Art Basel Miami Beach: Ein Rückblick (mit Video)
Warum hat mir denn vorher niemand gesagt, dass meine letzte Woche so wird wie eine Kirmes für Erwachsene? Akkreditiert hatte ich mich eigentlich, weil ich nach art forum und Frieze nochmal diese Messehallenluft atmen wollte, die mir vorher schon so gut getan hatte.
Als ich den ersten Tag in Miami noch kurz zum Strand ausbüchsen konnte, habe ich nicht im Traum daran gedacht, dass ich hierher nur noch nachts zurückkehren würde. Alles passierte in einem so unglaublichen Tempo und so hüpfte ich zwischen Messe, Laptop im Hotelzimmer und Veranstaltung hin und her. Neue und alte Begleiter verschönerten mir jede Minute des Marathons und waren neben der guten Atmosphäre, dem humiden Klima (glow in the face - tags wie nachts) und den abendlichen Kaltgetränken meine Rettung vor dem Kollaps.
Das Gefühl für Zeit und Raum hatte ich spätestens Freitagmorgen verloren, nachdem ich am Donnerstag das erste Mal Schnitzeljagd zwischen dem Mainland und South Beach spielte. Es kristallisierten sich im Laufe der Zeit diverse Eckpunkte heraus, doch Endstation war immer der "Florida Room" im Delano Hotel, der für die Messe vom Team des Le Baron in Paris vereinnahmt wurde.
In dunklen Sitzecken aus rotem Samt dachten Künstler wie Galeristen, sie hätten eine Ausstrahlung wie Alain Delon und guckten sich dementsprechend zielstrebig ihre Opfer aus, die sie dann später zu Pool-Orgien mit ins The Standard entführten. Olivier Zahm und andre haben da einfach ein bisschen zuviel Einfluss gehabt, fürchte ich. Und so lange es mit dem Leitspruch "What happens in Miami, stays in Miami" klappt, gibt's zu Hause vielleicht auch gar keinen Ärger.
Doch wer exzessiv und ausgiebig feiern kann, der kann bei der Arbeit nicht kneifen: Auch wenn es gegen 10 Uhr in der Früh im 47.000 m2 grossen Miami Convention Center recht leer war, strömte die Meute wenig später nach Öffnen der Türen mit sportlichem Elan an den 256 Galerien vorbei.
"Flats anstatt Heels" hiess daher tagsüber das Motto und schien bei den Damen ein lebensrettender Trick gewesen zu sein. Styletechnisch würde ich rückblickend fast sagen, dass trotz Polyestertrend in Gesicht, Körper und Kleiderschrank doch einige sehr vorbildliche Outfits dabei waren. Ob aber geschmackvoll oder nicht, eins hatten alle gemeinsam: Beauty is king.
Ständig war ich damit beschäftigt, Parallelen zwischen Mode- und Kunstzirkus zu ziehen (nachdem mir jemand ein "You're just not superficial enough for this art scene." an den Kopf geworfen hatte) und merkte schnell, dass sich hier zwar der Grossteil um Ästhetik schert, aber zumindest nicht so kämpferisch wie in der Welt der Mode. Und mit weniger Glotzerei vor allem.
Mein Fazit lautet vorerst also wie folgt: Sind die fashion folks doch gerne mal kratzbürstig unterwegs, macht sich in der artsy bubble der höhere Anteil an Testosteron bemerkbar. Es geht viel gelassener zu - oder vielleicht wird einfach nur mit anderen Waffen gespielt. Das Netzwerken geht in der Kunstwelt irgendwie anders, dort ist die Verbundenheit durch die geteilte Leidenschaft so viel friedlicher und tiefer.
"Galeristen leben von der Hoffnung", las ich vor Kurzem und das macht sie trotz wirtschaftlichem Fokus am Ende doch noch so sympathisch. Auch wenn ungebrochener Optimismus so nah an der Grenze zum Realitätsverlust liegen kann, habe ich mir sagen lassen, dass in der Kunstszene das Hantieren mit allzu rationalen Massstäben gar nicht so Praxis ist ("You're such a German."). Deswegen wuseln in Miami wahrscheinlich auch soviele Franzosen herum, und deshalb wird dann die tollste Banalität wichtig - nämlich, dass die Wahl des Bodenbelages am Messestand ein heimlicher Indikator für den Erfolg der Abverkäufe der Galerie ist.
Dass die Uhren hier anders ticken, merkt man spätestens daran, dass Iggy Pop im Urban Outfitters fast einsam sein Buch signiert, die hoch bejubelten Galeristen gar nicht zeigen und sich kaum jemand dafür interessiert, wenn Silvester Stallone unter die Maler gegangen ist. Hier sind gehypte Hipster noch nicht mal dämlich sondern wie im Falle der zauberhaften Aurel Schmidt zum Beispiel sehr nett (wie hier im Video zu sehen).
Bei The Moment wurde es so schön auf den Punkt gebracht: " (I was) ...wondering if a life in art is really just an ad for one long hot, kissy night at the beach. Or something closer to fairyland." Bis ich dann das euphorisierende Chaos an Eindrücken in meinem Kopf sortiert habe, bedanke ich mich jetzt schonmal bei allen beteiligten Faktoren, die mir eine so tolle Woche beschert und mich mit offenen Armen empfangen haben!
Und hier ein paar Eindrücke auf Video, vertont mit dem Song, um den man in diesen Tagen nicht drumherum kam:











Anne
Wow, das klingt wirklich wie ein Ausflug in eine andere Welt. Vielen Dank, dass du uns mitgenommen hast, sehr spannend und irgendwie schwebend.
Peter
Julia, Schnatti und Jessi: ihr seid die Besten! Kuss und alles Liebe!
ervehea
"You're just not superficial enough for this art scene." - Zum Glück!
Ich finde Deinen zusammenfassenden Bericht sehr erfrischend. Dass Du diese Messe mit den Augen eines Laien betrachtet hast, bringt sie uns allen viel näher, die Messe und die Kunst. Kunst soll nicht unnahbar und ausgewählten Fachkreisen zugänglich sein, sondern all jenen, die interessiert sind und inspiriert werden wollen.
Besonders charmant auch Dein Vergleich zwischen "männlicher Kunst" und "weiblicher Mode". Eine solche Gegenüberstellung ist gar nicht so weit hergeholt...
Julia
Das ist glaube ich der beste Artikel, den ich hier je von dir gelesen habe!
Aber wenn man sich das Video anschaut - soviel stylishes Kunstvolk lief da ja nicht rum, oder? Die ganze Messe - mit Ausnahme vom Meer natürlich - erinnerte mich übrigens sehr stark an die Art.fair 21 hier in Köln. Da solltest du nächstes Jahr auch mal vorbeischauen!
Lisa
ui! in deinem video kann man ansatzweise erahnen, was für eine permanente reizüberflutung die letzten tage auf dich eingeprasselt ist - respect! gönn deinem hirn jetzt mal ein wenig pause und dann kommste noch mal rum und erzählst uns ALLES...; )
Freya
Wow - man fühlt sich wie ein Voyeur und Beteiligter gleichzeitig - ich finde deine Arbeit fantastisch - danke!
Romy
Wirklich mal ein gelungener Artikel von Dir! Interessant, informativ, witzig erfrischend und das 'von oben herab' zuhause gelassen. Da macht das Lesen auch Spaß und man 'kommt' gerne wieder hier vorbei.
Vielen Dank und weiter so!
holly
ein wirklich guter artikel!
juju
danke, super lebendig beschrieben, beinahe ist man mit dabei...viele grüße
Carina
Deine Berichte im Laufe der Woche haben mich eher verwirrt,
aber die Zusammenfassung ist toll und Sinn-voll! Mich würde mal interessieren wie man da überhaupt netzwerkt!
bold-mag
optisch erinnert es mich stark an die art forum in berlin - aber wahrscheinlich sehen einfach alle kunstemessen irgendwie gleich aus.
nur das publikum ist ein anderes, finde ich. in berlin hab ich immer den eindruck, nur fachbesucher um mich herum zu haben, während man hier auch viele auch familien& kinder sieht, die eigentlich ziemlich "normal" aussehen. vielleicht liegt es aber auch nur an der mentalität&am wetter, dass viele so "legère" rumlaufen.
kim
gelungener mitschnitt! danke fürs reinstellen!!
Danke euch für das positive Feedback. @bold-mag (gerne das nächste Mal mit normalem Namen): Super beobachtet, denn das Video stammt von den Besuchstagen am Wochenende, da wurde das Publikum familiärer, Donnerstag und Freitag tummelten sich die scheinbaren "Experten" in den Messefluren.
blica
"Das Netzwerken geht in der Kunstwelt irgendwie anders, dort ist die Verbundenheit durch die geteilte Leidenschaft so viel friedlicher und tiefer."
letztere einschätzung halte ich leider für ein standard-klischee (meine erfahrungen schauen zumindest anders aus)...