von Jessie in Kategorie: Mode 5Kommentare

Hinter den Kulissen von Vente Privee in Paris

Europas größter Onlineshopping-Club vente-privee.com öffnete vergangenen Dienstag seine Pforten und ließ uns einen Blick hinter die Kulissen werfen. Wie genau es dort aussieht, konnte ich mir trotz bekannter Fakten nur schwer vorstellen: 10 Millionen Mitglieder (und 5 Millionen Kunden), ein voraussichtlicher Jahresumsatz von 850 Millionen Euro in 2010 und 1.250 Mitarbeiter. Gestartet im Wohnzimmer von Jaques-Antoine Granjon gemeinsam mit sieben Geschäftspartnern, sieht die Bilanz der letzten neun Jahre geradezu wie im Bilderbuch aus. Das Konzept des Verkaufs von stark reduzierter Ware aus den abgelaufenen Saisons, die aus einem Produktionsüberschuss großer Marken stammen, wendete der Gründer bereits offline an, der Schritt ins World Wide Web war die logische Konsequenz.

Für den User ist das Angebot des ursprünglich nur mit Einladung zugänglichen Portals (eine Registrierung ist mittlerweile aufgrund starker Nachfrage einfach möglich) wegen der bis zu siebzigprozentigen Reduzierung attraktiv, auch wenn die Kleider oder Gebrauchsgegenstände zwei oder mehr Saisons alt sind.

Glücklich gemacht wird damit jedoch nicht in erster Linie der Kunde, Vente Privee sieht sich als B-to-B-Unternehmen (Business-to-Business): Das Image der Marken soll gewahrt werden, das klassische Vertriebsnetz bestehen bleiben und durch die Exklusivität des Clubs dringt kein Ausverkauf nach außen.

Und die Schwäche des Systems? Da gäbe es keine, erklärte uns der Marketing-Leiter und Mitbegründer Xavier Court selbstbewusst. Räumte dann aber noch ein, dass die Wartezeit bis zur Ankunft des Artikels von etwa zwei bis drei Wochen zwar nicht optimal ist, wisse der Konsument über die lange Wartezeit Bescheid, sei aber auch das kein Problem. Anders wäre es das Konzept auch nicht umsetzbar; Vente Privee ordert die Produkte erst beim Hersteller, wenn alle Bestellungen der zeitlich begrenzten Verkäufe (jeweils 2-4 Tage) seitens der User eingegangen sind. Fünf Tage später trifft die Ware dann in der riesigen Fabrik außerhalb von Paris ein, um verpackt und einzeln verschickt zu werden. In unserem Video ist der Produktionsablauf genau nachzuvollziehen.

Das äußere Erscheinungsbild der Website spricht mich aus rein ästhetischen Gründen nicht wirklich an, dementsprechend erwarteten wir von dem Headquarter vielleicht ein durchschnittliches Bürogebäude. Bereits der Eingang der großen ehemaligen Lagerhalle imponiert mit zahlreichen Kunstobjekten, die Granjon überall verstreut und in jeder freien Ecke platziert hat: Ein Gorilla aus Kleiderbügeln, riesige Fotografien mit schreienden Kindern oder ein Bär mit Kreissäge sind da nur einige Beispiele.

Schließlich soll möglichst kreativ gearbeitet werden - produziert werden die Verkäufe allesamt Inhouse mit einer beeindruckenden Maschinerie dahinter. Uns wurden die einzelnen Stopps genau gezeigt:

  1. Los geht es mit der Auswahl der Marken und den Verhandlungen für die Konditionen. In einem Großraumbüro sitzen etwa 90 Einkäufer zusammen, die mit 1.200 Marken pro Jahr zusammen arbeiten.
  2. Anschließend wird das Projekt eine Etage höher zur Verkaufsplanung abgegeben - rund 140 Koordinatoren kümmern sich aufgeteilt auf die fünf Kernmärkte Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien um die Produktion: Shooting, Home-Designer, Motion und Sound werden eigens für die Trailer und Bebilderung benötigt.
  3. 12.000 Fotos werden am Tag in 60 hauseigenen Studios geknipst. Damit hat Vente Privee den größten Fotostudiobetrieb in Paris.
  4. Nebenan durften wir einen Blick in das Tonstudio werfen, in dem die zuvor entstandenen Verkaufs-Trailer konzipiert wurden. Sechs Sound-Designer komponieren alle Melodien und Sound-Effekte, pro Jahr entstehen daraus rund 500 Musikstücke. Für mich die spannendste Station.
  5. Wenn alles fertig ist, kann der Verkauf losgehen. Anschließend wird die Lieferung über die Lagerhallen in Paris, Lyon, Madrid und Germersheim abgewickelt. Wie etwa 10.000 Produkte am Tag in Paris versendet werden seht ihr im Video.

Die Produkt- und Markenwelt der Modeartikel geht von Sportswear über Dessous bis hin zu Calvin Klein, Acne oder Wolford. Weil Warenüberhängen neues Leben eingehaucht wird, kommt es nur selten vor, dass man ein Produkt wirklich haben muss - weiß auch Court, der uns erzählte, wie er neulich einen Schinkenschneider (neben Mode gibt es bei Vente Privee außerdem Gebrauchsgegenstände und mittlerweile sogar Reisen und Wohnungen) kaufte, diesen aber eigentlich nicht braucht. Die kurzen Verkäufe, die sinkende Anzahl der Produkte und der erhebliche Preisnachlass machen aber auch aus den weniger attraktiven Angeboten eine Goldgrube. Ich habe mich zum Beispiel für die Strumpfhosen von Wolford angemeldet. Wenn mal wieder eine Aktion losgeht, heißt es lediglich früh aufstehen, da sich jeden Morgen um 7 Uhr die virtuellen Türen öffnen.

In den Lagerhallen ist alles dem Logo entsprechend Pink:

Ein spannender Einblick hinter die Kulissen, der hoffentlich an euch weitergetragen werden konnte. Wir bedanken für die Transparenz und die Einladung von Vente Privee.

Tags: onlineshop, paris, vente privee

5 Kommentare

  • Nora

    Sehr guter und informativer Artikel (und wie hübsch der Hauptsitz eingerichtet ist!) - bitte in Zukunft mehr davon!:)

  • Sophie

    der blog ist eine blühende blume unter vielen verwelkten

  • Edem

    Sehr schön. Hätte nicht gedacht, dass wirklich noch so viel Kreativität dahinter steckt.
    Ach, und genau heute ist mein Vente Privee Päckchen angekommen;))

  • Claudine

    Wow, wirklich interessant!
    Hätte nicht gedacht dass da so eine Machinerie dahintersteht.

    Aber ich finde die Sachen die teilweise bei vente privee angeboten werden wirklich hässlich, dafür dass sie als super Markenware angepriesen werden. Und das hat nichts mit last season zu tun. Teilweise nur ganz normale Sachen wie bei H&M und dann nur plump ein Logo draufgedruckt... Und das is dann 'Feschin'? (;

  • Martina

    der gorilla ist mein favourite! so viel kreativität ist wirklich inspirierend...

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