Die Modeindustrie in der Krise: Wohin geht's?
Es hatte doch alles so gut angefangen: Im Januar, so erinnere ich mich noch, waren alle so sehr angetan von der revolutionierenden Windrichtung der Kreationen während der New York Fashion Week. Blöd nur, daß Monate später gegen Ende der 52 Wochen, die ein Jahr nun mal hat, die Wirtschaft in rezessionsartige Verhältnisse stürzt. Psychologisch begründet im recency effect erinnern wir uns ohne groß nachzudenken immer an zuletzt Genanntes.
Und weil es, wie in der Politik, mit den Medien nun mal so funktioniert, daß irgendwann jeder Journalist oder Blogger drüber geschrieben hat, surrt und zischt es auch in den mode-affinen Publikationen nur so davon, daß uns allen Untergang, Abstinenz und gedrückte Stimmung bevorsteht. Die Gürtel müssen enger geschnallt werden, Vintage und DIY werden wohl ihre doppelten "15 minutes of fame" erreichen und gegen Liebeskummer müssen wir uns nun ein anderes Ventil suchen als den bewährten Shoppingexzess. Für uns als Konsumenten ist es vielleicht bloß eine Anpassung der Gewohnheiten, für die Designer selber, die damit nun mal ihr Geld verdienen und ihre Mieten bezahlen, hat die Talfahrt der Banken einen geringfügig grösseren Einfluss.
Doch schlau sind die, die aus der Not eine Tugend machen. Prada hat schon damit angefangen und die, die glaubhaft behaupten können, dass artsy fashion movies eh viel mehr 2.0 sind als öde altbackene Fashion-Shows, die können damit nicht nur einen Trend vorantreiben sondern auch noch 'ne Menge Geld sparen (siehe auch Viktor & Rolf). Hat man von diesem kleinen Kniff in der externen Kommunikation bezüglich der internen Sparmaßnahmen nicht Gebrauch gemacht, wird man mit so unschönen Headlines wie "XY is moving out of the tents" bestraft, von denen es die letzten Tage nur so regnete. Wie ärgerlich das Verstreuen auf die Off-Locations ist... zumal damit die Nerven der Besucher (Presse, Einkäufer und Geschäftskunden) mit noch mehr Hin- und Hergehüpfe strapaziert werden und ich mich frage, wo der Service am Kunden bleibt und wann sich die Ersten dann über übelgelauntes Feedback wundern. Be nice to your visitors und ernte, was man sät - oder so in die Richtung.
Bei allem Grund zur Besorgnis: Lasst uns das Beste draus machen! Wie humorvoll Susie Bubble schon überlegte, wie sie das Thema der Dazed & Confused Xmas-Party ("Rezenssion") umsetzen soll, Jessie kurz Pause vom Konsum-Flash einlegte und Derek Blasberg breits im Juli bei style.com die Recessionista definiert hat. Es ist vielleicht die Chance, sich auf's Wesentliche zu besinnen. Stefano Pilati sagte in der Monocle: "Fashion could be more relevant. It needs to be understood rather than just consumed." Was mich beim Darübernachdenken daran erinnerte, wozu Mode eigentlich da ist (Ausdruck der Persönlichkeit, Identifikation usw.). Und warum die Mode trotz viel geringerer Umsatzzahlen im Vergleich zu traditionelleren Industrien wie Rohstoffe und Automobil nicht aus der Weltwirtschaft wegzudenken ist, eben weil sonst nirgends kreativ-künstlerischer Output so vorbildlich monetarisiert wird (also wenn alles gut läuft, versteht sich).
Auch wenn im Frühjahr 2009 noch viel mehr entlassen und gespart werden soll als bei Chanel, freue ich mich trotzdem auf die kommenden Fashion-Weeks. Denn wer ist nicht ein Künstler, wenn er für Herausforderungen keine Lösung findet und wer sagt, dass die Genialität einer Kollektion nur daran bemessen wird, wie viele Martinis sich das Designteam nach Feierabend reinstellen kann. Sleek Chic war auch vorher schon drin und man wird sich das Hochlob auf die Opulenz doch noch für ein paar Saisons verkneifen können?!
Um aber die Frage in der Überschrift zu beantworten: Die Models von Rodarte auf dem Headerfoto laufen alle erstmal schön die Treppe runter, weil da gleich die Show beginnt. Da die aber auch wieder vorbei geht, tipseln sie alle danach brav die Stufen wieder hoch, ziehen sich um und gehen nach Hause. Wer das verstanden hat, der braucht sich auf lange Sicht gar keine Sorgen zu machen...




louise
meine güte. ein richtiger text.
cr
ein richtiger text und auch noch ein guter text! Super!
Lisa
2 thumbs up!
Marie-Thérèse
julia! eine freude!
immer wieder würd ich mir das wünschen - im kommenden jahr 2009 vielleicht?
ist echt ein genuss zu lesen...
weiter so! und bis bald!
liebe greets
marie-thérèse
Ju
ja, gut, dass das thema endlich auch hier auf den tisch kommt. womit du völlig recht hast, ist der satz, was ein künstler wäre, wenn er nicht auch aus dieser not einen ausweg oder gar besser dafür eine lösung finden würde.
denken wir zurück an die 20erjahren, von denen meine oma noch kürzlich sprach, die wirtschaftskrise hat die modeindustrie nicht etwa geschwächt, nein, sondern angekurbelt. denn in dieser zeit der gürtel enger schnallen wollen frauen doch im grunde nur eines - sich nicht die laune verderben lassen. und so wird auch heute, glaube ich, die krise für spass genutzt, und ich glaube nicht, dass die modeindustrie stark davon beeinträchtigt sein sollte. denn sind es, einer wirtschaftsanalyse zufolge sowieso nur ca. 20 % der bevölkerung wie ich kürzlich las, die in aktien, fonds und immobilien investieren - davon dürften dann zB haute cotoure, aber auch die günstigeren zweitmarken von d&g und co. betroffen sein, nicht aber geschäfte wie h&m, zara, usw usw usw., jedenfalls nicht in diesem ausmaße.
für die lösungsansätze, über die du in deinem text schreibst, bin ich jedenfalls allen designern dankbar und freue mich auf alles was noch kommen wird. insbesondere interessante vintage-überlegungen.
fauque
Ich finde es richtig, dass nun auch hier über die Kriese diskutiert wird. Habe mich schon länger nach etwas mehr Bodenständigkeit, neben dem ganzen exzessiven Konsum der hier vorgelebt wird, gesehnt.
Ich hoffe man versteht was ich meine.
Würde mich freuen hier öfter in dieser Qualität lesen zu können.
hannah
toller artikel! echt gut hier mal was zu lesen das länger als drei zeilen ist und sich auf einer anderen ebene mit mode beschäftigt!