski. Und wir entwickeln einen Duft zur Kollektion, das finde ich besonders spannend.
Sarah: Hast du das schon mal gemacht?
Mads: Nein, aber ich freue mich total darauf. Das ist ein ganz neues, spannendes Feld.
Sarah: Was sind deine Pläne für das nächste Jahr?
Mads: Jetzt konzentriere ich mich erstmal auf Hyères an und dann versuche ich bis zum Juli 2011 meine erste eigene Kollektion fertig zu stellen.
Sarah: Das klingt aufregend. Wir werden das auf jeden Fall verfolgen. Vielen Dank für das Interview und viel Glück für den Wettbewerb!
Die weiteren Finalisten:
Céline Méteil / Frankreich / Damenkollektion Plié-Backstage
Léa Peckre / Frankreich / Damenkollektion Cemeteries are fields of flower
Oriane Leclercq / Belgien / Damenkollektion "Fake is just as good"
Michael Kampe / Deutschland / Herrenkollektion "Exploded View"
Maryam Kordbacheh / Niederlande / Damenkollektion "The Fragile Formation"
Emilie Meldem / Schweiz / Damenkollektion "Odlhou"
Juliette Alleaume & Marie Vial / Frankreich / Damenkollektion "Artifact"
Oda Pausma / Niederlande / Damenkollektion 29.10.2010
Janosch Mallwitz
/Sarah Weinknecht/
Auszüge aus der "Pain is felt by all"-Kollektion von Mads Dinesen:









Lisa
Ist ja lustig, Kolonialismus und Skandinavien habe ich als mein Bachelorarbeits Thema ins Auge gefasst. Schön, dass auch in der Mode darüber nachgedacht wird! Tolles Interview!
Lisa
Ist ja lustig, das Thema Kolonialismus und Skandinavien habe ich für meine Bachelorarbeit ins Auge gefasst. Schön, dass auch in der Mode darüber nachgedacht wird! Tolles Interview!
johanna
mehr solcher beiträge auf lesmads, bitte!
claudio
Bin sehr gespannt auf seine kommende Kollektion. Seine Schwan-Kormoranhüte machen einen auf alle Fälle sehr gespannt auf das was kommt.
kalinka
toller designer und schönes interview..
Jan
Schön hier mal was mit Substanz zu lesen...Spannendes Interview!
p. vanilli
Die Kormorane haben wir doch zusammen gesehen letzten Sommer.
Mads finde ich gut.
Und Sarer noch viel mehr.