von Julia in Kategorie: Lifestyle 15Kommentare

Interview: Johann von der Circleculture Gallery

Header_CC_johann.jpg Quereinsteiger, Ordnungsfanatiker, Rebell oder doch vorbildlicher Jungunternehmer, selfmade Kunsthändler und treusorgender Papa: Nach einer Audienz bei Johann Haehling von Lanzenauer bin ich mir noch nicht ganz sicher, in welche Schublade ich den 34-Jährigen stecken möchte.

In der Circleculture Gallery, die zur Zeit "Self Portraits" ausstellt, bekam ich einen kurzen Einblick in die Transformation, die Street-Art im künstlerischen Kontext salonfähig macht und dann doch noch nicht etabliert genug ist auf Kunstmessen eine Pole-Position einzunehmen. Im Videointerview gab's von Johann wertvolle Informationen über sein daily business und damit einen weiteren Beweis, daß Herzblut meist der sicherste Garant für Erfolg ist.

Video: Johann - Circleculture Gallery, Berlin

Als Teenie im Punk Rock untergetaucht, in besetzen Häusern die ersten Atemzüge der Revolte eingeatmet, fand Johann nach dem Politikstudium letztendlich in Berlin den willkommenen Kontrast zum beschaulichen Schwarzwald, wo er aufgewachsen ist. 2001 gründet er nach Redakteurszeit (Style and the Family Tunes) und Trendscout-Dasein (Levi´s) mit Dirk Staudinger "Circleculture" als Projektraum für Urban Art und Agentur für Markenkommunikation.

Für Kunden wie MTV Desigerama und Nike werden Konzepte entwickelt, sechs Jahre bastelt er an der Emanzipation der Street-Art, bis der internationale Push durch Künstler wie Banksy endgültig die langersehnte Aufmerksamkeit vom Himmel regnen lässt.

Die Subkultur der Graffiti-Sprayer und Skateboarder trifft so auf die durchaus aufgeschlossenen Ohren einer breiten Öffentlichkeit - und mit Werken von Shepard Fairey für die Obama-Kampagne oder der Beschmückung von Hausfronten in den brasilianischen Slums durch JR fliessen erstmals Rubel in die Kasse. Dass aber weniger das Geld und vielmehr die Anerkennung seiner jahrelangen Feilerei den finalen Schulterklopfer bewirken, ist selbstredend.

Beflügelt vom wachsenden Zuspruch, pfeffert es im HBC im November vergangenen Jahres einen Erwachsenenspielplatz mit dem Namen "Berliner Straße" (zu sehen bei Hobnox oder YouTube). Erinnere ich mich doch noch gut daran, dass ich selbst auf zwei Stockwerken das Gefühl für Zeit und Raum verlor und das erste Mal richtig so von den Scribbels der Straße geflashed war. Xoooox, Jaybo aka Monk, Charlie Isoe, Alex Flach, Anton Unai - allesamt Lanzenauers future potentials, die wohl früher oder später ihre Kunst von der Straße und dem freien Raum "draußen" in die Wohnzimmer von Sammlern stecken werden. Daniel Tagno zelebriert "Cocaine" auf 239x540 cm, Nomad hat es immerhin schon zu Demi Moore und Ashton Kutcher geschafft, von beautiful losers kann also lange nicht mehr die Rede sein.

So stehe ich noch mit einer Zigarette im Hinterhof, höre mir Beschwerden über die geräuschempfindlichen Nachbarn an und ertappe mich dabei, dass ich weder Kunsthistoriker noch kiffenden Skater vor mir sehe. Dass ein Stand auf der Art Basel für ihn ein bisschen wie Verrat an der Subkultur bedeuten würde, macht mir dann aber mein Fazit noch klarer: Das hier ist Revolte, ein Raum gefüllt mit kreativen Goldstücken, die Affront gegen eingetrocknete Kunstregeln sind. Wo Akzeptanz doch irgendwie Dolchstoß bedeuten würde, pflegt er enge Kontakte zu befreundeten Künstlern und sorgt für Unterkunft und Butterbrot. Ich diagnostiziere akutes entrepreneurism und bin gespannt auf die nächsten Schritte. Mögen sie doch in die Richtung seiner Lieblingsgalerien in London (stolenspace, Elms Lester Painting Rooms) und New York (Deitch, Jonathan Levine) gehen, dann ist ein banksy-ähnliches Museumsprojekt in Bristol vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt.

Buchtipp und Basis für den Text ist im Übrigen "Street-Art: Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz", Autorin ist keine geringere als Juli von Hobnox.

Tags: circleculture gallery, interview, johann haehling von lanzenauer, street art, urban art
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15 Kommentare

  • Teresa

    Toll, Julia! Ich bin begeistert! Ich hatte davon noch nichts gehört und freue mich zwischen schönen Modetipps immer mindestens genauso über solche.

  • ana lucia

    Kunsthändler sind immer selfmade.

  • Julia

    "...und das erste Mal richtig so von den Scribbels der Straße geflashed war..."

    Also bitte - das kann man doch auch schöner ausdrücken, oder? Zum Beispiel auf Deutsch?

  • ana lucia

    ... hab mich auch schon gefragt, warum das Interview auf Englisch sein musste. Ihr sprecht doch beide Deutsch. Wieso also so angestrengt?

  • Pascal

    julia, in deinen texten steck immer eine menge leidenschaft und eine art von "sinnlichkeit".

  • Julia

    @ana lucia: Wir wollten die internationalen Leser nicht ausschliessen und haben das Interview daher auf englisch gemacht.

  • ana lucia

    @Julia: natürlich, aber Untertitel hätten es auch getan. ;)

  • Valentina

    Untertitel machen aber zusätzlich Arbeit. Wieso kompliziert, wenns einfach auch geht ;)

  • ana lucia

    Weil's manchmal einfach besser daher kommt.

  • Katha

    Hallo liebe Julia, wollen wir vielleicht Links tauschen?
    lg

  • Susann

    tolles interview. gefällt mir sehr gut, dass zwischen den mode-tipps auch die kunst-szene nicht vernachlässigt wird und natürlich die menschen, die dahinter stehen

  • Alex

    Ihr seht die "Trends" auch immer erst, wenn sie schon vollkommen durchkommerzialisiert sind, oder?

  • katja

    war am WE in der Hauptstadt und hab wieder fleißig "street art" fotografiert, das nächste Mal schau' ich dann auch Mal in der Circleculture Gallery vorbei - gute Sache + gute Arbeit!

  • mark eting

    putting street art in a gallery is like caging animals!
    it´s for kids.

  • Anna Maria

    Die Aussage, dass Circle Culture bei der Pasting Aktion von JR in Rio involviert gewesen sein soll ist definitv falsch!!

    Woher kommt diese Information?

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