von Gastbeitrag in Kategorie: Blogwatch 12Kommentare

Gastbloggerwoche: Modebloggen 2.0

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Weiter geht es heute mit Siems Luckwaldt, 32, der die Blogosphäre genauso gut kennt wie die Verlagsseite: Er ist Ressortleiter Fashion & Beauty der Burda Style Group in München (z.B. elle.de und instyle.de, ...) und die eine Hälfte des Teams hinter Nahtlos! Der Stil-Blog. Er war zudem Mitbegründer von "how to spend it", dem Luxusmagazin der Financial Times Deutschland und viele Jahre dessen Fashion & Beauty Director. Daher freue ich mich besonders, heute viele Zeilen zum Thema "Modebloggen 2.0 - Wohin gehts?" zu lesen.

Willkommen im Club?

Da saß er nun in der front row, ganz nah bei Anna Wintour, Bryan Grey Yambao alias Bryanboy, nimmermüder Modeblogger und Selfmade-Web-Celebrity. Und fast schien es ein wenig, als wunderte sich der der Fashion-Enthusiast und Must-have-Kommentator, den so gar Marc Jacobs schon zu einem Defilée einfliegen ließ, selbst darüber, wie weit er gekommen war. Me, 1st row at Chanel, really? Oder wie weit es mit der Meinungshoheit einst übermächtiger Mode"bibeln" gekommen war ... Vor gut drei Jahren wäre ein derart prominentes placement eines Web-Schreiberlings unmöglich gewesen. Jetzt jedoch haben sich - die bekannten, verlässlichen und traffic-starken! - Modeblogger von der Nerd-Eselsbank ganz nach vorn gearbeitet. Nicht nur räumlich sondern auch in der Gunst der meisten Modehäuser. Die zwar längst nicht alle über eine Internet-PR-Strategie verfügen - doch das Blogger irgendwie für irgendwas gut sind, das haben mittlerweile alle gemerkt. Die Frage des "für was" legen die Labels derweil recht unterschiedlich aus. Ebenso die Frage, ob man sich im Social-Media-Kosmos lieber Volksnah oder unnahbar geben sollte.

Ernstgenommen und in der Berichterstattung unterstützt? Häkchen! Vom Phänomen zur Web-Normalität befördert? Häkchen!

Doch was jetzt?

Meanwhile, at the printing press: Ich habe es andernorts bereits angemerkt, der Modejournalismus, also die ernsthafte (was nicht "trocken" bedeuten muss!) Auseinandersetzung mit textiler Handwerkskunst, technischer Innovation, mit Trends, gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen - und dem, was Designer in ihren Kollektionen daraus machen, dieser auf gedruckten Seiten geführte spannende Diskurs ist nahezu zum Erliegen gekommen. Oder ungefähr so gut versteckt wie Rezensionen neuer Poesiebände zeitgenössischer Dichter. Wer das jetzt für arg verkürzte Polemik hält, dem helfe ich gern einmal am Kiosk seiner Wahl bei der Suche.

Richtig, etliche Avantgarde-Titel mit Kleinstauflagen stemmen sich mutig - und bewundernswert! - gegen den "Alles trendy, alles cool, alles kaufbar"-Einheitsbrei. Wirtschaftliche Realitäten sorgen jedoch für homöopatische Dosen dieser Ausnahmeerscheinungen und zwingen andernorts etablierte Magazine, immer mehr Fragen jenseits der Must-have-Empfehlungen schuldig zu bleiben. Das kann man jetzt bejammern oder gar anprangern - sich dieser Wahrheit verschließen aber kann keiner. Und warum auch? Jede mediale Verschiebung, jede Transformation von Gewohnheiten und Angebotsformaten führt zwangsläufig zu etwas Neuem, spornt irgendwo irgendwen an, out of the box zu denken. Warum sollten Debatten über Laufstegschauen, schrille Trends und bessere Chancen für Mode-Newcomer - warum sollte all das nicht ausschließlich im WWW stattfinden, in Echtzeit, vielfach verlinkt und divers argumentiert. Sollte es der Publikumswille sein, dann könnten Modemagazine bald endgültig die Grenze zum Bildband überschreiten, zum Sammelobjekt werden. Bildgewältig, haptisch verlockend, mit viel Knowhow und Liebe kuratiert.

Die Pioniere der Fashionblogs sind unterdessen selbst im Mainstream angekommen, das merkt man spätestens, wenn ein Blogger gedruckt zitiert oder porträtiert wird. Vorbei die Zeit der wilden, nonkonformen Hinterhof-Improvisation - Willkommen im Establishment. Ganz schön scary. Mit steigenden Visitzahlen und Klickraten sowie zunehmendem Medieninteresse und Integration in die PR-Maschinerie der fashion brands stellen sich plötzlich völlig andere Fragen. Muss sich ein Modeblog den Vorwurf gefallen lassen, uncool oder gar korrumpiert zu sein, bloß weil Werbebanner auf der Homepage blinken? Wenn das Layout professionell und der Schreibstil geschliffen sind? Wie viel Hochglanz verträgt ein Modeblog und wie viel unique voice und point of view bleiben erhalten, wenn neben dem Impressum gleich die Mediadaten prangen? Darf ein Modeblog von Designern geliebt werden? Müssen es auf ewig szenige Streetstyles und krawallige Mainstream-Schelte sein? Lässt sich eine Kleinmädchensicht auf das Modebusiness in die Unendlichkeit verlängern? Beerben Webzines bald die Fashionblogs? Und was ist mit den immer redaktioneller programmierten Mode-Shops im Internet? Spannende Fragen, die ein wenig der Überlegung ähneln, ob Andy Warhol sich künstlerisch verkauft hat, als er bunte Tomatensuppen malte.

Für mich als Journalist, Blogger - vor allem aber als Leser - bleibt jedoch die drängendere Frage, wann es endlich in Deutschland ernstzunehmende multithematische Web-Voll-Magazine im Stile von Slate.com geben wird. Plattformen, die mittlerweile selbst die hochgeschätztesten Printmedien bei Vielfalt, Erfindungsreichtum und Meinungsfreude staubig alt aussehen lassen. Und gleich noch das Radio in ihre Berichterstattung integrieren. Die mitunter immer noch wahrzunehmende Schützengraben-Mentalität zwischen Online- und Printmedien jedenfalls nützt weder dem einen noch dem anderen Lager.

Sollten Weblogs - ob mit Mode oder anderen Themen beschäftigt - hier einen gewissen Innovationsdruck aufbauen und gleichzeitig indirekt Vermittler sein können - ich würde sofort auf "Gefällt mir" klicken!

Tags: blogwatch, gastblog, nahtlos, siems luckwaldt
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12 Kommentare

  • Mel

    "dieser auf gedruckten Seiten geführte spannende Diskurs ist nahezu zum Erliegen gekommen". Ein Diskurs passiert und wird nicht aktiv geführt (siehe Foucaults Begriff der Diskursanalyse). Ich vermute, du meinst Diskussion. Diskurs klingt intelligenter,ich weiß, und adelt so manch banale Textpassage. Aber es ist hier vollkommen falsch gebraucht.

  • cosima

    Wenn ich noch einmal irgendwo lese, dass Blogger ja mitlerweile in den Frontrows sitzen, dann schrei' ich!
    Vllt. könnte man die folgenden Autoren auch vorab informieren: Die LesMads-Leser lesen einen Fashion-blog, es ist also nicht ganz abwegig, dass ihnen ein gewisser Bryanboy zumindest vom Hörensagen ein Begriff ist...

  • anna

    und ich dachte, er beantwortet fragen...

  • Jasmin

    Das mit der Schützengraben-Mentalität stimmt schon.. Mir fällt vorallem immer mehr auf, dass die gängisten Printheftli einfach nur noch den Inhalt von irgendwelchen Blogs (zumeist Fotos) in ihre Hefte drucken. Da bleibt die Innovation ja völlig auf der Strecke..

  • JULIA NOUVELLE-VIS

    Stimme Siems zu.

  • marie

    oha! so viele schlagwörter in einem inhaltsleeren text eingebaut. papa burda ist stolz. gähn....

  • silke

    HERVORRAGEND.

  • Jonas S.

    Der Artikel behauptet, dass "der Modejournalismus […] zum Erliegen gekommen" sei. Diese Feststellung finde ich sehr bemerkenswert, zumal sie die Existenz eines "blühenden", lebendigen Modejournalismus in vergangenen Zeiten suggeriert. Von welchen Zeitspannen in der Geschichte der deutschen Print-, Radio- und Tv-Medien reden wir hier? Ist die Zeit der New Economy gemeint? Gab es zu dieser Zeit guten Modejournalismus? In welchen Publikationen? Von welchen Autoren? Und wann?

    Wenn Modejournalismus die "Auseinandersetzung mit textiler Handwerkskunst, technischer Innovation, mit Trends, gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen…" bedeutet - sollten wir dann überhaupt den Terminus "Modejournalismus" mit Blogs, die Mode als Oberthema haben, in einen Zusammenhang bringen und Vergleiche aufziehen? Momentan erfüllen nur wenige Blogs mit Modebezug - ja, es gibt Ausnahmen! - ernsthaft journalistische Kriterien, von profunder Kenntnis über Mode oftmals (leider) ganz zu schweigen.

    Vielleicht sollten wir erst klären, was guten und was schlechten Modejournalismus ausmacht. Da die Frage auch von ideologischer Natur ist, müssen wir uns mit der Frage nach dem persönlichen Anspruch und der Ideale beschäftigen. Welche Ziele verfolgt ein Blog wie Lesmads? Welchen journalistischen Anspruch hat man? Folgt man kommerziellen Zielen und entscheidet sich für leicht verdauliche, banale Leserkost im Sinne von Tagesoutfit: Sonnenbrille von Tom Ford oder veröffentlicht man vergleichsweise investigativ-erscheinende Einträge à la H&M und die Nachhaltigkeit: Interview mit Catarina Midby? Welchen Anspruch hat hingegen eine Elle oder eine Vogue? Gibt es da Unterschiede? Und wenn ja, welche? Und welchen Anspruch sollte dann, im Vergleich, ein Artikel über Mode in Publikationen wie Süddeutsche oder DIE ZEIT haben? Um die Frage "Modebloggen 2.0 - Wohin geht's?" beantworten zu können, müssen wir wissen, wie wir mit dem Thema Mode zukünftig umgehen wollen. Denn mitunter frage ich mich, ob man den Begriff "Modeblogger" vermeiden und anstatt dessen von modeinteressierten "Lifestyle-", "Party-" oder "Shoppingbloggern" sprechen sollte. Dann hätte die Leserin oder der Leser doch vielleicht auch kein Problem damit, dass jene Bloggerinnen oder Blogger "von Designern geliebt werden" oder Gratis-Moët saufen.

    Ob die "Debatten über Laufstegschauen, schrille Trends und bessere Chancen für Mode-Newcomer" nun im WWW oder in den Printmedien stattfinden, ist doch relativ egal. Was wir vor allem brauchen, ist - sowohl in Print- als auch in Onlinemedien - mehr Qualität in der Berichterstattung über Mode (das dürfen dann ggf. gerne auch "ernstzunehmende multithematische Web-Voll-Magazine" sein). Die "mitunter immer noch wahrzunehmende Schützengraben-Mentalität zwischen Online- und Printmedien" ist völlig belanglos, solange beide Medien qualitativ hochwertige Inhalte liefern. Denn wir brauchen ein Mehr an Qualität, an Substanz - das wiederum aber auch ein Mehr an Kenntnis voraus setzt. Und da unterscheiden sich dann doch womöglich wieder Printmedien von Blogs. Die Blogosphäre verlangt tendenziell keine Fachkenntnis, entsprechende Ausbildung oder Studium.

    Vielleicht könnte man sich auf eine Aufgabenteilung einigen: die Blogs liefern zeitnah, mehr oder weniger unkommentiert, Informationen - sie fungieren als der mediale Gatekeeper des tosenden Stroms aus täglichen Twitter- und Pressemitteilungen. Mitunter dienen sie, die Blogs, auch als Plattform für im Modesystem noch nicht etablierte "Newcomer" etc.. Die (noch zeitintensivere) kunsthistorische und modetheoretische Kontextualisierung, Einordnung und sachlich fundierte Bewertung erfolgt hingegen im Printmedium. Ein Beitrag wie "Trendspotting: Unterwäsche als Oberwäsche" ist da ein gutes Beispiel. Als "Trendspotting"-Achtung-(scheinbar)-neu passt es gut zu Lesmads. In einer Zeitung könnte man dieses Phänomen dann noch weiter vertiefen. Man könnte zum Beispiel auf die 90er-Jahre und auf den damaligen Trend von "Underwear as Outerwear" zurückblicken, Bezüge zu Jean-Paul Gaultiers ähnlichen Entwürfen für Madonna herstellen oder Vergleiche zur Spring/Summer-Kollektion 1997 von Miu Miu aufstellen. Man könnte sich fragen: Wie kam es zu diesen Entwürfen? Welche Reaktionen löst diese Art von Kleidung bei Betrachterin oder Betrachter aus? Was wird uns suggeriert? Was sagt das über die moralischen Konventionen unserer Gesellschaft? Was hat das mit Gender oder Status zu tun?

    Vielleicht wäre dieser Ansatz relevant - oder aber, er schießt über das Ziel hinaus und derlei Fragestellungen gehören nur in Publikationen wie Vestoj oder Fashion Theory. Und trotzdem: ich finde, ein Mehr an Qualität ist wichtig, weil Mode (leider) zu wenig gesellschaftliche Anerkennung hat und als Belanglosigkeit abgetan wird. Allein ein Blick auf ZEIT ONLINE reicht aus und beschreibt die Lage sehr eindrücklich. Die Kategorie "Mode" findet man dort unter der Rubrik "Lebensart". Zusammen mit "Essen & Trinken" sowie "Partnerschaft". Die Kategorien "Musik", "Literatur", "Kunst" und "Film & TV" hingegen werden unter der Rubrik "Kultur" gelistet. Was sagt uns das? Der Mode (in Deutschland) fehlt die Akzeptanz, ihr wird nicht der mediale Raum und Stellenwert zuerkannt, den sie durchaus verdient hätte. Eine Meinung, die sich auch in Statements der Modekritiker Peter Bäldle und Alfons Kaiser wiederfindet. Die Skepsis and Reserviertheit - vor allem unter Intellektuellen - gegenüber der Auseinandersetzung mit Mode darf nicht durch modejournalistisch minderwertige Inhalte bestärkt werden. Modekritikerinnen oder Modekritiker, die regelmäßig im Feuilleton, wie Musik- und Theaterkritiker Joachim Kaiser oder Iris Radisch für die Literatur, auftauchen, hat Deutschland nicht. Diesen "marginalen Status" und die Wahrnehmung von Mode als ein "oberflächliches, seichtes Thema", wie es der Soziologe und Philosoph Gilles Lipovetsky beklagt (The empire of fashion: dressing modern democracy, 2002), hat die Mode nicht verdient!

    Dass Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Barbara Vinken kürzlich einen "Mode-Artikel" ("Marie Antoinette's Ibiza-Hip") im Cicero veröffentlicht hat, ist sicherlich ein kleiner Lichtblick und (vielleicht) Zeichen einer Besserung. Ihr Artikel war durchaus gehaltvoller als manche "Stilkolumne" von Tillman Prüfer für DIE ZEIT.

    Vielleicht sollten wir ja da irgendwo - bei der Qualität - anfangen. Dann hört das mit Online versus Print auch bald auf. Dann wird sich schnell zeigen, wer die Nase vorn hat und wer zukünftig welche Aufgaben übernehmen wird.

  • jen

    JONAS S. – danke für diesen tollen Artikel. Wo kann man von dir mehr lesen?

    Soviel Substanz und Hintergrundinformationen vermisse ich bei den bisherigen "Wohin geht's"-Artikeln. Mir scheint, diese sollen möglichst knackig gehalten sein, aber dadurch beschäftigen sie sich nur sehr oberflächlich mit der Fragestellung und sind eben viel zu kurz, um dies tiefgehend zu tun.

    Liebe JESSIE, bitte feature doch solche Beiträge mal groß – offensichtlich hast du extrem bewanderte Leser, die zur Diskussion viel beiträgen können (und in den Kommentaren oft untergehen). So ein Text wie der von Jonas macht Lust auf mehr!

  • Rene Schaller

    Ja, ich würde auch gerne mehr von Jonas lesen!

  • Mero

    Ganz schön scary, dieser Text.

  • Marie-ann

    Ich habe mir dein Blog vorhin einbisschen angeschaut und muss sagen, die ;-)

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