Videointerview mit Cyprien Gaillard
Ich habe es tatsächlich geschafft, die Frieze Art Fair zu überqueren, ohne das Video von Cyprien Gaillard zu sehen. Nach der Lektüre der Artikel in monopol und Artforum ärgerte ich mich doch sehr, an dem jungen Franzosen vorbeigelaufen zu sein. Als dann jedoch das Herbstprogramm der Galerie Sprüth Magers in meinem Briefkasten lag und die ab heute beginnende Soloshow des Künstlers ankündigte, konnte ich mir meinen Fehler wieder verzeihen.
Unser Interviewtermin fand während der Hängung zwischen Kartons und Klebeband statt. Schon beim Research haben mich die mit Musik untermalten Videos so beeindruckt, dass mich das in der aktuellen Ausstellung zu sehende "Cities Of Gold And Mirrors" auf 16 mm in fünf 1:40 Minuten-Sequenzen eine Weile sprachlos machten.
Eine Weile später durfte ich an mit "Geographical Analogies" gefüllten Vitrinen vorbei mitkommen ins Bibliothekszimmer, wo ich Cyprien Gaillard die nächsten zwei Stunden interviewte. Wir fingen an über Street Art zu diskutieren, er erklärte mir mit Inbrunst, weshalb er Banksy für seine "Verfehlinterpretation von Vandalismus" nicht ausstehen kann und was es für ihn damals als kleiner Junge bedeutete, den Platz vor der Bank of America in San Francisco mit seinem Skateboard in Besitz zu nehmen.
Ich gebe zu, niemandem kaufe ich die Begeisterung zum Vandalismus so sehr ab wie Cyprien Gaillard, so sehr sogar, dass ich bei der Vorbereitung auf das Meet-and-Greet fast Angst hatte. Doch mit welchen meiner Ängste er eigentlich spielte, wurde mir erst nach dem Gespräch bewusst.
Warum fällt es uns so schwer, einstürzende Gebäude schön zu finden? Oder vertrocknete Wüsten nicht als bedrohlich? Und sich prügelnde Hooligans nicht als gefährend zu betrachten?
Gaillard spielt mit der Vergänglichkeit jener Bedeutung, die einst den Bauten attestiert wurden, als sie in einem Versprechen von Utopie erbaut worden. Mit einer Aktion, sei es Sprengung oder Explosion, wie die Feuerlöscher, die er 2003 auf einer Wiese in Frankreich zum Platzen brachte, werden Träume und Harmonien brutal zunichte gemacht. "There is no pinks and flowers in your work!" So versuchte ich ihn aus der Reserve zu locken. Und er entgegnete: "No, but haven't you seen my latest video from Cancun? I thought it was very colorful."
Und genau darin zeigt sich seine Handschrift: Er zerstört die Landschaften und Plätze, um sie danach wieder schöner zu machen. Nachhaltigkeit reloaded, sozusagen. So erklären sich auch die Vitrinen im ersten Stock, in denen rautenförmig angeordnete Polaroids aller möglichen Orte (Glasgow, Taiwan, Ohio, Ägypten) in 10er Packs wie archäologische Fundstücke präsentiert werden. Wenn er so an den 25 Kästen entlang geht und mit seinem T-Shirt die Glasscheiben poliert, sprudelt die ganze Leidenschaft aus ihm heraus.
Mit leuchtenden Augen erzählt er mir, wie faszinierend er es findet, in sieben Sekunden eine ganze Landschaft in ihrer vollen Energie einzufangen. Sein Werkzeug ist die Kamera, Film oder Analog - aber niemals digital. Das Internet mag er auch nicht, sagt er, vielleicht bis auf Epicly Later'd. Facebook benutzt er nicht, aber immerhin klingelt sein Handy zwischendurch ein paar Mal. Wie bewundernswert er doch Dash Snow findet, der sein ganzes Leben lang ohne Handy und Emailadresse auskam, darf ich mir anhören. Wie eigen die Kommunikationswege in der Kunstwelt funktionieren, beschreibt er mir recht einleuchtend: Einfach gute Arbeit machen und still sein. Dann kämen sie schon auf einen zu. Das sei nicht wie bei uns in der Mode, wo man Bewerbungen schreiben muss.
Seine anfänglichen Zweifel, Künstler zu werden, dürften seit den letzen zwei Jahren vollends beseitigt sein. "I never knew what I should do with my life until I started making these videos and it all made sense just in this context of art. I don't know what I was doing, but I liked it." Als jüngster Stipendiat des DAAD darf er noch bis Sommer 2010 in Berlin wohnen und wird danach wohl auch hier bleiben. Bis dahin reist er aber auch weiterhin in der Weltgeschichte herum, performed in Warschau, New York und Miami zusammen mit Koudlam, seiner Lieblingsband und Bechallungsbegleitung seiner Werke.
Im Videointerview erklärt er uns kurz, inwiefern Mode mit Kunst zusammenhängen kann, was ihn an Architektur fasziniert und was er als nächstes in Planung hat.
Cyprien Gaillard im Interview:
Wir hoffen nur, dass er nicht im Wahn künstlerischem Tatendrangs Gebäude seines Lieblingsortes Potsdamer Platz in die Luft sprengt, nur um uns allen zu zeigen, wie romantisch es sein kann, loszulassen.
Steckbrief Cyprien Gaillard:
- geboren 1980 in Paris
- vertreten durch Cosmic (Paris), Laura Bartlett (London), Sprüth Magers (Berlin)
- Key Works: "Pruitt-Igoe Falls"(das einstürzende, 18-stöckige Hochhaus in Glasgow), "Desniansky Raion" (die sich prügelnden, russischen Hooligans), "The Lake Arches" (der Freund, der sich beim Skinny Dipping die Nase bricht)
- war Teil der Gruppenausstellung "Younger Than Jesus" im New Museum, New York und im Sommer 2010 im MoMA zu sehen sein
- aktuelle Einzelausstellung: 20. November 2009 bis 16. Januar 2010 bei Sprüth Magers
Abschliessend "Desniansky Raion" mit Musik von Koudlam "See It All":










Rene Schaller
es klingt wirklich sehr spannend, und der künstler ist im interview auch sehr sympathisch. mich verstört immer ein bisschen die tatsache, dass er nun auch schon wieder nicht wesentlich älter ist als ich selbst. ich komme mir schon wieder so festgefahren im alltag vor...
wie schade, dass mein heutiger abend schon ausgebucht ist, ich wäre gerne mal vorbeigestiefelt. aber die ausstellung geht ja noch ein paar tage.
nutzi
Ich hoffe, dass ich die nächsten Tage noch dazu kommen werde, die Austellung zu besuchen.
Her Gaillard wirkt sehr sympatisch und überzeugt von seiner Sache. Das ist eins der wichtigsten Merkmale eines ernstzunehmenden Künstlers.
Schönes Interview. Vielleicht könntest du im Nachhinein noch ein kleines Review posten. Wäre auf jeden Fall sehr dankbar dafür.
Philipp
Kommischer Mashup im letzten Video: das Stück ist nach einem Bezirk hier in Kiew benannt (ist so einer am Rande der Stadt, alles nur Neubauten, und ne Menge von Local-Gangsters;), zeigt aber eine Schlacht (2007) zweier Football hooligans firms, nämlich von FC Zenit St. Petersburg und Spartak Moskau.
Manya
Das Video mit den Hooligans ist verstörend. Ich habe nicht verstanden, was an Vandalismus künstlerisch sein soll.
Warum ist Zerstörung mit dem Ziel des späteren Besser-Aufbaus "Nachhaltigkeit reloaded"?
Warum vermisst Du Rosa und Blumen, bzw. wieso denkst Du, mit so einer Frage jemanden aus der Reserve locken zu können?
Anna
entschuldige julia, mal abgesehen von den tippsern, aber hier bleiben fragen über fragen...
@Manya: Du siehst doch, dass künstlerische Aspekte im Vandalismus darin enden, dass ein Künstler, der sich damit vorrangig in seinen Werken beschäftigt ist, nun in einer der bekanntesten deutschen Galerien vertreten ist. Dinge zu zerstören und sie dann wieder aufzubauen, ob nun physisch oder in Gedanken, empfinde ich als Form des Recyclings, daher die Formulierung "Nachhaltigkeit reloaded". Ich vermisste die rosanen Blumen nicht, sondern wollte mit der Frage aus Cyprien herauskitzeln, wie er sein Verständnis von Schönheit formuliert.
@Anna: Statt Befehlston würden wir uns in Zukunft über neutrale bzw. freundliche Aufforderungen oder Formulierungen freuen. Ebenso begrüßen wir die Angabe deines richtigen Namens im Kommentarfeld.
kim
sry aber was für ein dümmliches "interview"!? anstatt auch nur einmal auf eine antwort einzugehen wird ein vorformulierter, banal weil klischeehafter fragenkatalog runtergerattert. die frage: "ist es dir also egal, was du trägst?" ist einfach nur oberflächlich bis tussig, denn es unterstellt, dass alle menschen so modebesessen wären wie man selbst es ist.
der verweis auf die renommiertheit einer gallerie offenbart leider, dass man eigentlich gar keine ahnung/eigene meinung von der kunst hat sondern nur den vorhandenen autoritäten nachplappert (oder wärest du etwa ohne monopol und artforum jemals von selbst auf den künstler gestoßen?). ich wurd deshalb auch den eindruck nicht los, dass der befragte sich über den "interviewer" insgeheim lustig macht...
@kim: An keiner Stelle habe ich behauptet, irgendeine Ahnung von Kunst zu haben. Irgendwo muss man aber leider immer mal anfangen und das mache ich hier mit den Artikeln zu dem Thema. Wenn du noch weitere inhaltliche Anregungen hast oder vielleicht selber einen interessanten neuen Künstler vorgestellt sehen möchtest, dann schreib uns doch gerne eine Email. Wir freuen uns immer über Leserpost.
anna
befehlston kann ich beim besten willen nicht entdecken... es war auch nicht unfreundlich gemeint. ausdrücke wie "nachhaltigkeit reloaded" wurden mir nicht klar und wirken für mich wie schlagwörter. wenn du über kunst berichtest und - wie du schreibst - keine ahnung hast, braucht es vielleicht mehr als schnell etwas online-research und eine prise von sowas wie "respekt"?
@Anna: Glaube mir mal, dass ich für den Artikel lange genug recherchiert und dem Künstler, den Lesern sowie der Galerie genügend Respekt entgegen gebracht haben. Das machen wir übrigens mit jedem Thema, das du hier auf der Seite finden kannst.
kim
@ julia, wenn du keine ahnung von kunst hast und auch nicht gewillt bist, dir einen eigenen zugang zu erschließen, warum vermittelst du überhaupt den anschein, dich ernsthaft damit zu beschäftigen?
auch eine oberflächliche und sinnverfehlende rezeption kann für den künstler beleidigend sein.
soweit ich erblicke, gibt es in diesem blog schon länger beiträge zu kunstausstellungen. so unwissend und fachneuling dürftest du also eigentlich gar nicht mehr sein.
ich befürworte es stets, wenn sich leute auf neue kunstmedien einlassen und zeitgenössische kunst verfolgen. aber ich finde es erbärmlich, wie sich zunehmend viele menschen als kunstaffin ausgeben (die in wirklichkeit totale kunstbanausen sind), nur weil es vermeintlich zum modernen lifestyle gehört. solche erkennt man 1. daran, dass sie nie zu anderen beschreibungen fähig sind, als diejenigen, die ohnehin in den brochüren, magazinen enthalten sind. 2. daran, dass stets nur nach renommierten namen gejagt wird. dem eigenen geschmack trauen kunstbanausen nämlich nicht, wie könnten sie auch.
da du nach einer anregung fragst - berichte doch mal von ausstellungen, die nicht schon in der presse breitgepriesen oder behandelt sind, die aber dich aus diesen und jenen gründen überzeugen.