von Jessie in Kategorie: Mode 15Kommentare

H&M und die Nachhaltigkeit: Interview mit Catarina Midby

H&M produziert seit einigen Jahren die Organic-Cotton-Linie, die aktuell in den Läden hängende "Garden Collection", die aus nachhaltigen Artikeln, wie etwa recycleten PET-Flaschen oder wiedervertwertbaren Stoffen hergestellt wird, läutet aber eine ganz neue Ära beim schwedischen Giganten ein. Bei der Präsentation der Lookbook-Bilder mit Natasha Poly im Januar wurden die Designs gelobt, liessen aber einige Fragen aufkommen. Wie kann H&M so günstig die hochpreisigen Biobaumwollstoffe herstellen? Wieviel Bio steckt überhaupt in den Kleidern und wie sind die Arbeitsbedingungen in den Herstellungsländern?

Wir haben dazu gestern ein Telefoninterview mit Catarina Midby, Trend-Koordinatorin im Headquarter in Schweden, geführt und all diese Fragen gestellt.

Nachhaltige Ökobaumwollstoffe - was müssen wir uns darunter vorstellen und wie kann eigentlich die kostengünstige Produktion garantiert werden?

Grundsätzlich wird nachhaltige Baumwolle ohne Pestizide und Chemikalien hergestellt. Bei kleineren Labels sind die Preise für Biobaumwolle oft viel höher, als der Rest der Kollektion. Uns ist es möglich, einen günstigeren Preis anzubieten, weil wir sehr große Mengen ordern. Dadurch können wir die niedrigeren Preise halten.

Die Kunden wollen nachhaltige Materialien kaufen und sie sollten die Differenz in den Produktionskosten nicht ausgleichen müssen. Als wir vor vielen Jahren begannen, mit Organic Cotton zu arbeiten, waren die Teile auch noch deutlich teurer. Doch jetzt ist sie einfach verfügbarer und da wir immer mehr bestellen, sinkt der Preis deutlich.

Wo werden die Ökostoffe hergestellt und welche Arbeitsbedingungen herrschen vor Ort?

Der größte Teil unserer Baumwolle wird in China, beziehungsweise in Hongkong produziert. Angebaut wird sie aber auch in Indien, in der Türkei und in Pakistan.

Wir richten uns seit 1997 aktiv nach dem Code of Conduct. Ich denke wir sind eine Firma, die das Thema sehr ernst nimmt, vorsichtig ist und wir sind wirklich sehr bemüht. Unsere Mitarbeiter besuchen die Fabriken, um zu überprüfen, ob die Richtlinien eingehalten werden. Wenn wir das Gefühl haben, dass sie ihre Arbeit nicht richtig machen, dann assistieren wir ihnen und versuchen die Probleme zu lösen. Es ist nicht alles perfekt, aber wir sind immer bemüht, für alle die bestmögliche Situation zu schaffen und sie in diesem Prozess zu unterstützen. Wir sind sehr sorgfältig und überzeugt davon, dass unsere Produkte gut produziert werden - worauf wir stolz sein können und wofür wir stehen.

Die Organic-Cotton-Linie gibt es nun schon eine ganze Weile. Woher stammt die Idee der Garden Collection, wie kam es zur Umsetzung und wie wird es damit weitergehen?

Wir haben das erste Mal in den 90ern mit Biobaumwolle gearbeitet, aber das sah zu klitscheehaft ökomässig aus und hat nicht so richtig funktioniert. Wir haben dann erst wieder 2004 angefangen, Organic Cotton in die Kinderkollektion einzubauen. 2007 haben wir sie dann auch im High-Fashion-Bereich eingesetzt. Mit dieser ersten modischen Reihe waren wir dann sehr erfolgreich. Wir haben dann Organic Cotton in immer mehr Kollektionen benutzt. Seit 2008 steigt unser Anteil an nachhaltigen Materialien jedes Jahr um 50 % zum vorherigen. Von unserer Seite aus ist es also ein laufendes Engargement. Trotzdem ist Organic Cotton noch ein sehr kleiner Teil, wenn man die ganze Masse an Baumwolle betrachtet, die wir verbrauchen. Selbst wenn wir wollten, können wir nicht alles auf Organic Cotton umstellen, da auf der Welt zurzeit nicht genügend verfügbar ist. Mittlerweile beträgt der Anteil an Biobaumwolle bei H&M ca. 5% von der gesamten Baumwolle. Weltweit beträgt der Anteil 0,5%. Also liegen wir deutlich über dem weltweiten Wert, aber er ist natürlich immer noch sehr klein.

Wir sind seit 2006 Mitglied bei der "Better Cotton Initiative", in der auch andere großen Firmen wie Nike oder Ikea sind. Unsere Hauptaufgabe in diesem Projekt ist, den Bauern Alternativen zu den Pestiziden zu zeigen und sie darin auszubilden, nachhaltige Baumwolle zu produzieren. In der Vergangenheit sprühten viele Chemikalien auf die Felder, ohne genau zu wissen, ob das überhaupt notwendig ist. Bei "Better Cotton" geht es aber auch grundsätzlich darum Dinge schlauer, sozialer und umweltbewusster zu tun. Das Projekt ist noch im Aufbau und sehr jung. Unser Ziel ist jedoch, bis 2020 jede Baumwolle aus einer nachhaltigen Produktion zu beziehen. Das kann recycelte oder nachhaltige Baumwolle sein. Ein wichtiger Punkt ist hierbei, dass gerade die Produktion von Baumwolle, wenn sie nicht nachhaltig angebaut wird, unglaublich viel Wasser und Chemikalien braucht. Das müssen wir dringend in der Welt ändern, da es für die Umwelt eine extreme Belastung darstellt.

Die Idee der Garden Collection war, dass wir die nachhaltige Baumwolle nicht nur partiell einsetzten, sondern für den Verbraucher deutlich sichtbar machen. Die Kunden legen immer mehr wert auf nachhaltige Produkte und gehen auch gezielt diese einkaufen. Deshalb wollen wir mehr Kollektionen darauf ausgelegt und auch so kommunizieren, damit die Leute die nachhaltigen Materialien deutlich sehen. Wir haben aber auch andere nachhaltige Stoffe wie recyceltes Polyester in die Kollektionen eingebaut. Und wir fanden natürlich, dass dieses florale Thema gut zu den nachhaltigen Materialien passt. Wir wollen uns um die Natur kümmern und da lag die Inspiration der Natur nahe.

In der Zukunft wird es weiterhin Linien wie die Garden Collection geben, ausserdem werden sich noch einige weitere Abteilungen mit "grünen Kleidern" auseinandersetzen. Die Kollektion hat eindeutig gezeigt, wie groß das Interesse der Verbraucher ist, nicht nur modisch gut gekleidet zu sein, sondern sich auch für die Umwelt einzusetzen.

Die Financial Times Deutschland berichtete Anfang des Jahres von gentechnisch veränderter Baumwolle aus Indien, was natürlich den Ökostandards widerspricht, mit denen H&M für die Textilien wirbt. Konnten Sie dort mittlerweile für Klarheit sorgen?

Ja, daran kann ich mich noch gut erinnern. Die Vorwürfe legten sich aber ziemlich schnell wieder, weil es einfach nicht die Wahrheit war. Wir waren auch erstaunt, wie schnell sich diese Anschuldigung verflüchtigte, aber es gab einfach nichts dazu sagen, weil es nicht stimmte.

Was muss in Zukunft optimiert werden?

Wir müssen immer alles besser machen. Wichtig ist ein enger Dialog mit den Verbrauchen, weil alle eine bessere Welt haben wollen. Deshalb ist es wichtig für uns, all unsere Bemühungen zu kommunizieren und damit auch den Konsumenten anzusprechen, was dieser persönlich besser machen kann. Das bedeutet zum Beispiel für jedermann, bei niedrigen Temperaturen zu waschen oder keinen Trockner zu benutzen. Für uns bedeutet das nicht nur, die verwendete nachhaltige Baumwolle besser zu machen, sondern auch mit recycleten und neuen Materialien zu arbeiten. Es ist auch wichtig, über ein nachhaltiges Design zu sprechen. Es ist wichtig, dass die Kleidung länger besteht als nur eine Saison und nicht zu schnell die Form verliert.

Es gibt also viel zu tun, für jeden von uns.

Vielen Dank für das Interview!

Tags: catarina midby, hm, interview, kollektion, ökologische baumwolle, organic cotton, the garden collection
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15 Kommentare

  • Julia Stelzner

    Gute Idee mit dem Interview. Hab ich mich auch schon gefragt, wie das funktionieren soll bei den Preisen. Vielleicht weil ich erst kürzlich von einem Riesenüberschuss an Biobaumwolle gelesen habe. Da sinken natürlich die Einkaufskosten, für die deren im Gegensatz zu anderen günstige Kollektionen stark nachgefragt sind.

  • Astrid

    Geniales Interview. Danke dafür. Da steckt viel Arbeit drin. Aber man merkt: es ist dennoch nicht alles ganz so öko wie man immer denkt. Genauso ist es auch bei anderen Bio-Produkten, die einzelnen Zertifikate unterscheiden sich manchmal so massiv voneinander, dass man sehr verwirrt ist, was überhaupt bio etc. ist.

  • stefanie

    Naja, naja...der große, schwedische Gönner---

    Deshalb nehmen wir H&M aber noch lange nicht als ökologisches, nachhaltiges Modeunternehmen wahr...Meiner Meinung nach ist der Artikel zu werbelastig--- no credibility...

    Generell häufen sich die Beiträge über H&M langsam...kleinere Labels haben doch auch etwas zu sagen, oder??

  • Evalina

    Naja, ist ja schon cool , wie oft die Gute das Wort "bemüht" in den Mund nimmt..sie klingt daher auch manchmal sehr "bemüht". Trotzdem:Gutes Interview!

  • jen

    Endlich mal wieder ein längerer Artikel mit Relevanz! Mehr davon.

    Ist nicht alles Gold, was glänzt – auch wenn ich zustimme, H&M kommt *sehr* gut weg. Andererseits: Ist ja auch logisch. Die pinkelt sich ja nicht selbst ans Bein.

    Ich hab viel von der Garden Collection gekauft, weil es super aussieht und mir die Materialien gefallen. Über mehr in der Richtung würde ich mich freuen – es wäre sehr schön, wenn uns Kunden das transparente Einkaufen möglich gemacht werden und sich das nicht nur auf einschlägige Ökoläden begrenzen würde.
    Die Rechnung großer Cooperate = in jedem Fall böse geht jedenfalls nicht so einfach auf.

  • Jonas

    H&M ist kein Wohlfahrtsverein, sondern ein von Aktionärsinteressen gesteuertes, auf Gewinnmaximierung getrimmtes Unternehmen! Das bisschen Garden-Collection entstand vornehmlich aus PR-Gründen und nicht aus Philanthropie. In Zeiten von LoHaS und einem grünorientierten Röttgen bei der CDU (!) ist Öko und Verantwortung (leider) schon viel zu salonfähig, um als ernst gemeintes Bedürfnis wahrgenommen werden zu können, das gehört einfach zum guten Ton - von Gucci, Louis Vuitton bis Siemens und Bayer, alle sind sie so mitdenkend!

    Der Designer Miguel Androver hat das schön ausgedrückt: "Das ist reines Marketing. Wenn es in einem Geschäft 2000 Kleidungsstücke zu kaufen gibt und nur zwei davon sind öko, dann ist das Augenauswischerei." ( http://derstandard.at/1577836981209/Oekomodehaus-Hess-Natur-Ich-waere-gern-ein-Guerillero ). Und das hat nichts mit mangelnder Verfügbarkeit von Ökobaumwolle zu tun.

    Den Aktionären von H&M ist Öko oder Nicht-Öko relativ egal, die Rendite/Dividenden etc. sind aber dafür umso wichtiger - und letztendlich bestimmen die Interessen der Aktionäre bei H&M die Unternehmensstrategie. Solange der Kunde billig-billig will, sich mal eben für 5 € ein Top zum einmaligen Tragen auf der Party am Abend kauft und wir es noch nicht geschafft haben, den Kunden umzuerziehen, solange wird Nicht-Öko auch weiterhin die höheren Gewinne/Dividenden/bessere Rendite etc. etc. abwerfen und so schnell passiert dann da auch nichts an breiter Front - es sei den der Staat greift radikal ein.

    Mal ganz abgesehen davon sind die Arbeitsbedingungen trotz Code of Conduct und allen Kontrollen bei den H&M-Zulieferern und Subunternehmern nicht nur ab und zu kritikwürdig, sondern das hat systematische Konstanz! Zuletzt konnte man das im schwedischen Programm Korrespondenterna sehen - es verhält sich dort ähnlich wie bei den Zulieferern von KIK. Dazu gibt es hier einen Bericht!

  • tanja

    @Jonas
    DANKE !!! ich bin immer wieder froh das es noch "klardenkende" Menschen wie Dich gibt - und das meine ich im ernst...

  • jen

    ich glaube nicht, dass Jonas klarer denkt als andere hier. Er ist offensichtlich einfach viel besser informiert. *Davon* wünsche ich mir auch mehr.

  • Amy

    ich habe letztens einen Bio-Baumwolle-Strampler für meine 3 Monate alte Nichte bei H&M gekauft. "Ganz ein herziger und auch noch politisch korrekt", dachte ich mir.
    Erst beim näheren betrachten des Innenetiketts habe ich gesehen, dass nur 5% bio sind, der Rest ist "normale" Baumwolle.
    Und was sagt man dazu? http://www.textilwirtschaft.de/news/topnews/pages/show.php?id=61504
    Hab ich was im Interview überlesen oder wurde dazu nichts gesagt?

  • jen

    darauf geht sie doch ein, als nach dem Artikel der Financial Times gefragt wurde.

  • lisa

    danke jonas!
    - und was sagt ihr lesmads?

  • Jessie

    @Stefanie Da uns die Fragen speziell am Beispiel von H&M oft gestellt wurden, haben wir in diesem Interview versucht, sie explizit beantworten zu lassen. Das heisst natürlich nicht, dass andere nicht auch etwas zu sagen hätten.

    @Jonas Danke für soviel Hintergrundwissen und Themenauseinandersetzung! Sicher ist das reines Marketing – und das wird indirekt ja auch zugegeben, indem auf "die Bedürfnisse des Kunden eingegangen wird". Nenn mir andererseits mal ein grosses Unternehmen, das nicht auf Gewinnmaximierung getrimmt ist... Nichtsdestotrotz hast du natürlich recht, dass "Öko (leider) schon viel zu salonfähig (ist), um als ernst gemeintes Bedürfnis wahrgenommen werden zu können".

    @Amy Das ist der Absatz mit den Financial Times, der Originalquelle zu deiner Verlinkung.

    Generell zum Interview: Jen sagt schon sehr richtig, dass sich H&M selbstverständlich nicht "selbst ans Bein pinkelt", weshalb einige Antworten trotz mehrmaligem Nachhaken etwas "allgemeiner" ausfallen. Spannend, auf LesMads auch mal die Unternehmerperspektive zu erfahren, fanden wir es dennoch.

  • Amy

    oh, also doch überlesen... danke & sorry :)
    Das kommt davon wenn man um Mitternacht noch der Blog-Sucht frönt

  • anna

    gerne mehr davon! und soweit sollte jeder selbst denken können, dass kein unternehmen sich hinstellt und sagt: "Ja 95% unserer Klamotten sind pestizid verseucht und werden unter harten sozialen Bedingungen produziert."

    Ich nehm den Schweden allerdings ab, dass sie sich dafür einsetzen dies zu ändern und wenigstens punktuelle Massnahmen ergreifen (Wateraid, All for Children,...). Bei anderen (Esprit, C&A, Zara,...) bekomm ich davon allerdings garnichts mit.

  • Boris

    Ja, ja,… organic cotton. Immer wieder ein feines Thema, und je mehr man sich damit auseinander setzt und je tiefer man gräbt und hinterfragt desto mehr kommt man ins Grübeln.

    Was nützt es, wenn in Indien, oder sonst wo, ein paar Quadratkilometer Bio Baumwolle produziert werden, die dann von einer Barnd werbewirksam gepusht werden? Gar nix, den „Bio Baumwolle“ bedeutet noch lange nicht, dass das Endprodukt auch nur annähernd einem ökologisch vertretbaren Standart entspricht. Leider ist es oft so, dass auch wenn Bio-Stoffe, bzw. Rohstoffe verwendet werden, das Endprodukt durch einen völlig konventionellen Herstellungsprozess gegangen ist und da unterm Strich ausser dem werbewirksamen Sprüchlein „Bio-Cotton“ nicht mehr viel übrig bleibt.

    Ich denke aber die meisten wollen gar nicht wissen, wie viel Prozent von dem T-Shirt, dass sie gerade für 10-20€ gekauft haben, auch wenn es „Bio“ sein sollte, tatsächlich ein Naturprodukt ist, oder wie viel Schwermetalle, Chemikalien, usw. beim Bleichen, Färben, usw. anfallen?

    Nur ganz langsam wird deshalb immer mehr auf den Begriff „ethica“ geschaut, und nicht nur auf „Bio“. Für mich ist ein Produkt, welches nur Teilaspekte der gesamten Produktion und Vermarktung „reinwäscht“ – auf neudeutsch „Greenwashing“, nicht wirklich überzeugend.

    Und was ist mit Nachhaltigkeit? Bei einer Firma wie H&M, mit permanent neuem Sortiment in den Läden, und Umsatzdruck - da zweifel ich an NAchlatigkeit doch massiv.

    Gruss
    Boris

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