von Gastbeitrag in Kategorie: Blogwatch 10Kommentare

Gastbloggerwoche: Modebloggen 2.0

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Die Themenwoche "Modebloggen 2.0 - Wohin geht's?" startet heute mit Rebecca Sandbichler, Online-Journalistin mit Liebe zum Print. Gemeinsam mit anderen Papier-Nostalgikern gründete sie das Blogger-Bookazine CIRCUS, dessen erste Ausgabe gerade weltweit erschienen ist. In ihrem Text geht es um Masse, die Klasse schafft.

Masse schafft Klasse

Das hübsche junge Mädchen stakste auf ihren schlanken Beinen über die gepflegte Parkwiese wie ein junges Reh, das gerade die ersten Schritte wagt. Die klassische "Ich muss mal"-Pose. Erst als ich sie lachen hörte, sah ich ihre Freundin, die einige Meter entfernt an ihrem Objektiv schraubte. "Aha, zwei Schülerinnen, die mit ihrem Modeblog ein paar Produkte abgreifen wollen", urteilte ich, als ich an ihnen vorbei joggte. "Warum so zynisch?", fragte ich mich später. Immerhin hatten die beiden Mädels doch Spaß und was ging es mich an?

Modeblogs sind in der Masse angekommen. Spätestens seit auch Frauenzeitschriften den Begriff "Fashionblog" in ihren einseitigen Wortschatz aufgenommen haben, sind sie kein Geheimtipp mehr. Und das macht mich und viele andere wohl so zynisch.
Ich bin gespalten: Einerseits werde ich als Online-Journalistin und Chefredakteurin eines Blogger-Bookazines nicht müde zu betonen, wie kreativ und professionell Modeblogger sein können und dass sie authentischer und näher am Leser sind als die klassischen Modemagazine. Ich will, dass auch Internet-Skeptiker das anerkennen, und freue mich daher über den Erfolg der bekannten Namen. Andererseits ist es wie mit der kleinen Lieblings-Indie-Band, die plötzlich auf den Hauptbühnen der großen Festivals steht: Sie sind auf einmal so groß, so umschwärmt, so kommerziell. Der Charme ist scheinbar dahin.

Doch kommerziell ist nicht automatisch künstlich. Musik, die von Profis im Studio aufgenommen wurde, hört sich im Normalfall eben besser an. Die großen Blogs sind nicht bekannt und beliebt, weil sie am schnellsten Laufsteg-Fotos von Style.com gepostet oder die besten Make-up-Sets verlost haben. Sie alle haben der Blogosphäre ihren persönlichen Stempel aufgedrückt, Debatten angestoßen, eigene, tolle Fotos gemacht und ihren Blick auf Dinge gerichtet, die von den Mainstream-Medien übersehen wurden. Deshalb finde ich es gut, dass Jessie zurück zu den Wurzeln gehen und fortan wieder mehr Persönliches zulassen will. Auswahl, Einordnung, Mut zur Meinung und individuelle Inhalte - das ist es, was ich mir als Journalistin aber auch als Leserin von einem Blog erwarte. Authentizität und Unangepasstheit, besonders in modischen Belangen, sind nach wie vor eine Stärke von Blogs. Natürlich will aber auch ich nicht fünfzig persönlich gehaltene Tagebücher von netten, hübschen Mädchen lesen. Ein Rezept für Erfolg ist das nicht, das gibt es nicht.

Denn obwohl Blogs schon für einen individualisierten Medienkonsum stehen, werden wir unsere Auswahl innerhalb der Sparte "Modeblog" künftig wohl noch gezielter treffen und genau die Nische suchen, die zu uns passt. Wenn es immer mehr Blogs gibt, müssen ihre Macher eben immer besser werden und das kommt uns Lesern zugute.
Besonders gespannt bin ich, wie sich die immer größere Popularität der Blogs auf der ganzen Welt auswirken wird. Bei unserer Suche nach bloggenden Autoren für CIRCUS stießen wir vor einem Jahr immer noch vorwiegend auf Blogs aus den Industriestaaten, doch auch in Ägypten, Brasilien oder Indien gibt es Menschen, die wirklich etwas über Mode zu sagen haben. Einige werden bekannt sein und vielleicht auch kommerziell; andere werden weiterhin nur mit ihrer besten Freundin nette Bilder im Park machen und sich dabei wie ein Model fühlen. Ist doch schön.

Tags: blogwatch, circus bookazine, gastblog, modeblog
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10 Kommentare

  • Dana

    Sehr schöner Text!!

  • Eva

    Ein super Text, Rebecca! Ich ertappe mich auch manchmal dabei, dass ich genervt reagiere wenn ich auf einen Mädchen-Klamotten-Blog stosse. ABER: Man war ja selbst nicht anders!
    Das Phänomen von »sich-gegenseitig-in-verschiedenen-Klamotten-gestylten-fotografierenden-Mädchen-im-Park-oder-Kinderzimmer« ist nicht neu und ich denke, dass dies nicht erst durch Modeblogs aufkam. Neu ist nur die Plattform, auf denen sich diese Mädels präsentieren und auch hier gibt es eine Steigerung der Professionalität. Was heute via Facebook & Blogpress kommuniziert werden kann, haben wir früher mit »Briefbüchern« und Papier(!)fotos täglich ausgetauscht. Mit dem Unterschied, dass diese Fotos und Texte damals einzig und allein für Freundinnen vorbehalten waren. Ich habe schon oft gedacht, dass meine Freundinnen und ich vor 10-15 Jahren sicherlich auch einen Blog gestartet hätten - hätte es damals schon die Möglichkeit gegeben. Geht es euch genauso? Habt ihr früher auch H&M-Kassenbons in Bücher von NanuNana geklebt oder ist das hier ein intimes Outing meinerseits? :-)

  • Jaqueline

    Diese kleinen Modemädchen können zwar teilweise recht nervig sein,
    ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wir das genauso gemacht hätten, wenn es "damals" schon diese Plattform gegeben hätte. Was mich an Modeblogs generell stört: Die meisten schreiben Texte über
    Designer, Showrooms, Fashionsweeks, etc. - dabei geht es
    größtenteils um Mode, die sich keines dieser kleinen Mädchen
    leisten kann. Aber nur so kann ein Blog wohl wirklich erfolgreich
    werden, da kann man schließlich die besten Geschenke und Goodies
    abgreifen, sich einen Namen in der "Szene" machen. Ich frage mich,
    wie viele Designer-Teile sich Jessie leisten konnte, bevor lesmads
    so erfolgreich wurde...

  • emmi

    der text ist auch schön.besonders der vergleich zu der indie-band die plötzlich berühmt wird gefällt mir.wirklich schön!

  • Saba

    Ich mag den Artikel total und stimme damit überein.

    Einen Modeblog zu haben, ist so populär geworden, dass die Vorreiter auf diesem Gebiet etwas verschnupft reagieren, da diese Bewegung unmittelbaren Einfluss auf ihr eigenes Schaffen hat. Jeder schimpft sich Modeblogger und macht exakt das Gleiche wie die anderen. Eigentlich sind Modeblogs eine heterogene Masse, wobei es bei vielen schwer fällt eine klare Positionierung zu erkennen.
    Ich wär auch nicht erfreut, wenn ich zu den Vorantreibern eines solche Phänomens gehörte und dann ein Haufen Leute durch geistloses Kopieren meine Lorbeeren miternten würde.

    Andererseits birgt natürlich diese enorme Vielfalt auch eine ganz neue Form des Austauschs und somit auch immenses kreatives Potenzial für gemeinsame Projekte.
    Ich hoffe Mode-, Lifestyle-, oder was auch immer Blogs legen den Fokus weniger auf Sales, Shops und Verlosungen und bieten mehr Denkanstöße und Ideen.

  • FacebookClaudia Grande

    also ich weiß nicht, man bekommt doch nicht automatisch geschenke von den labels über die man schreibt (bei les mads ist das was anderes).


    ich denke, dass viele leute über die "großen" marken schreiben, hängt einfach damit zusammen, dass die infos und bilder leichter zu erreichen sind.


    ein großteil des bloggens findet vom schreibtisch aus statt und um über dinge zu berichten, die man nicht "überall" findet, muss man jeden tag rausgehen, recherchieren, mit leuten reden usw. der übliche arbeitsalltag von journalisten eben. das ist sehr zeitaufwendig und als hobby so nebenbei sicher nicht ewig aufrecht zu erhalten.


    außerdem glaube ich nicht, dass ein blog "nur so wirklich erfolgreich" werden kann, indem über mode geschrieben wird, die "sich keines dieser kleinen mädchen" leisten kann.
    ganz im gegenteil: ich denke ein guter blog muss vor allem ehrlich und authentisch sein.

  • Rebecca Sandbichler

    Vielen Dank für das nette Feedback!

    @Claudia Grande: Ich denke auch, dass der (manchmal) einseitige Themenfokus aus Zeitmangel entsteht. Man kennt es ja selbst: Da sind ein paar gute, verlässliche Quellen, auf die man immer wieder zurückgreift. Nur leider machen das viele, viele andere auch. Dadurch entsteht leider sicher kein Blog, der sich von anderen abhebt.

    Ein Blog über Mode in Musikvideos, den ich bei Ervehea von Proletkult heute entdeckt habe, bestätigt für mich aber den Eindruck, dass Modeblogs sich immer noch stärker spezialisieren. Eine Entwicklung, die man ja auch in anderen Mediengattungen beobachten kann. Das ist gut für die Leser, weil sie genau das finden, was sie wollen. Aber auch für die Werber, weil sie genau die Zielgruppe erreichen, die sie suchen. Wieder ein Problem, das manche Modeblogs in direkte Konkurrenz zu diversen Magazinen setzt, die vielleicht eine größere Streuung haben...

    Ich bin schon gespannt, welche anderen Aspekte die Woche aufwerfen wird. Naja, eine Glaskugel haben wir alle nicht. Wir können nur abwarten, was passiert :-)

  • Greta

    ich sehe das wie Rebecca - trotz all den Kopien und Klonen gibt es dennoch auch Klasse in der Masse - das erkennt man schon daran, dass diese Modeblogs nicht einfach wieder Themen aufgreifen, über die jeder schreibt - sondern dass sie selbst die Themen machen.
    Wie eine Art First Mover (sorry für den Marketing Jargon) berichten Sie direkt von den ersten Trends und beweisen den Mut, sich dazu auch kritisch zu äußern

  • Melanie

    Toller Text! Freue mich schon auf die anderen Texte dieser Reihe, wirklich eine gute Idee gewesen.

  • anna

    schöner flüssig leichter text.. der ging runter wie butter. bin gespannt auf die weiteren gastblogger.

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