von Jessie in Kategorie: Mode 17Kommentare

Fashion Week Berlin bleibt vorerst am Bebelplatz

Welcher Stellenwert der Mode hierzulande zugeteilt wird, musste die Berliner Modewoche im vergangenen Januar am eigenen Leib erfahren: SPD-Mann Ralf Hillenberg, Chef des Petitionsausschusses im Abgeordnetenhaus sagte: "So eine Halligalli-Veranstaltung hat nichts auf einem Platz verloren."

Der Hintergrund: Der Bebelplatz war 1933 der Schauplatz der Bücherverbrennungen der Nazis. Das daran erinnernde Mahnmal des israelischen Künstlers Micha Ullman liegt unter den Fashion-Week-Zelten, Politiker forderten Anfang des Jahres aber, in Zukunft keine "nichtkulturellen Veranstaltungen" mehr dort auszutragen. Am Mittwoch dann sprach sich das Abgeordnetenhauses endgültig gegen den Bebelplatz als Standort aus - weil auf die Schnelle aber keine Ausweichmöglichkeit gefunden werden konnte, dürfen die Zelte im Juli voraussichtlich ein letztes Mal über dem Mahnmal (dieses bleibt aber weiterhin zugänglich) aufgebaut werden. Als Alternativstandorte für die Modemesse sind nach Angaben des Ausschusses der Washingtonplatz vor dem Hauptbahnhof, der für die Veranstalter aber wohl nicht in Frage kommt, sowie die Straße des 17. Juni vorgesehen - in angemessenem Abstand zum Brandenburger Tor.

"Für kulturelle Veranstaltungen sei der Platz geeignet, für kommerzielle jedoch nicht," betonte der Vorsitzende nochmals. Weihnachtsmarkt und Modewoche stehen sich damit näher als nie zuvor - wie soll jemals eine steigende Akzeptanz gegenüber Mode entstehen, wenn diese in Deutschland noch immer nicht als Kulturgut betrachtet wird?!

Tags: bebelplatz, berlin, berlin fashion week

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17 Kommentare

  • Belle

    Oh das wäre wirklich schade. Ich habe bei jedem Besuch der vergangenen Fashion Weeks auch einen Blick auf das Denkmahl geworfen. Ich finde es stellt einen Ruhepunkt in all dem Trubel da und bringt einen etwas auf den Boden der Tatsachen zurück.
    Nun ja... ich bin gespannt.

  • Sarah

    Ich kann bei solchen Aussagen (Ralf Hillenberg) nur den Kopf schütteln. Dein letzter Satz ist sehr treffend!

  • Tessa

    Das hatte Prof. Lehnert auf der Tagung "Räume der Mode" ja auch so schön kommentiert:

    „Mode muss an völlig anders besetzte Orte gehen, um die Konfrontation zu suchen.“ An der Diskussion um die Fashionweek am Berliner Bebelplatz zeige sich, wie Mode in der öffentlichen Debatte nach wie vor als frivol und oberflächlich betrachtet würde.

    Zudem überwiegt hier der kommerzielle Faktor nicht. Auf einer Verkaufsmesse ja, die Fashion Week ist ja hingegen auf Sponsoren angewiesen, um stattfinden zu können. Für deutsche Politiker und Fashion-Week-Kritiker würde sich ein Blick nach Frankreich lohnen, wo Mode als Kulturgut betrachtet und dementsprechend gefördert wird. Die Modebranche rentabler zu machen, sollte auch im Sinne von Wirtschaftspolitik sein.

  • Susanne

    Hoffentlich wird es nicht der Platz vor dem Hauptbahnhof!

  • Julia

    Ich finde aber trotdem, dass man den Einwand respektieren oder zu mindest ernstahft drüber nachdenken sollte.
    Zwar bin ich auch der Meinung, dass Mode nicht nur oberflächlich ist und auch einen Teil der Kultur darstellt, allerdings finde ich, dass es sich bei dem Bebelplatz um einen sehr sensiblen Ort handelt und ich mir vorstellen könnte, dass es Leuten wie Brecht oder Kästner nicht gerecht wird.
    Und deshalb kann ich auch sehr gut nachvollziehen, dass dies auch Menschen, die nichts mit dem "Modezirkus" zu tun haben, der ja nun auch eher einer exklusiven Minderheit vorbehalten ist, empört.
    Zwar wird man natürlich auch der Mode nicht gerecht, wenn man sie nur nach der C Prominenz die bei den Schauen in Berlin in der ersten Reihe sitzt beurteilt, allerdings sollte man es auch im historischen Kontext betrachten und da finde ich es in der Tat nicht angemessen und das hat nichts damit zu tun, dass ich Mode nicht auch als Teil unserer Kultur sehe.
    Und es geht ja nicht um jeden Platz in Deutschland, also dass der Mode überhaupt kein PLatz eingeräumt werden würde, es geht einfach um diesen Platz und da finde ich den Einwand der Politik berechtigt.

  • Carola

    Interessanter Beitrag! Die Fashion Week als "nicht kulturelle" Veranstaltung abzutun, zeigt in der Tat, die Einstellung der Deutschen zur Mode. Schade! Wäre in Italien nicht passiert...

    http://fashioncoup.com

  • silki

    der kommerzielle faktor überwiegt nich? seltsame argumentation, geht es doch letztendlich um die anpreisung eines produktes, das entweder dem image oder dem finanziellen bereicherung eines unternehmens dient.
    die mode hier auf eine kulturelle linie ziehen zu wollen, ist verrückt! und kann nur von menschen stammen, die selber im modebereich arbeiten oder sehr mode-affin sind. jeder normale mensch, der sich nur am rande mit mode beschäftigt (ja, es gibt wichtigere dinge!) wird die diskussion für völlig entrückt halten, denn letzten endes ist und bleibt es purer kommerz. kulturell kann ich nur die meilensteine der mode bezeichnen: bikini, minirock etc. aber nicht doch die immer wiederkehrenden ewig eintönigen wiederholungen und variationen des gleichen themas.
    ich kann daher beide seiten verstehen und ich denke, manchmal ist es wichtig, innezuhalten und sich bewusst zu werden, dass mode nur eines von vielen ablenkungsmanövern in unsere gesellschaft ist - eine leere hülle voller versprechungen, die nie gehalten werden können. ja, spaß macht sie trotzdem. aber ist spaß und kommerz mit dem gedenken vereinbar? ich glaube eher nicht.
    aber es gibt doch genügend andere möglichkeiten, wir sind hier in berlin mit unzähligen brachflächen etc. ein bisschen mehr innovation und flexibilität und alles wird gut :-)

  • Bridgert Moerth Macklin

    Was Politiker nicht alles tun, um Fleiß, Engagement und Sachverstand vorzuschützen.....

    Es hat nichts der Geschichte des Bebelplatzes zuwider laufendes, die Berlin Fashion Week weiter hier zu veranstalten. Der Vorstoß ist reine Polemik und Wichtigtuerei.

    Ich finde es bedenklich, so zu tun, als würden Modeschauen den Platz entwürdigen.

    Dürfen die Leute, die am Bebelplatz wohnen, etwa keinen Würstcheneintopf bei geöffnetem Fenster kochen, weil das dort nicht hinpasst?

    Wenn der Politiker Hillenberg wirklich etwas gegen das schwere Erbe und den aktuellen Rassismus tun wollte, dann sollte er sich besser für einen neuen Versuch des Verbotes der NPD einsetzen ... da herrscht aber leider Funkstille .... das könnte dann ja schnell in Arbeit ausufern... (ist das nicht dieser Politiker unter Korruptionsverdacht bzw. mit den Verflechtungsproblemen? der hat doch im Hauptberuf diese Wohnungsbaufirma ...).

    Respekt vor den Opfern des Holocaust kann tatsächlich auch vor und in einem Zelt der Berlin Fashion Week erwiesen werden.

  • marie

    ich stimme silki ganz und gar zu!! die berlin fashion week ist kommerz! wie kann man das bestreiten wollen? Wer will mir erzählen, dass Joop, Boss, LalaBerlin etc. Kultur und nicht Kommerz sind?!?

    ich fände es auch angemessen, einen anderen platz auszuwählen.

  • Julia

    Mit deinem Vergleich mit Anwohnern, die dort schlussfolgerlich keine würstchen kochen dürften vergleichst du ja Äpfel mit Birnen und außerdem wage ich es zu bezweifeln, dass es dort eine große Anzahl von Wohnhäusern gibt... ich glaub das läuft eher gegen Null...
    Wie auch immer tut auch gar nichts zur Sache...
    Obwohl du damit Mode mit Würstchenkochen gleichsetzt? naja wie gesagt, egal.

    Und ein Verbot der NDP? Das hat auch nichts mit der Diskussion zu tun und außerdem finde ich das auch sehr bedenklich.
    Ein Verbot der NDP würde sie ja nur in die Illegalität treiben und so noch schlechter kontrollierbar machen.
    Mit einem Verbot verschwiden Gesinnungen schließlich nicht.

  • Bridget Moerth Macklin

    @Julia

    Im Kern der Diskussion zu Jessys gutem Beitrag geht es doch darum, ob man die Berlin Fashion Week als Kulturveranstaltung einstufen könnte. Und das kann man streng nach Definition des Begriffes Kultur nur bejahen. Das hat nichts mit Meinung zu tun, sondern damit, dass man die Realität anerkennt. Sicher kann man trotzdem der Meinung sein, der Bebelplatz sollte immer leer vor sich hin atmen können. Ich habe nichts dagegen. Dann aber bitte nicht mit dem fadenscheinigen Argument des Politikers Hillenberg. Denn Mode war schon immer Teil der Kultur. Und Kultur im Sinne unseres Sprachgebrauchs (Hochkultur) war schon immer und ist heute ebenso kommerziell wie es die Mode ist. Selbst Mozart und Raffael mussten Geld verdienen ...... auch wenn es etwas weniger war, als Chanel an Lagerfeld bezahl.

    Egal welchen Kulturzweig oder welches Kulturschaffen du betrachtest, alle Akteure der Kultur wollen damit Geld verdienen, müssen Geld dafür nehmen, dass sie Ballette tanzen, Theater spielen, Opernarien singen, Bilder malen, bei den Berliner Philharmonikern die erste Geige spielen oder was auch immer. Wo bitte, liegt da der Unterschied zwischen diesem Kommerz und dem der Modebranche?

    Herr Hillenberg, das garantiere ich dir, hätte wenig dagegen einzuwenden, ein Konzert der Fantastischen Vier auf dem Bebelplatz zu platzieren. Denn das ist seinem schlichten Geist nach Kultur ......

    Ich finde, wenn man den Platz in Ehren halten will, dann sollte man die Berlin Fashion Week und die Stadt Berlin im positivsten Sinne dazu motivieren, Geld dafür zu geben, mit dem im Umfeld der Fashion Week das Gedenken an die Reichskristallnacht mit öffentlichen Bücherlesungen mit Literatur gegen Rassismus begangen werden kann. Von einer Stigmatisierung der Modebranche halte ich gar nichts.

    Ein Verbot der NPD hat sehr wohl mit diesem Thema zu tun. Das Gedenken an die Opfer des Holocaust ist untrennbar mit der Verhinderung jedweder rassistischer Tendenzen verbunden. Und mit deinem Exkurs zu einer NPD in der Illegalität, die sich dann noch schlechter kontrollieren lässt, hast du auch nicht recht. In sehr vielen Ländern sind derartige verfassungswidrige und staatsfeindlich agierende Parteien verboten. Mit dem Erfolg, dass es Haftstrafen für jedes Hakenkreuz hagelt, dass Kinder und Jugendliche vor diesem Pack geschützt sind, sich Städte und Bürger nicht ständig gerichtlich vor Demonstrationen der Rechten zu schützen versuchen müssen und rechtsextreme Straftaten mit schweren Verletzungen und Todesfolge wesentlich seltener vorkommen, als bei uns.

    Wie gesagt, wie respektvoll wir als Personen und als Gesellschaft mit dem schweren Erbe umgehen, hängt nicht davon ab, auf welchem Platz wir unsere Fashion Week abhalten und ob wir das in Gucci Klamotten tun.....


  • manush

    Wann genau findet denn die Fashion Week Berlin im Juli statt?

  • anna

    ich stimme silki zu. die mode hat es sich wohl selber zuzuschreiben, dass ein kommerzieller aspekt vorherscht.

    es geht abgesehen von einem historischen ort um öffentlichen stadtraum, der eh zunehmend weniger frei zugänglich und kommerziellen tendenzen unterliegt. ich finde den einwand seitens politik ok, auch weil eine solche veranstaltung nur einem ausgewählten publikum zugänglich ist.

  • Julia

    @Bridget Moerth Macklin

    ich habe doch gar nicht gesagt, dass Mode kein Teil der Kultur ist, das bestreitei ch ja auch gar nicht. S.o.
    Ich bin nur der Meinung, dass der Bebelplatz nicht der richtige Ort dafür ist.

    Und zum Verbot der NPD.. ich glaube das ist etwas komplexer. Woher nimst du denn deine Statistiken?

  • Elena

    Ich finde diese Diskussion sehr interessant. Denn letztlich geht es um die Frage: Ist Mode Kunst? Andere Künste wie Bildende Kunst oder Musik wurden früher (im Mittelalter) noch nicht als Kunst betrachtet, sondern als Handwerk, als nützlich für den Allttag. Erst in der Renaissance verschob sich das Bewusstsein. An dieser Stelle sind wir, denke ich, mit der Mode auch gerade. Die Modeschöpfer selbst verstehen sich als Künstler, die breite Öffentlichkeit sieht in ihnen Handwerker. Ob die Mehrheit der Bevölkerung der Mode den Bebelplatz freigeben will und ihr damit einen gehobenen Stellenwert einräumen will, hängt doch vor allem davon ab, wie sich die Mode im Bewusstsein der Menschen verankert. Schafft sie für alle Bezugspunkte? Schafft sie Identität? Passt sie zu unserem Leben und unserer Staatsform? Hier liegt es doch an den Modemachern, die Antworten zu finden. Wenn sie Künstler sind, dann werden sie es schaffen, Menschen über kurz oder lang für ihre Werke zu begeistern. Sind sie nur an Kommerz interessiert, dann wird es nicht klappen. Ich bin gespannt, wie sich die Sache in den nächsten Jahren entwickeln wird.

  • Bridget Moerth Macklin

    @julia

    Meine Brandrede für die Mode als Teil menschlichen Kulturschaffens ist wohl mehr ein Rundumschlag für all die scheinheiligen Hillenbergs in Berlin ....

    Wie gesagt, ich habe nichts dagegen, den Bebelplatz leer zu lassen. Mehr Sinn und Würde im Lichte der Bücherverbrennungen erlangt er dadurch nicht. Und naturgemäß besuchen mehr Menschen das Mahnmal, wenn die Fashion Week am Bebelplatz bleibt. Den neuen Standort am Hauptbahnhof halte ich gelinde gesagt für eine Frechheit. Auf die Idee, so eine prestigeträchtige Veranstaltung an einen unattraktiveren Ort zu verbannen, können auch nur völlig wirtschafts- und weltfremde Politiker kommen. Soll das so eine Art Bestrafungsritual oder die Zurechtweisung der Modebranche werden? Erinnert mich an die peinliche und unfreundliche Geste, als die Kanzlerin den Kandidat Barack Obama nicht am Brandenburger Tor reden ließ, obwohl ebendort in Berlin das Zentrum der Halligalli-Veranstaltungen zu sein scheint. Da ging es ja angeblich auch um die Würde und Bedeutung des Ortes....

    Geschäftlich gesehen, müsste es gar keine Fashion Week in Berlin geben. Das arme und wirtschaftsschwache Berlin sollte fröhlich im Dreieck hüpfen, dass es die Berlin Fashion Week gibt, weil Mercedes und IMG sich das PR-Spektakel als Investition in einer ferne Zukunft was kosten lassen (meines Wissens, ohne Fördermittel, die ja für andere Unternehmen und Unternehmungen in Berlin oft maßgebend sind) .

    In Paris oder sonst wo würde man nie auf die krause Idee kommen, eine weltweit beachtete Veranstaltung ohne Not zu verlegen..... Und Berlin hat die „Umsätze“ wahrlich nötiger als Paris. Ganz zu schweigen von der Umwegrentabilität, von der Hotels, die Gastronomie und andere Dienstleister profitieren. Daher sollte Berlin es den Fashion People so schön, angenehm und komfortabel wie möglich machen .... Man vergisst dabei auch ganz, dass die Fashion Week eigentlich noch mehr internationale Teilnehmer (Designer) und Besucher (Einkäufer) benötigte ..... um sich als Veranstaltung zu rechnen und für alle teilnehmenden Firmen zu rentieren.

    Zu dem Verbotsthema kannst du dir gerne meine Mailadresse von Lesmads holen und dich kurz melden. Ich schreibe dir dann ... sonst werden das hier noch längere Romane ....

  • FacebookSascha Johrden

    herrlich, daran sehen wir, was mode alles bewirken kann, denn was heiß diskutiert wird, setzt sich doch in den köpfen der menschen fest, nehmen wir nur mal oliviero toscanis werbecampagnen...und ich denke, was es noch wert ist zu erwähnen, ist dass mode ja grade heutzutage neue eigene gesellschaftskreise formt, das kann gut oder schlecht sein, ist ansichtssache. und nur weil mode, grade industriell und auch im rahmen der kunst, schon verstärkt ein phänomen und eine bereicherung unserer zeit ist und noch sehr modern und avantgardistisch ist, hat sie doch keine geringere wertigkeit als altbewährte kunst.
    ich denke daran liegt es vor allem, dass die fashion week verlegt werden soll.
    und mal abgesehen von den ökonomischen gründen...die fashion week ist ja kein heidnisches oder rassistisches ritual, modeinteressierte sind keine sekte!

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