Mit Sex gegen die Krise - weniger angenehm, als es klingt
Lorraine schreibt für Fantastic Welt und schliesst mit diesem Beitrag unsere Gastbloggerwoche ab. Sie konzentriert sich in ihrem Artikel leicht empört auf den Sexfaktor der vergangenen Modewochen.
Nachdem Frauen sich nun schon seit einigen Saisons sagen lassen müssen, sie sähen nicht mehr sexy aus, wollen die Designer diesen Vorwurf nun offensichtlich nicht länger auf sich sitzen lassen. Vor allem in Paris blickte man deshalb in diesem Jahr auf so viel vordergründige Sexyness, dass es fast schon in den Augen schmerzte. Overalls, Maxikleider, lässige Hosen, Babydolls sowieso - schlichtweg alles Bequeme: verschwunden.
Stattdessen eine Gaultier-Kollektion namens „G-Spot", die vor allem durch leicht modifizierte Versionen des legendären Spritztüten-BHs auffiel, den der Designer für Madonnas „Blonde Ambition"-Tour entworfen hatte. Und Mikro-Minis, transparente Blusen, Korsagen und Korsetts, als Shorts verbrämte Unterhosen und Strumpfhalter bei Chanel, Dior, Yves Saint Laurent oder Louis Vuitton. „Lingerie-Look", so der Name des nicht ganz neuen Trends, der sich als einer der wichtigsten der diesjährigen Schauen entpuppte. Gleichzeitig aber auch als einer der am wenigsten tragbaren, denn welche Frau will schon als, genau, Madonna circa 1990 auf die Straße gehen?
Möglich, dass „Lingerie" der Look ist, den sich die Designer als (starke) Notfallmedizin gegen das ständige Krisengejammer selbst verabreichen mussten. Immerhin dürfen sie damit im kommenden Frühjahr auch auf männliche Kunden hoffen, die ihre Partnerinnen dann vermutlich auffällig gern in die Boutiquen begleiten werden. Dort hängen schließlich diese tollen Negligé-Kleider, die Frauen aussehen lassen, als hätten sie vergessen, sich anzuziehen.
An Frauen, die sich nicht nur für Männer, sondern auch für sich selbst anziehen, scheint bei diesen Entwürfen dagegen leider niemand gedacht zu haben. Nicht nur, dass ich mir nicht vorstellen mag, mir zur Mikro-Panty einen BH über den Blazer zu schnallen (und sei es auch nur die Andeutung eines BHs); auch die Tatsache, dass Frauen sich auf einmal wieder vom Powerdresser zur Boudoir-Mieze domestizieren lassen sollen, leuchtet mir wenig ein.
So ratlos, wie mich der Anblick dieses Trends am Ende zurückgelassen hatte - ein Ausflug nach England am vergangenen Wochenende brachte Heilung: in Form einer Toga-Party, bei der die Gäste den Lingerie-Look auf ihre Weise interpretierten. Das sah zwar nicht unbedingt schöner aus als in Paris, dafür aber um einiges origineller.











Anne
Schön, dass hier auch mal ein feministischer Standpunkt vertreten wird. Sehr erfrischend... :-)
Nikita
Danke für diesen Beitrag.
Zum einen muss mal gesagt werden, dass die Gaultier-Kollektion wirklich schlecht war und ich eigentlich gedacht hatte, dass die schrecklichen 90er nun hinter uns lägen. Sie war (bis auf wenige Teile) schlichtweg altbacken.
Zum anderen gebe ich Dir mit deiner Analyse vollkommen recht. In letzter Zeit fällt mir aber auch besonders auf, dass momentan wohl keine Fotostrecke ohne nackte Haut auskommt. Nicht nur die aktuelle Tush ist hierfür ein Beweis (die ich übrigens deswegen nach dem Durchblättern genervt im Regal habe liegen lassen). Auffällig ist auch, dass es dabei selten um sinnliche oder gar sinnvolle Aufnahmen geht. Viel zu oft kommt es mir so vor, als müsse halt noch mal ein Busen oder ein Hinterteil gezeigt werden. Warum? Keine Ahnung! Um besser zu verkaufen im Sinne von "sex sells" in einer Rezession? Als Ausdruck unserer Zeit? Aber da kommt der diesjährige Trend zu Overkneeboots natürlich gerade recht. Ich mag sie wirklich, jedoch nur, wenn ich darunter auch bitte was anziehen darf.
LindaLove
dein artikel regt an das eigene betrachten und beurteilen der kollektionen mal zu durchleuchten, denn ich persönlich gehe seit langem unbewusst fast nur noch nach fotostrecken/editorial tauglichkeit der teile. so genial ich mir z.b. einige vict&rolf sachen, oder die diversen fusskiller, zum fotografieren vorstelle, so wenig achte ich doch auf den immer wieder gern eingeworfenen faktor tragbarkeit. denn im endeffekt wird ja auch entworfen zum verkaufen/tragen abseits der frontrow im alltag, nicht nur fürs lookbook, oder das highfashion editorial. und dann scheitert es bei einigen tatsächlich all zu oft an dem verhassten tragbarkeitsfaktor.
eva.ricarda
erfrischend trifft den punkt. danke für den toll formulierten, unglaublich wahren artikel mit inhaltlicher frischluft.
"...zur Boudoir-Mieze domestizieren lassen"
word.
Nenn
Für mich der bisher beste Gastbeitrag. Einfach weil er mir aus der Seele gesprochen hat!
Patricia
Für mich gibt es einen Unterschied zwischen der Mode, die ich trage und der, die ich mir ansehen. Mode zum Ansehen ist Kunst und braucht nicht tragbar zu sein - wie ich finde. Allerdings stelle ich mir auch die Frage: ist es gut, dass beispielsweise ein Busen wie ein Accessoir in den Look mit eingebaut wird? Dürfen blank liegende sekundäre Geschlechtsmerkmale Teil einer Modekollektion sein?
elv
Oh mein Gott, dieses Schwangerschaftskostüm ist ja das grauenvollste von allen ( : nichts gegen Kurven aber: aua!
nora
manche sachen sollten besser in der vergangenheit bleiben.
gaultier hat das nicht ganz mitgekriegt.
aber naja er hat für aufsehen erregt. was will er mehr?
und frauen ware immer schon sexy. dafür braucht es keinen Lingerie-Look. wird meiner meinung nach bald vergessen sein.
Mia
haaaaa was soll das denn sein!?!?!?!?!? ne schildkröte aufn bauch binden und das alles unter dem namen "gaultier" zu präsentieren..lustige sache
Patricia
@Mia: Das mit der Schildkröte ... lol ... :o)