Berlin als Modestadt: "Too Fashionable for Fashion?"
Die Namen der Panelteilnehmer klangen vielversprechend: Dirk Schönberger (Joop), Leyla Piedayesh (Lala Berlin), Michael Sontag (Designer), Karl-Heinz Müller (Bread & Butter), Michael Werner (Textilwirtschaft), die Location annehmbar und die Themenstellung ein wenig vage. Trotzdem Gründe genug, um an einem kalten Abend das Haus in Richtung Kino Babylon zu verlassen. (Foto oben von Lalila, die ebenfalls vor Ort war - danke schön!)
Nach zehn Minuten fast eingeschlafen und ohne Notizzettel, um die wenigen neuen Denkanstöße festzuhalten, danken wir den Veranstaltern beim Tagesspiegel aber trotzdem herzlich für das Event und stellen mit der folgenden Zusammenfassung die zentrale Frage in den Raum: Was kann aus Berlin als Modestadt eigentlich werden?
Die Diskussion:
- Einig waren sich alle in dem Punkt, dass Berlin niemals ein zweites Paris oder Mailand werden kann, sondern stark damit beschäftigt sein soll, eine eigene Identität zu entwickeln. Nur wo ist die?
- Ist denn nun Mode vorrangig ein wirtschaftliches Tool, wie "Bread & Butter"-Chef Karl-Heinz Müller behauptet, oder doch kulturelles Gut, das (wohl gepflegt) vor allem auch die Identität einer Gesellschaft mit prägen kann und soll?
- Leyla Piedayesh (Lala Berlin) plädierte für einen Pool an Koriphäen, die förderungsfähigen Designern Inspiration und Expertise zum Reifen geben sollen. Idee ist toll, aber ist alles, was in Berlin neu wächst und gedeiht, denn auch automatisch dadurch förderungswürdig?
Doch wo beisst sich die Katze da selbst in den Schwanz? Mussten wir nicht schmunzeln, als Leyla erklärt, dass bei ihrer Show am Bebelplatz die "Fachpresse" in der ersten und zweiten Reihe sitzt, damit diese das Gesehene über ihre Medien dem Endverbraucher zum richtigen Zeitpunkt ans Herz legen, damit dieser dann Berliner Mode kaufen kann und somit deren Existenz sicherstellt. Ich möchte hier nicht nochmal meckern, dass "unausgebildete" Modeblogger noch nicht neben den grossen Kollegen Platz nehmen dürfen, aber dass in Berlin ansässige Schreiber, die täglich eine Website befüllen für eine deutschlandweite, potenzielle Fangemeinde immer noch auf Widerstand in der Kommunikation mit Labels stossen, erklärt sich mir einfach nicht. Auch wenn unter den jungen Leser nicht zwingend die Kaufkraft für einen Wollpulli à 800 Euro schlummert, so weiss doch jeder Marketing-Amateur, dass hier auch das Branding einer Marke stattfindet, eben gerade, wenn manche Labels erst sechs Jahre existieren und noch so einfach und unbehaftet in die Köpfe gepresst werden können. Wer sagt denn der Mama, sie hätte gerne einen 329 Euro teuren Schal aus Cashmere zu Weihnachten geschenkt, während neben der Geschenkübergabe unterm Christbaum die 37-jährige Cousine aus Frankfurt sitzt, die dann bei der nächsten Gelegenheit zuschlägt, wenn sie von der Strickjacke von Sonia Rykiel gelangweilt ist.
Dirk Schönberger hatte es treffend zusammengefasst, als die Debatte um das Timing der Bread & Butter, neben Mercedes Benz Fashion Week und Premium kreiste: Alle zusammen aber nicht gemeinsam. Paris hat die grossen Couturehäuser mit langjähriger Tradition, New York den Sleek Chic und das größte Kaufvolumen, London geballtes Experimentiertalent und Mailand die hochwertigste Verarbeitung von teuren Materialien - da kann Berlin doch fast nur durch die raw energy (Zitat Suzy Menkes) punkten. Im Ausland verkaufen sich die hier herrschenden Vibes so unglaublich gut, warum will der Knoten dann doch nicht platzen? Weshalb nehmen die wenigen, etablierten, grossen und sicherlich auch kommerziellen Häuser neben Joop, Boss und Schumacher die Jungen nicht mehr an die Hand und spielen Wegweiser, Förderer und Supporter? Wie wichtig da doch die Anwesenheit einer Claudia Schiffer ist und wie erfreulich es wäre, wenn ein Derek Blasberg von Style.com mehr zustande bringen könnte als ein kleiner Artikel mit dämlichen Bildern.
So regnet wie vieles Erstrebenswertes auch das Ansehen in der globalen Modeindustrie nicht vom Himmel und ich wundere mich, dass eben der Tenor einer solchen Diskussion wie heute nie wirklich der ist, dass es a. noch eine Weile dauert und b. es nur die Kooperation aller vor Ort Beteiligten ermöglicht, in ca. vier weiteren Saisons endlich Aufsehen zu ernten. Sicher strengen sich Organisatoren, PR-Firmen und Labels nach besten Kräften an, aber die Bemühung an sich hat noch keinen Meister hervorgebracht. Da stehen mindestens noch 47 Meetings und Round-Tables an, die den Dialog fördern und die Motivation zur brillianten, mit Herzblut erfüllten Umsetzung zur Konsequenz haben. Und da muss ich doch der Ode an die Elite widersprechen: Die Begeisterung für die nationale Modewoche gebären in Stufe Eins nicht nur die Privilegierten, sondern das Volk und alle Beteiligten zusammen.
Wir wissen noch aus Schulzeiten und Praktika: Als Neue(r) konnte man sich einfach die ersten Tage auch nicht benehmen wie ein Großer. Da heisst es anfangs erstmal gross Zurückhaltung üben und den Höhergestellten die vollkommene Zufriedenheit zu erbringen. Die Rollenaufteilung scheint intern im Konstrukt noch nicht ganz klar. In meinen Augen ist das ein Mix aus Geldbgebern und Medien. So hat es das Team rund um die Milk Studios doch auch dieses Jahr in New York geschafft, die coole kleine Schwester des Bryant Park zu werden und kam auch ohne die Anna-Wintour-Attendance-Flatrate aus. Doch warum?
Weil sie durch Freundlichkeit bestachen, jegliche Überheblichkeiten von Bord schmissen und mit guten Designern durch beste Leistung herrausragten. Vielleicht ist es das, was Berlin fehlt: gute Modeschulen, um es mit Saint Martins oder Antwerpen aufnehmen zu können.






Rene Schaller
eine schöne zusammenfassung, ich kann mir den abend sehr gut vorstellen!
Isabel
"Die Namen der Panelteilnehmer klang vielversprechend: ..." - ?? - vielleicht besser "klangen", da Plural?!
Sollen jetzt die Leserinnen und Leser die Rechtschreibkorrektur übernehmen? Kommt; demnächst einfach die Artikel vorher Korrektur lesen. Zu schade für Euren Blog!
Tessa
Da hüpft das Herz bei einem längeren Artikel. Und weil ich Depp gestern das Podium vergaß.
Anne
Habe auf meinem Blog auch einmal eine Zusammenfassung des Symposiums geschrieben. Die Diskussion um die Elite ging mir auch gehörig auf die Nerven. So macht man sich keine Freunde. Und ich denke der wichtigste Satz des Abends kam von Michael Werner: „Berliner Mode hat Patchworkcharakter, es fehlt ihr an Konstanz.“ Und genau das entsteht wie du schon sagst nur aus einer jahrelangen Bewährungsprobe. Man muss halt wachsen, um ein großer zu werden...
@Isabel: Danke für den Hinweis. Den Fehler habe ich zwei Minuten nach Veröffentlichung korrigiert. Vor allem würde ich mich aber freuen, wenn du statt formaler Anmerkungen vor allem inhaltlich etwas zum Thema beitragen könntest.
karla
danke für die Zusammenfassung!
Rechtschreibfehler kommen in den besten Familien, Magazinen und Zeitungen vor. das tolle ist, online können die ganz, ganz schnell korrigiert werden . und ein Tippfehler macht noch keinen... Winter?
anna
das hat nichts mit den berliner modeschulen zu tun, sondern eher damit dass designer wie piedayesh gehypt werden, die angst vor der demokratisierung der mode halt, weil den leuten vielleicht dann endlich mal klar werden würde, das 350€ für nen schal auzugeben einfach nur bescheurt ist. die sich koriphäen wünscht, damit die ihr gefälligst helfen. doch wobei bitte schön? die frau hat nen laden im angesehendesten viertel berlins, weltweiten verkauf, modeschauen auf der berlin fashion week und horrende preise. was will sie denn noch, göttlichen status erreichen? weltherrschaft? also ne, solange solche designer für berlin stehen, gehts mit berlin nich aufwärts. es wird weiterhin selbsverliebtheit und wochenendkreativität herrschen. ich liebe und lebe in berlin, aber berlin hat noch ne menge zu lernen. vorallem mode nicht ständig als exklusivgut zu handeln, sondern es endlich mal jedem zugänglich und verständlich zu machen, dann würde sich vielleicht auch endlichmal soetwas wie modeverständnis entwickeln, aber solange giselar müller nicht erwünscht ist, wird sie weiterhin zu h&m und zara gehen.
Miriam
Super Zusammenfassung! Kann mir sehr gut vorstellen, wie es abgelaufen ist. Und solche Diskussionen scheinen Gang und Gäbe zu sein! Im Endeffekt wird viel geredet, nix gesagt und noch weniger getan! Leider!
Rene Schaller
unglaublich, diese überheblichkeit... berlin fehlt es an substanz, wer überall mitspielen will kann nur scheitern.
die berliner mode kräpelt vor sich hin, weil zwar kreatives potenzial da ist aber diese dann am unprofesionellem marketing, unzuverlässigem vertrieb und überheblicher pr zugrunde gerichtet wird. man feiert sich gerne selbst...
warum war eigentlich michi michalsky nicht da, der hat doch auch zu allem eine meinung. ich persönlich finde er ist einer der hauptverantwortlichen für den schlechten ruf der berliner mode und ein schlechtes leitbild, an dem sich aber nur allzu gerne die anderen orientiert haben.
Mia
oh ja - einiges davon abartig nervig
su
"... und noch so einfach und unbehaftet in die Köpfe gepresst werden können"
- stil ist anders -
melda
scheint irgendwie ein teufelskreis zu sein, mal sehen was ich in den nächsten jahren so tut. aber meiner meinung nach, wird berlin (leider) immer etwas hinterherhinken. hier in deutschland gibt es immer zu viele meinungen, zuviel diskussion und viel gerede mit wenig tat, das spiegelt sich nicht nur in der mode wieder. die anderen (mode-)nationen sind da etwas radikaler und konsequenter, was anscheinend erfolgsversprechender ist.
Lara Maria
Ich war gestern ja auch da und fand es einen wirklich gelungenen und interessanten Abend. Ich hoffe es gibt ein nächstes Mal.
vera
man vergisst bei dem Gerede auch den historischen und kulturellen Faktor: Paris vor allem, aber auch Mailand und New York haben eine viel längere Tradition d.h. ein ganz anderes kulturell tradiertes Bewusstsein was Mode anbelangt. So etwas schafft man nicht innerhalb von 20 Jahren. Berlin stand im intern. Vergleich nie für Chic sondern für das etwas Grobe. Außerdem: In Deutschland investiert man nicht gern in Kleidung, sondern in Technik, nicht in Genuß, sondern in langlebige Werte. Wer es dennoch tut, wird wie man kritisch angesehen. Versucht ein Designer bei einer Bank einen Kredit zu bekommen, na dann gute Nacht...
mark eting
nice read!
habe vor ein paar wochen mal nen Kommentar irgendwo mitbekommen, dass Berlin ähnlich dem New York Ende der 70er/ Anfang der 80er wäre. Wie lang ist die New Yorker Fashion Week denn schon so etabliert? Weiss das jemand?
Und was halten denn die Berliner (die evtl. das NYC o.g. Epoche auch kennen) von diesem Vergleich?
Katrin
Das ganze Problem führt immer wieder auf die Zeit ab '33 hin. Deutschland hat ab diesem Zeitpunkt seine intellektuelle Elite verloren und nie wiederbekommen, egal ob Musik/Mode/Lifestyle. Bis dahin hat es sehr wohl in der 1. Liga mitgespielt! Ich meine sogar führend! Konnte man doch schon um 1850 im Baedecker nachlesen, wie sehr sich die französische Frau nach Deutschland sehnte!
Denken wir an Musik,Literatur was kam großartiges aus diesen Landen!
Definitiv ist auch, dass Berlin niemals den Zustand von 1980 (like New York) erreicht bzw. damit vergleichbar ist. Berlin ist einzigartig, doch um diesem Zustand zu erreichen sind die Voraussetzungen gar nicht gegeben. Denken wir nur an die Armut-/und Reichtumsverhältnisse, den Lebenswandel etc. Berlin ist dafür auch zu wenig pulsierend, ich denke da waren die 90er besser für die Stadt! Jetzt bläst sich alles unangenehm auf...Jeder, der mindestens 5 Jahre in der Stadt lebt bestätigt diesen Trend!
vera
@ Katrin: d' accord. Berlin hatte seine Golden Twenties und war modetechnisch weit vorne, dennoch: ein kurzes Aufflackern, aber keine Kontinuität. im Vergleich mit Frankreich war es davor und danach !was Mode! anbelangt immer ein Nachzügler. Deutschland war sicher das Land der Dichter und Denker, auch musikalisch ging einiges, nicht aber das Land der großen Couturiers. Da sehnten sich die Berlinerinnen nach Paris, wo man sich auf Hochzeitsreise mit neuen Kleidern eindeckte.
Fashion
Habe einen Intressanten Artikel über Mode , bin mal gespannt op er euch gefällt viel spass http://www.chopper-apparel.de/fashion.php
Judith
ich habe an besagtem Abend auch der heißen Diskussion gelauscht und möchte Leyla etwas verteidigen.
Das Gerede von Priviligierten darf man nicht all zu ernst nehmen, verständlich, dass gerade eine berliner Jungunternehmerin die frontrow mit Presse zupacken muss, denn Presse ist bei solchen Veranstaltungen der wichtigste Teil gleich gefolgt von Promis&VIPs.
Eine Fashionshow ist nicht für den kleinen Endverbraucher gedacht. Ziel ist es nicht, dass die eine oder andre sich denkt "oh das Kleid dort würde ich mir ja gerne kaufen".
Es geht darum das Label in die Öffentlichkeit zu bringen, aus Berlin raus, hin zu Vertretern und Einkäufern für den großen Markt und dann zum Schluss kommt es zurück zu uns, den Endverbrauchern.
Also nicht eingschnappt sein, wenn Kartenwünsche für die Fashion Week nicht berücksichtigt werden können.
Der ganze Rummel um die Shows ist ohnehin übertrieben und die Kleidungsstücke kann man im Laden auch viel genauer unter die Lupe nehmen..
Und das viele im Modegeschäft die Nase oben tragen, ist ja allseits bekannt. Einfach alles mit einem Schmunzeln an sich vorbeiziehen lassen und weniger meckern von wegen "die haben dazu gar kein recht..das is alles überteuert und überbewertet..."