Stilinterview mit Ana Finel Honigman
Dazed, Interview, Sleek, TANK, Last, V Magazine - das ist nicht die Auflistung meiner heutigen Bookmarks oder der letzten Errungenschaften bei Do You Read Me. Nimmt man Style.com, saatchi-gallery.co.uk und A Shaded View On Fashion noch mit dazu, hat man keine geringere als Ana Finel Honigmans Sammlung an Publikationen, die sie mit Berlin-esquen Stories um Mode und Kunst versorgt. Regelmäßig schaufelt sie mir glänzende Perlen aus den Tiefen des Internets entgegen und ich kenne wohl kaum jemanden, der zu gleichen Teilen Chaos, Intelligenz und Sex in einer Person so vorbildlich verbindet wie sie.
Darf ich vorstellen? Die Dame, die jeden Small Talk in angenehme "Brainstorms" verzaubert...
Shorts:
- Ihr Twitter-Name: anafinelhonigma
- Ihr letzter Artikel: "Apple Of Your Eye"
- Ihre Interviews: Susie Bubble, Ann Sofie Back
- Ihr Lieblingsfotograf: Maxime Ballesteros
- Ihr Lieblingsschmuck: Genger und Von Kottwitz
LM: Wie hast du mit dem Modejournalismus angefangen?
AFH: Als ich acht Jahre alt war, habe ich drei Ausgaben eines Magazins (30 Seiten, komplett mit Impressum und Anzeigen) mit dem Titel Élan gebastelt. In der Universität wurde ich dann mit Kunst abgelenkt und bin seither Kunstkritikerin. Ich wollte Kunst und Mode schon immer miteinander verbinden und habe in meinen letzten zehn Jahren als Kritikerin ein besonderes Augenmerk auf die Kollaboration beider Branchen geachtet. Für Style.com habe ich über zeitgenössische Kunst geschreiben und wurde dann gefragt die London Fashion Week zu covern, weil ich zu der Zeit dort lebte um meinen Abschluß an der Oxford University zu machen. Seitdem habe ich von Fashion Weeks berichtet und konnte so eifrig Profile von Desigern schreiben, deren Arbeiten ich sowieso schon bewunderte. Ich liebe es diese beiden Welten zu verbinden und Mode aus einer künstlerischen Perspektive zu betrachten. Ich hoffe meine Arbeit verschafft herausragenden Desigern die intellektuelle Aufmerksamkeit, die sie verdient haben.
LM: Beschreibe deinen Style und was dich inspriert!
AFH: Mein bester Freund, der Maler David Nicholson, hat meinen Stil einmal als "biblical whore" (biblische Hure) beschrieben. Obwohl ich maskuline Stücke wie die Hemden meiner Ex-Freunde, Anzughosen, Männerhüte und Blazer liebe, hatte ermit der Beschreibung vollkommen Recht. Normalerweise sehe ich aber wohl aus wie eine dieser Boho-Chic-Ladies, d.h. meine Shirts fallen immer halb von der Schulter, kombiniert mit goldenem Schmuck, vintage Fellen und Schals. Dazu trage ich am liebsten conceptual High-Heels, schwarzen Kayal und zerzauste Haare. In den nächsten Jahren will ich mich ein bisschen mehr zusammenreißen, aber bis es soweit ist, die lockere Phase noch ein bisschen ausnutzen. Was ich in letzter zeit besonders gerne mache: Ein Teil, das ich gar nicht mehr so gerne mag mit einem Haufen anderer Teile zu tragen. Es ist wie Magie und mir gefällt das Teil dann in der Kombination doch wieder gut. Für mich ist das sowas wie mysteriöse Chemie, wahllos schreckliche Geschenke und bereute Einkäufe auf einmal ganz anders wirken zu lassen. Die Stücke scheinen sich gegenseitig zu neutralisieren und verborgene Tugenden luken hervor. Alchemie nennt man das, glaube ich...
LM: Wer sind deine Lieblingsdesigner?
AFH: Ich versuche mich nicht festzulegen, um mich dann wieder neu überraschen zu lassen. So richtige Favoriten habe ich nicht. Ich tendiere jedoch eher zu aufstrebenden Designern als zu großen Labels. Meine persönlichen Lieblingsstücke im Schrank sind von Zero + Maria Cornejo, Daryl K, Helmut Lang, Alexander McQueen und Rubin Chapelle. Auf dem Catwalk sind Ann-Sophie Backs' smarte, satirische Shows immer das Highlight der London Fashion Week. Dann gefällt mir noch Mario Schwab mit seiner genauen Schneiderkunst, die seine intellektuellen Referenzen miteinfliessen lässt. Aus den gleichen Gründen mag ich auch das Label des Designers Ranji Ye namens "The Centaur", den ich vor kurzem in Seoul sehen konnte. Hier vor Ort liebe ich Lala Berlin und bin treuer Fan von Sisi Wasabi und Anuschka Hoevener. Wenn ich nochmal richtig überlege, besteht fast mein ganzes Schuhregal aus Exemplaren von Costume National mit einigen Ausnahmen von Alexander McQueen (Zwei Paar) und Margiela (ein Paar Wedges aus Seide, die so sexy sind, dass ich jedes Mal fast selber rot anlaufe, wenn ich sie angucke).
LM: Dein Lieblingsmodel?
AFH: Kate Moss natürlich! Von Lara Stone, Lizzie Jagger und Irina Lazarenau war ich von dem Beginn ihrer Karriere an besessen. Ich bewundere Iekeliene Stange, Christina Kruse, Mariacarla Boscono und Liya Kebede für ihre wundervolle Arbeit ausserhalb des Modebranche. Unverständlicherweise entdecke ich oft eine starke Anziehung zu Alice Dellal. Zum sauberen Ausgleich erwarte ich gespannt die Entwicklung der Newcomer Jac, Wanessa Milhomem, Abbey Lee, Alice Burdeu und der faszinierenden Lakshmi Menon.
LM: Welchen Trend würdest du für die nächsten Monate hervorsagen?
AFH: Viel Struktur. Die werden wir brauchen um die Angst vor der Zukunft in allen Bereichen unseres Lebens zu bewältigen. Wir langen nach der Gewissheit, dass unsere Einkäufe gute Investitionen sind. In dem Kontext wirkt gerade arbeitsintensive Ware sehr beruhigend. Um selbstsicher im eigenen Outfit aufzutreten, hilft es sich als reife Erwachsene wahrzunehmen, um den harten Zeiten die Stirn bieten zu können. Solide Farben, Pencil-Skirts, seriöse Blazer und unkonventionelle aber nicht skurrile Trenchcoats reihen sich auf den Kleiderbügeln. Wie der entlassene japanische Karriere-Mann, der vortäuscht ins Büro gehen, wollen wir für die Arbeit bereit und adäquat gekleidet sein. Selbst wenn wir in den Zeiten des Wirtschaftsbooms wie Happy Hipsters rumgelaufen sind.
LM: Was gehört in jeden Kleiderschrank einer Frau?
AFH: Alles, was früher die Mama getragen hat, ein charakteristischer Duft und nicht zu teure, sehr hohe Heels die frisch aussehen, sehr ungezogen sind und genau zu einer feurigen Afterparty passen!
LM: Du kannst nicht leben ohne...
AFH: Den ganzen Winter war es auf jeden Fall meine Fellmütze, die ich vor fünf Jahren in Shanghai an einem Marktstand auf der Strasse erfeilscht habe. Den Rest des Jahres wechsle ich zwischen meinen LIeblingsketten, die Freundinnen mir gefertigt haben. Wie ich sie zusammen kombiniere, habe ich noch nicht rausgefunden. Die eine Kette ist von Nina Stotler. Es ist ein Stück ihrer Schmuck-Kollektion namens Von Kottwitz; aus bronzefarbenen Schrauben und Muttern. Oder ich trage die Kette meiner anderen Freundin und Künstlerin Orly Genger im Seil-Ketten-Stil. Sonst strickt sie ellenlange Industrieseile und fromt massive Installationen daraus. Eine Kollaboration mit der Schmuck-Designerin Jaclyn Mayer hat diese und weitere Ketten entstehen lassen.
LM: Dein Lieblingsbuch, -film, -song?
AFH: Buch: Dostoevsky's "The Possessed". Film: 'Five Easy Pieces' mit Jack Nicholson, dicht gefolgt von 'Hud' mit Paul Newman. Beim Song wird's schwieriger. Album: Bobby Bare "The Columbia Years: Bare's Picks." Sonst bin ich ein richtiger Country-Musik-Fan, obwohl Amy Winehouse da ganz gut mithalten kann. The Kills und Lily Allen waren aber in letzter Zeit auch gute Konkurrenz.
LM: Wo gehst du einkaufen?
AFH: Meistens in dem Schrank meiner Mutter, weil ihre abgetragenen Sachen mein eigenes Budget überschreiten und sie einen unbezahlbar guten Geschmack hat. Wenn ich Geld übrig habe, warte ich bis ich wieder in London bin und durchstöbere sorgfältig meinen liebsten Retro-Store in Notting Hill. Der ist eine wahre Goldmine! Bei meinem letzten Besuch hätte ich beinahe meinen Flug nach Berlin verpasst, weil ich für einen schwarzen Valentino-Blazer, klassische Gucci-Heels, eine Militärjacke in Olive-Grün und einen Armani-Rock aus den Achzigern nicht aus der Schlange gehen wollte. Es hat gelohnt, für nur 200 GBP bin ich jetzt die Besitzerin dieser Stücke.
LM: Wenn du einen beliebigen Kleiderschrank leeren dürftest, welcher wäre es?
AFH: Ohne Frage den von Carine Roitfeld und dann will ich auch direkt noch ihren Körper, ihr Gesicht und alles andere von ihr! Sie strahlt Intelligenz plus gereifte Attraktivität aus und scheint einen bewundernswerten, gesunden Humor zu besitzen. Nach ihr wäre es ein Stechen zwischen Daphne Guiness und Lady Amanda Harlech. Von meiner engen Freundin Hope Atherton würde ich mir zu gerne ihren pomeranian pup wolvie schnappen. Vielleicht als Entschichädigung dafür, dass ich den Yard-Sale von Erin Wasson verpasst habe... Jedes Mal ertappe ich mich beim Bewundern von Lou Doillon und Charlotte Gainsbourg, doch bei genauerer Betrachtung realisiere ich, dass es nicht die Kleidung an sich ist, sondern die Art wie sie sie tragen und beleben. Eine sehr begehrenswerte Fähigkeit.
LM: Wenn du 1.000 Euro für ein Stück ausgeben dürftest, was wäre es?
AFH: Ich war vor einer Weile auf Jacken mit big shoulders fixiert und konnte sie nirgends finden. Ich bin extrem glücklich, dass sie diese Saison überall auf den Laufstegen zu sehen waren und liebe besonders Christophe Decarnins Entwurf in schwarz für Balmain. Ich glaube es gibt nichts auf der Welt, was ich mehr will! ich hoffe in ein, zwei Saisons wird der Trend in Notting Hill ankommen!
Nach soviel Mode noch ein Herz für Kunst: Anas Lieblingsgemälde von Hope Artherton und David Nicholson.














nina
yes, endlich mal ein interessantes interview und ein guter artikel dazu. tolle frau!
zwenja
von ihr könnten sich hier mal 90% der leserinnen eine scheibe abschneiden! tolle frau! stil!
REIGEN - Juliane
i fell in love with a girl...
intelligenz trifft sinn für oberfläche.
paul
tolle frau! tolles interview
Orly
A great piece on an amazing woman! She leads many. David is right- she is biblical in so many ways.